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Donnerstag, 16. Mai 2024

Der Hetzer will führen


 Ein trauriger Tag für die Niederlande. Die Parteien der Mitte kapitulieren vor dem Hetzer Wilders. 

Dafür sind wir nicht hierher gekommen.

Sonntag, 5. Mai 2024

Bevrijdingsdag 2024: Die Enkel der Täter

In der Sendung Buitenhof auf NPO 2 wurde heute am Bevrijdingsdag 2024 der deutsch-niederländische Historiker Bas von Benda-Beckmann (geboren 1976) interviewt. Er arbeitet bei der Anne-Frank-Stiftung in Amsterdam und hat im September 2023 sein neues Buch „Het kleedje voor Hitler“ veröffentlicht. Zu seiner Verwandtschaft gehörte Alfred Jodl, der Top-General, der Hitler bis zuletzt die Treue gehalten hat.

Sein Buch beschreibt nicht nur die persönliche, historische und moralische Erinnerungsproblematik eines Angehörigen der Enkelgeneration zur unmittelbaren Naziherrschaft, sondern auch im Rahmen einer Familiengeschichte den Weg des preußischen Landadels aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg in die Arme der Nationalsozialisten in den zweiten Weltkrieg hinein.

Die Enkelgeneration hat viel zu bieten mit ihren menschlichen und unmenschlichen Erfahrungen. Ich hoffe, dass dieses Buch bald auch in deutscher Übersetzung erhältlich ist.




 

 Bas von Benda Beckmann, Het kleedje voor Hitler (2023), €36,99



Sonntag, 7. April 2024

Abschied abgelehnt - Jochen Schimmangs neues Buch „Abschied von den Diskursteilnehmern“



Vor zehn Jahren hat Jochen Schimmang seine „Geländegänge“ zu einem regelrechten Genre entwickelt: kurze literarische Reflexionen und Erinnerungen aus der deutschen Peripherie („Grenzen Ränder Niemandsländer. 51 Geländegänge“, Hamburg 2014, 156 Seiten). Jetzt sind „Neue Geländegänge“ erschienen, in denen Schimmang seinen „Abschied von den Diskursteilnehmern“ ankündigt (Hamburg 2024, 116 Seiten, 20 €).

Wie vor zehn Jahren setzt er uns mit einem Motto von Roland Barthes auf seine Spur, die einen Diskurs verfolgt, der „weder politisch, noch religiös, noch wissenschaftlich ist; der gewissermaßen das Übrigbleibende und der Zusatz aller dieser Aussagen wäre“.

Es handelt sich diesmal um nichts weniger als um eine Rückschau auf sein reichhaltiges literarisches Leben seit dem über die Jahrzehnte hin erfolgreichen Debütroman „Der schöne Vogel Phönix“ von 1979, eingebettet in allerlei vergnügliche Reflexionen, Antipathien und Idiosynkrasien. Deutlich erkennbar ist dabei ein gewisser Wille zum Abschied, da „die Welt von gestern schneller zu verschwinden scheint, als er selbst“ (48):

Bitte schön! …, sage ich da als Rezensent:

Jochen Schimmang, nach eigener Aussage, „ein Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts“, nimmt Abschied!!

Na dann Adieu, all ihr Kameraden im Diskurs!!! …

Wie um das zu unterstützen hat die Edition Nautilus dem kleinen Bändchen einen besonders schönen Einband gegeben (Maja Bechert), an dessen Rändern der Name des Autors und der Buchtitel in Meeresstrudeln zu versinken drohen. Ich meinte schon, Jochen Schimmang salutierend mit seinem letzten Buch untergehen zu sehen…

Aber Halt! Was lese ich da auf Seite 51? …

Er „kann sehr wohl neben dem neuen Jahrhundert daherleben, dessen Zeuge er ist. Ein Zustand entspannter Unaufmerksamkeit, der ab und zu Kleinode zu Tage fördert“ (51f.). 

Und das neue Buch funkelt geradezu vor diesen Kleinodien.

Zum Beispiel Schimmangs Reflexion zur „Zeitenwende“, die der deutsche Bundeskanzler in seiner Rede vom 27. Februar 2022 ausgerufen hat: „Im deutschen Rahmen zeugt der Begriff von geradezu grotesker Provinzialität.“ (…) Ein Freund „verwandelte den Begriff ironisch in die ‚Seitenwände‘. So passt es besser.“ (31f.).

