Deutschland und die Niederlande sind raus. Wunderbar!
Jetzt habe ich wieder Zeit für andere Dinge!
Ich kam gestern von einer mehrtägigen Reise nach Dordrecht zurück. Das niederländische Wetter hat sich an diesem Tag von seiner vielfältigsten Weise gezeigt: Schon auf dem Weg zum Wasserbus (!) für die Rückreise wurden wir, die wir gerade noch in einer herrlichen Sonnenwolkenlandschaft gesessen hatten, von einer gnadenlos ungestümen Regen-Hagel-Böe überfallen und mussten klatschnass aufs Boot gehen. In Utrecht schienen dann die gesamten Bahnverbindungen durch Blitz und Donner ausgeschaltet zu sein, aber ein gut informierter Mitarbeiter verriet uns eine Geheimverbindung nach Groningen, die wirklich funktionierte.
Erschöpft zuhause angekommen, machte ich mir eine Suppe von der niederländischen “Kleinste Soepfabriek“, von der ich immer ein Dutzend im Haus habe. Diesmal wurde es die „Oekraïense Borscht“: herrlich!
Ich neige dazu, die Suppen ein wenig nachzuwürzen und kam beim zweiten Teller ins Schwitzen. Auch fiel mir beim Löffeln auf, dass im Niederländischen das Wort „Borschtsch“ ohne das zweite „sch“ auskommt. Deutsch ist ja immer etwas komplizierter! Solch eine Häufung von Konsonanten hintereinander in einem Wort (8!) ist aber schon höchst ungewöhnlich. Mehr schien es bis gestern auch nicht zu geben.
Bis mich mein Schweißausbruch auf das neue Wort brachte, das ich hiermit zum Buch der Rekorde anmelden möchte:
Borschtschschweiß
Zwölf Konsonanten hintereinander! Welche andere Sprache hat diese Möglichkeiten in Wortbildung und Rechtschreibung?
Der ganze Vorgang half mir bei der Erholung, Sättigung und dem inneren Vergnügen für den Rest des Abends, auch wenn er offenbar ein Zeichen der Erschöpfung war.
Für heute ist noch ein Teller über.
Erst nach meiner Besprechung von Sebastian Haffners autobiographischem Roman „Abschied“ vorletzte Woche im Deutschen Lesecafé ist mir aufgefallen, dass es verblüffende Ähnlichkeiten mit Vicki Baums 1929 veröffentlichten Roman „Menschen im Hotel“ gibt. Jetzt weiß ich: Es sind nicht nur zwei ähnliche Romane, sondern Haffner hat seinen „Abschied“ als bewusstes Gegenstück zu Vicki Baums Erfolgsroman geschrieben. Wäre er 1932/33 veröffentlicht worden, hätte Berlin noch eine muntere Literaturdebatte erlebt, bevor die Verbote der Nazis die moderne Kultur erstickten.
Aus uns unbekannten Gründen hat Haffner das Manuskript aber zeitlebens in der Schublade gelassen. Die posthumeVeröffentlichung im Jahr 2025 geschieht weit jenseits des damaligen literarischen und politischen Kontextes und wird außer ein paar freundlichen Rezensionen nichts bewirken.Nach der Lektüre von Vicki Baums Roman bin ich überzeugt, dass Haffner (ich nenne ihn im Folgenden mit seinem damaligen Namen Raimund Pretzel) seinen Roman als bewusst komponierten „Counter Point“ dazu geschrieben hat. Die Anregung hatte er von der Lektüre von Aldous Huxleys Roman „Point Counter Point“ (1928), den er gleich am Anfang von „Abschied“ eine wichtige Rolle spielen lässt.
Viele auffallende strukturelle Parallelen und Ähnlichkeiten zwischen „Abschied“ und “Menschen im Hotel“ sprechen für diese Annahme: die Grundstruktur mit einer Handvoll Hauptfiguren im Hotel, mit einer immer hektischer werdenden und von mehreren Uhren umtickten Zeit, die Einbettung in das Leben der Großstadt der zwanziger Jahre und das Bemühen mehrerer Männer um ein- und dieselbe junge Frau. Aber innerhalb dieser Grundstruktur erzählt Pretzel dann eine sehr akzentuiert andere Geschichte.
