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Dienstag, 10. Juli 2018

Erregtes Sauerkraut

Sauerkraut im Normalzustand
Endlich kann ich wieder frei lesen. Da habe ich mir John Updikes Roman The Witches of Eastwick gegriffen – aus Bequemlichkeit in der deutschen Ausgabe -, den ich (wegen des Titels?) immer im Regal habe verstauben lassen. Und wieder bin ich, nach all den deutschen Gegenwartsromanen, fasziniert von Updikes Schreibkunst. Hier eine Stelle, wo er die gängigen Stereotypen über die Deutschen persifliert:

Alexandra, Jane und Sukie, die drei sexuell überaus aktiven „Hexen“ aus dem Roman (ganz normale Frauen) sinnieren über das Verhältnis eines Gemeindemitglieds mit seiner deutschstämmigen Frau Greta:

„Ob die noch miteinander vögeln?“ fragte Alexandra versonnen; sie fühlte sich entspannt mit ihren Freundinnen und ließ ihre Gedanken schweifen und Bilder aus der Natur einsammeln. „Wie steht er das nur durch. Es muss wie erregtes Sauerkraut sein.“
„Nein“, sagte Jane bestimmt. „Es ist wie – wie heißt dies hässliche Zeug noch, das die so lieben – wie Sauerbraten.“
„Sie marinieren ihn“, sagte Alexandra. „In Essig, mit Knoblauch, Zwiebeln und Lorbeerblättern. Und Pfefferkörnern, glaube ich.“
„Spricht er mit dir darüber?“ fragte Sukie anzüglich zu Jane gewandt.
„Wir sprechen nie darüber, auch in den intimsten Augenblicken nicht.“, sagte Jane pikiert. „Alles, was er mir zu diesem Thema jemals anvertraut hat, ist, dass sie es einmal in der Woche braucht, sonst wirft sie mit Gegenständen um sich.“

John Updike, Die Hexen von Eastwick, Hamburg 1985, S. 39

Donnerstag, 26. Januar 2017

Findelverse (5): Dinkel

Bei der Google-Suche nach dem deutschen Wort für „Spelt“ (Ich hatte auf dem Groninger Markt ein Tütchen Kekse gekauft, 100% Spelt, sehr lecker übrigens), kam ich über „Dinkel“ in die deutsche Superfood-Welt, die mir immer völlig fremd geblieben ist.


Dabei fand ich auch das folgende Gedicht, das in wenigen Versen einen eindringlichen Blick auf die Kulturgeschichte und Soziologie der deutschen Küche eröffnet. So kompakt und zielführend kann das nur ein Mensch mit Migrationshintergrund, und ja, der Autor, Àxel Sanjosé, ist ein gebürtiger Katalane, der seit vierzig Jahren in München lebt:

Dinkel

Einst, da war’n die Menschen frei,
lebten froh und ohne Dinkel,
aßen Kohl zu fettem Pinkel
und zum Frühstück Speck und Ei.

Heute sind die Menschen froh
wenn sie aus dem Augenwinkel
schauen einen Bau von Schinkel
(Sellerie zerkauend, roh.)

Axel Sanjosé, veröffentlicht in: Titanic. Das endgültige deutsche Satiremagazin Nr. 8, 2003


Das sei mein Beitrag zum heutigen “gedichtendag” in den Niederlanden.

Mittwoch, 24. Dezember 2014

Mockturtle aus Ostfriesland

Mockturtlesuppe ist mir seit meiner Kindheit in Ostfriesland bekannt. Dass es sich dabei um eine ostfriesisch-niedersächsische Spezialität handelt, was wiederum mit der europäischen Geschichte von vor 200 Jahren zu tun hat, war mir jedoch nie bewusst.


Gestern bat ich meinen (niederländischen) Sohn, bei seinem Einkauf in einem ostfriesischen Supermarkt doch eine Mockturtle mitzubringen (der Ostfriese spricht das Wort treudeutsch aus, so wie in „Turteltaube“). Prompt kam aus Ostfriesland der Anruf: „Was ist das? Wo finde ich das?“


Suppenschildkröte
Schildkrötensuppe gilt als die „Königin der Suppen“. Nun steht aber die Suppenschildkröte seit 1988 unter internationalem Artenschutz, und die Suppe ist legal nicht mehr erhältlich. Eine ähnliche Situation hat es bereits in den Jahren zwischen 1806 und 1814 gegeben, als Napoleon von Berlin aus eine Wirtschaftsblockade gegen die britischen Inseln verhängte: die Kontinentalsperre.


Das damalige Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg war seit dem 18. Jahrhundert in Personalunion mit Großbritannien verbunden. Das blieb auch nach dem Ende Napoleons noch eine Weile so: im neuen Königreich Hannover 1814-1837. In diesen Gebieten hatten sich allerlei englische Sitten und Gebräuche eingebürgert, unter anderem die Vorliebe für die köstliche koloniale Schildkrötensuppe, die aber sowieso schon immer kostspieliger wurde.


Als die Einfuhr völlig blockiert war, besannen sich die Ostfriesen auf eine englische Sparvariante, die mit Kalbs- und Rindfleisch hergestellt und mock turtle genannt wurde. Da sie billiger war und dennoch hervorragend schmeckte, wurde sie ein fester Bestandteil der norddeutschen Küche.


Na, und dann darf sie auch im Café Deutschland mit seinen ostfriesischen Wurzeln nicht fehlen. Und es gibt sie zwar in jedem deutschen Supermarkt, aber was das Rezept betrifft, bleiben für mich die Engländer das große Vorbild:



Mittwoch, 19. März 2014

Kein Steckerlfisch in Berlin? Antwort an Helmut Krausser

Das neue Buch von Helmut Krausser ist ausnahmsweise kein Roman, sondern besteht aus seinen Impressionen von deutschen Städten, die er bereist hat. Zum Beispiel:

“Was ist an München schön? Einige Freunde , die da noch wohnen, die Buch- und Weinhandlung Dichtung und Wahrheit und natürlich ein Steckerlfisch im Hirschgarten. Warum brät in Berlin niemand Steckerlfisch? Könnte man gut Geld mit machen. Zweihundertdreißig Seen ringsum. Grillkohle gibts auch zu kaufen. Rendite müsste ganz stattlich sein.”
Helmut Krausser, Deutschlandreisen, Köln 2014

Kein Steckerlfisch in Berlin? Für das Jahr 2006, aus dem diese Überlegungen stammen, mag das zutreffen, aber seit 2013 gibt es auf mehreren Berliner Märkten einen Steckerlfischstand, so auf dem wunderschönen Winterfeldmarkt, an dem wir früher gewohnt haben und auf dem Markt am Breslauer Platz, für uns in zweihundert Meter Entfernung!


Zugegeben: Als Ostfriese und Berliner musste ich erst googeln, was Steckerlfisch überhaupt ist. Ich hatte nur eine vage Vorstellung davon. Dann die Erleichterung: Es gibt Steckerlfisch in Berlin! Denn was könnte es in Berlin nicht geben?

Im Münchener Hirschgarten ist es wirklich sehr schön. Also bleibt die Frage, warum es in Berliner Biergärten keinen Steckerlfisch gibt. Wenn die Rendite so stattlich ist, könnte der Berliner Steckerlfischmann ja seinen Betrieb ausweiten.

Dienstag, 18. März 2014

Du sollst mehr lesen – Warten auf den Deutschen Buchpreis im Herbst 2014

Mein Senf
Nun ist  die Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse schon fast eine Woche her und ich habe  immer noch nicht meinen Senf dazu gegeben, wer denn nun den Preis in der Kategorie Belletristik gewonnen hat.

Das liegt daran, dass ich bisher von keinem der fünf Würstchen, die auf dem Präsentierteller lagen, etwas habe probieren, sprich: lesen können.
Mit anderen Worten: Ich hatte und habe nur Vermutungen, wer nach einem eventuellen Lesegenuss von mir den Preis bekommen hätte. Eine erste solche Vermutung ging in Richtung Martin Mosebach mit seinem Roman “Die Blutbuche”. Inzwischen tendiere ich zu Katja Petrowskajas “Vielleicht Esther”, die viele bewundernde Rezensionen erhalten hat. Volker Hage hat im “Spiegel” dieser Woche noch einmal nachgelegt: “Selten wurde eine Familienrecherche, und es gibt ihrer inzwischen ja unzählige, derart spannend und bisweilen tränentreibend angeboten.” Das Buch erzählt wahre Geschichten, an Fakten orientiert. “So ist es große Literatur geworden” (Spiegel 12/2014).

Bekommen hat den Preis aber Saša Stanišić für seinen Roman "Vor dem Fest".

Vielleicht heben sich ja alle Katja Petrowskaja für den Deutschen Buchpreis auf, der auf der Frankfurter Buchmesse im Herbst verliehen wird. Dann werde ich ganz bestimmt meinen Senf dazu geben.

Dienstag, 18. Februar 2014

Thüringer Klöße: Lecker, lecker!

Für die Erweiterung der Speisekarte von Café Deutschland tue ich fast alles, wie man an dem folgenden Video sieht. Vier Millionen Deutsche können nicht irren:





Das ist Fritz.