Man darf ohne weiteres davon ausgehen, dass er den Roman „Menschen im Hotel“ kannte und wahrscheinlich auch das davon abgeleitete Theaterstück, das am 30.1.1930 uraufgeführt wurde. Er nahm in seinen Zwanzigern zusammen mit seiner Geliebten Teddy intensiv am Berliner Kulturleben teil.
In welchem Maße er auch einen Widerstand und eine ästhetische Abkehr zur kolportagenhaften Anlage des Vicky-Baum-Romans entwickelt hat, können wir nicht wissen. Es gibt damals und später keine persönlichen Mitteilungen von ihm dazu. Die Existenz des Manuskripts allein ist aber ein Indiz dafür, dass es diesen Widerstand gegeben hat und dass er ihn nachhaltig zum Ausdruck bringen wollte.
Vicki Baums Roman war ja trotz des Riesenerfolgs nicht unumstritten. Er ist von Teilen der Kritik als ordinäres, überdrehtes sexuelles Karussel empfunden worden. Der junge Pretzel mit seiner Vorliebe für gehobene Literatur könnte seine Mühe damit gehabt haben, auch zumal er gerade mit seinen ersten eigenen seriösen Versuchen beschäftigt war. In Interviews aus späteren Lebensphasen machte Haffner deutlich, dass er am liebsten Schriftsteller geworden wäre, und zwar ein bedeutender. Das Konzept zu „Abschied“ gab ihm Gelegenheit, in der Auseinandersetzung mit einem Publikumsliebling eigene Wege zu gehen und zu präsentieren. Vielleicht hat nach Teddys endgültigem Weggang eine neue Liebe ihn 1933 daran gehindert, den Roman zu veröffentlichen.
Es ist geradezu verblüffend, in wie vielen Details Pretzel seine Kontrapunkte setzt. Das zu besprechen, sprengt die Grenzen eines Blogposts. Aber ein paar Beispiele werde ich demnächst noch bringen.
„Menschen im Hotel“ ist noch lieferbar: KiWi-Verlag, 18. Auflage 2007, 318 Seiten, 14 €
Als der Roman „Abschied“ letztes Jahr zum ersten Mal aus dem Nachlass von Sebastian Haffner (1907-1999) veröffentlicht wurde, gab es in den Rezensionen viel Begeisterung für diesen autobiographischen Roman voller „Leichtigkeit“, den Raimund Pretzel (das ist Haffners wirklicher Name) vom 18.10.-24.11.1932 niedergeschrieben und in die Schublade gesteckt hatte.
Ernsthafte Bemühungen, das Buch im Kontext seiner Zeit und seines Autors zu sehen, gab es kaum. Wir haben es vor einer Woche in unserem Deutschen Lesecafé bei Godert Walter besprochen. Seitdem mache ich beinahe täglich neue Entdeckungen, auch was die Ernsthaftigkeit und Ambitioniertheit dieses Schreibprojekts betrifft. Dazu gibt es jetzt eine kleine Reihe hier im Blog.
Gestern fiel mir ein möglicher Zusammenhang mit dem großen Erfolgsroman von Vicki Baum, „Menschen im Hotel“ (1929) auf (Auflage im ersten Jahr: 50.000, insgesamt mehrere hunderttausend). Die Bühnenfassung wurde am 16.1.1930 von Gustav Gründgens im Theater am Nollendorfplatz inszeniert. Der Film „Grand Hotel“ mit Greta Garbo erschien in den USA 1932 und kam 1933 nach Deutschland. 1934 wurde dies alles in Deutschland verboten, verhöhnt und verbrannt.
Es geht darin, kurz gesagt, um eine kleine Gruppe Menschen während 36 Stunden in einem Berliner Luxushotel. Ich habe den Roman nie gelesen. Ihm hing ein Hauch von „Unterhaltungsliteratur“ an. Ich will das jetzt nachholen.
Pretzel war 24 als er „Abschied“ schrieb. Darin geht es um eine kleine Gruppe deutscher und internationaler Studenten in einem billigen Hotel in Paris während etwa 30 Stunden im Jahr 1931 und vor allem um seine Liebe zu „Teddy“, eine drei Jahre jüngere österreichische Jüdin. Der Roman ist sehr unterhaltsam. Ich habe ihn schon drei Mal gelesen und entdecke immer wieder Neues.
Niemand hat ihn bisher mit „Menschen im Hotel“ in Verbindung gebracht. Ich bin sehr gespannt.
Zufällig habe ich erfahren, dass heute der Internationale Tag des Lichts ist. Davon hatte ich noch nie gehört. Beim Nachdenken darüber, was für einen Bezug ich dazu haben könnte, fiel mir das Gemälde „Het kustlicht“ der Groninger Künstlerin Olga Wiese ein, das seit fast dreißig Jahren in meinem Wohnzimmer hängt. Ich habe schon mal in meinem Blog darüber geschrieben.
Als eine besondere Eigenschaft dieses Gemäldes habe ich immer gefunden, dass es abhängig vom Einfall des Sonnenlichts zu jeder Tageszeit anders aussieht. Und ich kam gestern auf die Idee, es einfach mal im Dunkeln mit einer Taschenlampe anzuleuchten. Davon habe ich das folgende Foto gemacht, das mich geradezu überwältigt hat:
Die deutsche Buchsaison 2025/26 (also die Monate von September bis April) hat drei schwergewichtige Romane erbracht (und noch eine ganze Reihe weiterer besonderer Romane), die mich noch eine Weile beschäftigen werden (beim Anklicken der Titel erscheint eine Rezension):
Norbert Gstrein, Im ersten Licht, 416 Seiten, 27€
Und zum dritten: ein Wenderoman wie es ihn noch nicht gegeben hat:
Lukas Rietzschel, Sanditz, 496 Seiten, 27€
Vielleicht leben wir gerade in einem Jahrzehnt, in dem sich Vieles zusammenballt und auf einen Ausbruch vorbereitet. Nicht, dass diese Romane von etwas Kommendem handeln, ganz im Gegenteil: sie hangeln sich durch die deutsche und österreichisch-ungarische Geschichte der letzten 120 Jahre. Wie schon so oft, könnte man sagen, wenn sich da nicht besondere Aspekte und Perspektiven in einem generationsübergreifenden Schreiben zu ungewohnten Mosaiken aus Schuld, Täterschaft, Trauer, Erinnerung und Reflexion zusammenfügen würden, die in allen drei Fällen in einem sehr gegenwärtigen Geschichtsbewusstsein münden. Es handelt sich also durchaus auch um Gegenwartsromane, und die suche ich!
Beim ersten Spaziergang, den ich vorletzte Woche mit der Wandergruppe in Pallanza (Verbania) machte, kamen wir am örtlichen Museum vorbei. Ich sah im Hof durchs Fenster eine Skulptur, die mich sofort faszinierte und fotografierte sie:
| Skulptur eines Autofahrers Foto (durch die Fensterscheibe): P. Groenewold |
Meine erste Begegnung mit dem Lago Maggiore fand etwa1960 vor dem Radio statt: In dem Film „Conny und Peter machen Musik“ singt Conny Froboess ihren erfolgreichen Schlager „Lago Maggiore Traumparadies“, begleitet von ein paar abendlichen Seebildern. Ich war damals 12 Jahre alt und saß in der Küche vor dem Kofferradio. Die Melodie hat sich mir tief eingeprägt. Der Peter war nicht ich, sondern der Schlagersänger Peter Kraus, von dem man denken mag, was man will (wie in allen Dingen vorläufig noch). Aber auf die Conny lasse ich nichts kommen. Hier ist das Video:
In Wirklichkeit wurden die Aufnahmen für den Film in Lugano am Luganer See gemacht. Die junge westdeutsche Filmindustrie nahm es wie alle Bildmedien zu allen Zeiten nicht so genau.
Als mir das letztens auffiel, habe ich keine Kosten und Mühen gescheut, den Schlager meiner Jugend mit einem authentischen, von mir persönlich gemachten Foto vom Lago Maggiore zu versehen.
Voilá, hier ist es:
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| Kristine Bilkau |
Außerdem allerlei Interviews und Reminiszenen über Menschen, die dieses Jahr auch 80 werden, unter anderen mit Uschi Obermaier, die in meinen Westberliner 60er Jahren jedem ein Begriff war und es geschafft hat, ohne große Leistungen im bürgerlichen Sinne das bis heute zu bleiben, durch ihre pure Existenzialität. Der Chefredakteur Giovanni di Lorenzo hat ein schönes Interview mit ihr gemacht.