Und das ist Fritz' Leibgericht


Dienstag, 11. Februar 2014

Wilhelm Busch - Pfannkuchen und Salat

Pfannkuchen und Salat

Von Fruchtomletts da mag berichten
Ein Dichter aus den höhern Schichten.
Wir aber, ohne Neid nach oben,
Mit bürgerlicher Zunge loben
Uns Pfannekuchen und Salat.


Wie unsre Liese delikat
So etwas backt und zubereitet,
Sei hier in Worten angedeutet.


Drei Eier, frisch und ohne Fehl,
Und Milch und einen Löffel Mehl,
Die quirlt sie fleißig durcheinand
Zu einem innigen Verband.
Sodann, wenn Tränen auch ein Übel,
Zerstückelt sie und mengt die Zwiebel
Mit Öl und Salz zu einer Brühe,
Daß der Salat sie an sich ziehe.


Um diesen ferner herzustellen,
Hat sie Kartoffeln abzupellen.
Da heißt es, fix die Finger brauchen,
Den Mund zu spitzen und zu hauchen,
Denn heiß geschnitten nur allein
Kann der Salat geschmeidig sein.
Hierauf so geht es wieder heiter
Mit unserem Pfannekuchen weiter.


Nachdem das Feuer leicht geschürt,
Die Pfanne sorgsam auspoliert,
Der Würfelspeck hineingeschüttelt,
So daß es lustig brät und brittelt,
Pisch, kommt darüber mit Gezisch
Das ersterwähnte Kunstgemisch.
Nun zeigt besonders und apart
Sich Lieschens Geistesgegenwart,
Denn nur zu bald, wie allbekannt,
Ist solch ein Kuchen angebrannt.


Sie prickelt ihn, sie stochert ihn.
Sie rüttelt, schüttelt, lockert ihn
Und lüftet ihn, bis augenscheinlich
Die Unterseite eben bräunlich,
Die umgekehrt geschickt und prompt
Jetzt ihrerseits nach oben kommt.
Geduld, es währt nur noch ein bissel,
Dann liegt der Kuchen auf der Schüssel.


Doch späterhin die Einverleibung,
Wie die zu Mund und Herzen spricht,
Das spottet jeglicher Beschreibung,
Und darum endet das Gedicht.
Wilhelm Busch, Zu guter Letzt, 1904

Wilhelm Busch
 

Sonntag, 2. Februar 2014

Sonntagsbraten




Komisch: Der Kurzfilm “Sonntagsbraten” von Andrea Lehmann ist professionell gemacht, mit professionellen Schauspielern.  Er müsste doch ein Publikum finden. Aber er wurde seit Oktober 2013 auf YouTube nur sechs Mal angeklickt (davon ein Mal von mir).
Und noch ein Rätsel: Warum heißt der Film “Sonntagsbraten”?

Apropos: Bei uns gibt’s heute Tafelspitz. Hoffentlich nicht unter vergleichbaren Umständen.



Samstag, 19. Oktober 2013

Peter Handkes Höherer Humor – Ein Satz aus dem Pilznarren

Jeder essbare Pilz ist für eine Überraschung gut. Das steht im „Versuch über den Pilznarren". Und jeder Satz bei Peter Handke gleichfalls. Man muss sich auf ihn einlassen: auf den Pilz im Mund und auf Handke im Kopf:

“Sich einlassen – und das Munden verlangsamt das Essen zum Speisen, das Speisen zum Kosten, und das Munden, Speisen, Kosten gehen über ins Beherzen und Beseelen wie, ach, gar zu selten, das Essen, das Mahlzeiten, und kraft all dessen zusammen zu guter Letzt das Herabsinken und zugleich, herrje!, seltener als selten, Pulsen der Ruhe, gepaart mit dem, weh, nur zu den heiligen Zeiten, Aufsteigen des Gottnächsten in dir und mir, lieber Leser: des bestirnten Himmels der Phantasie!“
Peter Handke, Versuch über den Pilznarren, Berlin 2013, 148f.

Ach! Herrje! Weh! Die vielen Substantivierungen! Darunter völlig ungewöhnlich „das Mahlzeiten“, das eine ganz eigene, ungekannte Konnotation entwickelt. Und hier wird – das einzige Mal – der Leser angesprochen, der eben auch die Chance zu dieser Erfahrung hat – wenn er sich einlässt!

Ach! Herrje! Weh! Was macht mir das für Spaß: der Höhere Humor bei Handke!

P.S.: Im "Freitag" ist eine schöne Rezension zum Pilznarren erschienen.

Samstag, 12. Oktober 2013

Peter Handke - Ein Pilzwunder!

In seinem neuen Buch „Versuch über den Pilznarren“ beschreibt Peter Handke die Geschichte eines Jugendfreundes, der in seiner Kindheit in den Wäldern Pilze gesammelt hat, um sie zu verkaufen, Pfifferlinge vor allem, die „Gelben“.