Es hat Kritik an dieser Ausgabe gegeben: die DDR-Geschichte und ostdeutsche Persönlichkeiten wurden vermisst. Aber die ZEIT ist tatsächlich in allererster Linie das physisch, psychisch und intellektuell bedeutendste Presseorgan der alten Bundesrepublik gewesen. Lasst sie ruhig ihr Alter feiern. Ich habe mit 16 angefangen, sie zu lesen und tue das noch immer im Riesenformat auf Papier. Nur so kriege ich ein Zeitgefühl.
Vor einigen Tagen fand ich auf Facebook dieses rezente Foto von der Berliner Schaubühne, die ich in den siebziger Jahren oft besucht habe.
„Wie soll das alles weitergehen?“ Diese große, programmübergreifende Frage, die hier dem vorübergleitenden, rutschenden und ausrutschenden Publikum gezeigt wird, hat mich an meine vielleicht ein wenig irritierenden Beiträge zum deutschen literarischen Feuilleton erinnert: So habe ich unter dem Titel „Was soll das werden?“ am 11. Dezember einige Überlegungen über das sich verändernde Verhältnis von Literatur und Realität angestellt.
Nun setzt uns dieselbe Schaubühne mit einem dramatischen Ereignis in fassungsloses Erstaunen, wenn nicht gar Entsetzen: Bei einer Aufführung von Shakespeares „Richard III.“ entgleitet dem großen Lars Eidinger der Degen und verletzt eine Zuschauerin in der ersten Reihe am Kopf!
Was ich schon ahnte: Literatur wird blutige Realität. All unsere Sicherheiten, sie sind dahin. Die Berliner Schaubühne ist am Puls der Zeit!
Am 11. Februar wurde Julia Schoch von mir in der Groninger Galerie Pictura interviewt. Im Mittelpunkt des Gesprächs stand ihr Roman „Das Liebespaar des Jahrhunderts“ (2023).
Das Gespräch fand auf Deutsch statt, und dafür hatten wir mit 40 Teilnehmern für Groninger Verhältnisse ein gutes Publikum.
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| Foto: P. Prescher |
Ich komme darauf noch in einem weiteren Beitrag zurück.
Ich muss diesen DDR-Stadtplan von Berlin (Hauptstadt der DDR plus Westberlin) noch irgendwo auf meinem Dachboden haben:
Ich bin ein Freund von Listen. Diese ist in erster Linie für die niederländischen Deutschlehrer bestimmt, die sich diese Woche im Kloster Frenswegen treffen werden:
Coming of Age – Deutsche Romane im 21. Jahrhundert
Benjamin Lebert, Crazy (1999)
Juli Zeh, Spieltrieb (2004)
Benedict Wells, Spinner (2009), Fast genial (2009), Hard Land (2021)
Wolfgang Herrndorf, Tschick (2010)
Helene Hegemann, Axolotl Roadkill (2010)
Angelika Klüssendorf, Das Mädchen (2011)
Jan Brandt, Gegen die Welt (2011)
Nils Mohl, Es war einmal Indianerland (2011)
Bov Bjerg, Auerhaus (2015)
Axel Ranisch, Nackt über Berlin (2016)
Bodo Kirchhoff, Dämmer und Aufruhr. Roman der frühen Jahre (2018)
Matthias Brandt, Blackbird (2019)
Ewald Arenz, Der große Sommer (2021)
Julia von Lucadou, Tick Tack (2022)
Christian Huber, Man vergisst nicht wie man schwimmt (2022)
Tonio Schachinger, Echtzeitalter (2023)
Caroline Wahl, 22 Bahnen (2023)
Elena Fischer, Paradise Garden (2023)
Dana Vowinckel, Gewässer im Ziplock (2024)
Kurt Prödel, Klapper (2025)
Am 11. Februar wird die sowohl in Deutschland als auch in den Niederlanden sehr erfolgreiche Schriftstellerin Julia Schoch nach Groningen kommen.
Ich interviewe sie dann auf deutsch um 19:30 in der Galerie Pictura (Groningen, Sint Walburgstraat 1). Dabei wird ihr Roman „Das Liebespaar des Jahrhunderts“ (Nederlandse editie „Het liefdespaar van de eeuw“) im Mittelpunkt stehen.
Julia Schoch war in der Zeit 15/16/17 Jahre alt und lebte in Potsdam. Sie ging dort zunächst auf ein Sportgymnasium und wurde als Steuerfrau im Rudervierer DDR-Meisterin. Sie verlor ihr Land. Die umwälzenden Erfahrungen bestimmten ihr persönliches Leben in den neunziger Jahren und führten letztlich zu ihrer Schriftstellerexistenz im neuen Jahrtausend.
Als man sie bei einem Aufenthalt in den USA fragte, worüber sie schreibe, sagte sie : „Love and History“.
Nicht dass ihr dabei schon klar war, was sie damit meinte. Das ist ihr Lebensthema geworden. Die drei Romane „Das Vorkommnis“, „Das Liebespaar des Jahrhunderts“ und „Wild nach einem wilden Traum“ (Nederlandse editie: „Wild na een woeste droom“) finden dafür eine eindrucksvolle und für jede(n) zugängliche Sprache und eine eigene Poetologie.
Sie sind nicht nur für ihre eigene Generation (Jahrgang 1974) zugänglich, sondern auch für die folgende und vorhergehende, also zum Beispiel für mich (Jahrgang 1948). Und man muss auch nicht sein Land verloren haben, um das alles interessant zu finden; es genügen schon ein paar ungewöhnliche historische Konstellationen. Bei mir zum Beispiel mein Leben in der merkwürdigen politischen Insel West-Berlin in den 60/70ger Jahren.
Das erklärt den überaus großen Erfolg nicht nur in Deutschland sondern auch international. Jeder Leser, jede Leserin findet in ihren Romanen seine eigen Liebe und seine eigenen Probleme wieder.
Julia Schoch wird uns am 11. Februar darüber berichten und einige Passagen aus dem Liebespaar des Jahrhunderts vorlesen. Fragen können auch auf Niederländisch gestellt werden. Das übersetze ich dann.
In der Dezembernummer der Zeitschrift „Stad & Lande“ ist jetzt mein Artikel „De Zittende Jongeling op het Emmaplein in Groningen“ erschienen. Darin habe ich eine ganze Reihe überraschender Neuigkeiten zu dem etwas unterschätzten Bildhauer Frederik Jeltsema vom Anfang des 20. Jahrhunderts zusammengefasst und präsentiert.
Inzwischen habe ich noch mehr und plane einen weiteren Artikel und eventuell eine Buchveröffentlichung. Das große Problem ist, dass es fast keine Ego-Dokumente und biografisch relevante Kommentare, Briefwechsel etc. gibt. Wie schreibt man dann eine Biografie?
Nachdem ich eigentlich schon einen Ausweg gefunden zu haben glaubte: eine Art Mosaik-Biographie, die die Person in thematischen Fragmenten in ihrer Zeit und ihren Werken und Interessen umkreist, bin ich jetzt zu einem anderen Schluss gekommen:
Ich habe lange unterschätzt, welche Rolle es für Jeltsema gespielt hat, dass er die ersten 26 Jahre seines Lebens als Mädchen und Frau aufgewachsen ist. Dabei war er körperlich eindeutig männlich, mit kleinen femininen Abweichungen. Zwischen 1903 und 1906 ist bei ihm der Entschluss gereift, weiter als Mann durchs Leben zu gehen.
Ein Buch über ihn muss diese Phase ins Zentrum stellen und natürlich berücksichtigen, wie ein Leben als Frau und danach als Mann für ihn ausgesehen hat. Er ist immerhin zweimal verheiratet gewesen. Irrsinnig außergewöhnlich!
Sehr hilfreich ist für mich eine ungewöhnliche deutsche Autobiografie aus derselben Zeit und mit demselben psycho-sexuellen Hintergrund:
N.O. Body, Aus eines Mannes Mädchenjahren, Berlin 1907
Diese detektivischen Untersuchungen werden mich in den folgenden Monaten beschäftigen. Die Jeltsema-Reihe in meinem Blog schließe ich vorerst ab.
Dafür werde ich wieder mehr Beiträge wie in den letzten Jahren posten.