Später wurde aus dem Jungen ein bekannter Anwalt, der mit Pilzen nichts mehr am Hut hatte, bis er, in seinem fünfzigsten Lebensjahr, in Anzug und Krawatte durch den Wald schreitend, zum ersten Mal bewusst einen Steinpilz wahrnahm. Die Szene beschreibt Handke wie eine mystische Offenbarung, eine ungekannt intensive Erfahrung von Gegenwart und Natur. Sie sollte das Leben des Mannes verändern. In erster Linie nimmt seine Entwicklung zum „Pilznarren“ hier ihren Lauf.

Er trägt den Pilz wie eine Reliquie vor sich her zum Treffpunkt mit seiner Frau in einer Bar. Der Barkeeper ist zufällig auch ein Pilzliebhaber und beginnt mit seinem Messerchen „hauchfeine, oblatenähnliche Stücke“ von dem Pilzfuß abzuschneiden. Er weist seine Gäste auf das Geräusch beim Zerteilen hin und auf die Tröpfchen, die aus den Schnittstellen quellen. Wo habe man je einen derart klaren Wassertropfen gesehen?

“Und schon hatte der Barmann den Teller mit den fast durchsichtigen weißen Rondellen, diese roh, gespickt mit Zahnstochern, dem Paar hinübergereicht, und mein Freund und seine Frau kosteten das Gericht, ohne eine Zutat, kosteten bedenkenlos – die Frau im übrigen als erste – und verzehrten im Lauf der Stunde den ganzen so zubereiteten Pilz, wobei das Essen bis zuletzt ein Kosten blieb. Wie noch nie kam mein Freund auf den Geschmack. Und das hieß: Mithilfe der Speise gut denken und Gutes denken, Gutes fühlen.“

Peter Handke, Versuch über den Pilznarren, Suhrkamp: Berlin 1913, 82f.

Eine mystische Mahlzeit! Im Laufe des Buches verweist Handke auf die vielen verschiedenen Namen, die die Pilzsorten auch innerhalb derselben Sprache haben. Denen kann ich noch die Unterschiede zwischen dem Deutschen und dem Niederländischen hinzufügen: Auch nach Jahrzehnten haben die Wörter „cantharellen“ (Pfifferlinge) und „eekhoorntjesbrood“ (Steinpilze) für mich einen besonders schönen und fast mystischen Klang.

Auf den Berliner Märkten gab es sie in den letzten Wochen im Überfluss. Am besten schmecken sie mir pur, ganz ohne Beilagen. Roh müssen sie allerdings nicht unbedingt sein.

Weiteres zu diesem kleinen Roman mit seinen wunderschönen Natur- und Naturempfindungsbeschreibungen findet sich zum Beispiel in dieser Rezension in der FAZ.

Samstag, 7. September 2013

Sei mir gegrüßt, mein Sauerkraut!


Emigrierte Deutsche, die gelegentlich in ihr Heimatland zurückkehren, verhalten sich oft dem Klischee entsprechend, das man sich von ihnen im Ausland macht. Hier ein Beispiel, die Essgewohnheiten betreffend:



Der Tisch war gedeckt. Hier fand ich ganz

Die altgermanische Küche.

Sei mir gegrüßt, mein Sauerkraut,

Holdselig sind deine Gerüche!
Gestovte Kastanien im grünen Kohl!

So aß ich sie einst bei der Mutter!

Ihr heimischen Stockfische, seid mir gegrüßt!

Wie schwimmt ihr klug in der Butter!
Jedwedem fühlenden Herzen bleibt

Das Vaterland ewig teuer –

Ich liebe auch recht braun geschmort

Die Bücklinge und Eier.
Wie jauchzten die Würste im spritzelnden Fett!

Die Krammetsvögel, die frommen

Gebratenen Englein mit Apfelmus,

Sie zwitscherten mir: »Willkommen!«
»Willkommen, Landsmann« – zwitscherten sie –,

»Bist lange ausgeblieben,

Hast dich mit fremdem Gevögel so lang

In der Fremde herumgetrieben!«
Es stand auf dem Tische eine Gans,

Ein stilles, gemütliches Wesen.

Sie hat vielleicht mich einst geliebt,

Als wir beide noch jung gewesen.
Sie blickte mich an so bedeutungsvoll,

So innig, so treu, so wehe!

Besaß eine schöne Seele gewiß,

Doch war das Fleisch sehr zähe.
Auch einen Schweinskopf trug man auf

In einer zinnernen Schüssel;

Noch immer schmückt man den Schweinen bei uns

Mit Lorbeerblättern den Rüssel.

Heinrich Heine, Deutschland, ein Wintermärchen, 9. Kapitel