Oder die „Unwetternovelle“: Am 29. Juni 2017 versucht der Autor nach einer Lesung im Brecht-Haus mit seiner Frau zu Freunden nach Charlottenburg zu fahren. Plötzliche unerhörte Regenfälle verhindern das, und das Paar sieht sich gezwungen, Berlin zu verlassen und unter weiteren Wasserfluten über die A 10 und A 24 an die ehemalige Grenzübergangsstelle zu Schleswig-Holstein zu gelangen, wo der Regen schlagartig aufhört (40f.). Auch ein Beinahe-Untergang!

Schön sind auch die positiven Erinnerungen und Wunschphantasien, so der „Wunsch, Franzose zu werden“, in dem Schimmang eine ironische Parallele zu KafkasText „Wunsch, Indianer zu werden“ konstruiert, um dann im zweiten Teil knallhart im 21.Jahrhundert zu landen:

„Stattdessen im eigenen Land die vielfache Teilung, die Spaltung, die Zerrissenheit, das Zerfleddern, der Flickenteppich, der Zwist, die Konfrontation, die Usurpation, die Anmaßung, der Selbsthass, der Größenwahn, das Einheitsdiktat, das fortgesetzte Misslingen seit Jahrhunderten, das ihm ebenso erhalten bleiben möge auf Lebenszeit wie der Wunsch, Franzose zu werden“ (48).

Na, bitte schön, sage ich da als Rezensent: Abschiedsgesuch abgelehnt!

Weitermachen!!!


 

 


Montag, 30. Oktober 2023

Winterzeit

 




Aus dem Zwergenzyklus


Glücksstunde

 

Am Ende unsrer Sommerzeit

Ist’s - endlich! - wieder mal so weit:

Die Zwerge gehn zum Uhrenturm

Und stelln die Riesenturmuhr um.

 

Sie drehn, Gesichtchen voller Glück,

Mit aller Kraft die Zeit zurück.

Dann schnarchen sieben um die Wette

Noch stundenlang im Kuschelbette.



Donnerstag, 13. Juli 2023

Gripsholm. Een kasteelroman - Ard Posthumas neue Übersetzung des Bestsellers von Kurt Tucholsky



Kurt Tucholskys kaum hundertfünfzig Seiten dünner Roman Schloss Gripsholm. Eine Sommergeschichte (1931) ist voller Besonderheiten, die nicht zu der als federleicht gerühmten Liebesgeschichte zu passen scheinen: Beim fröhlichen Sommerurlaub des Liebespaars Peter und Lydia aus Berlin im schwedischen Schloss Gripsholm kommt es zu allerlei Komplikationen: Dem Paar fällt ein misshandeltes Kind auf. Sie entdecken, dass es von einer sadistischen deutschen Heimleiterin gequält wird. Die Begegnungen mit dieser Frau rufen bei Peter Hass- und Ekelvisionen über Grausamkeit hervor. Er sorgt schliesslich dafür, dass das Mädchen zu seiner Mutter zurückgebracht werden kann. Daneben kommt in den drei Wochen zweimal Besuch: Karlchen, der beste Freund des Ich-Erzählers Peter, und Billie, die langbeinige Freundin Lydias. Beide verändern auf ihre Weise die erotische Spannung in der Geschichte in ein vibrierendes Dreiecksverhältnis. Karlchen aber rührt Lydia letztlich nicht an: zitiert wird (als einziges intellektuelles Item) Totem und Tabu von Freud: die Frau des Freundes ist unantastbar. Zwischen dem Paar und Billie dagegen entsteht ein vorsichtig beschriebener intimer Dreier, gewagt für 1930, eine Szene, auf die Tucholsky sehr stolz war, schön auch noch ein Jahrhundert danach. Und dann ist da noch Schweden, das Schwedische und das Schloss, wo Lydia ihn in den Kerker einsperrt und Peter zum Spuk wird… Er taucht sowieso während der Geschichte unter allerlei Namen auf: Peter, Daddy, Fritzchen, Kurt, als Kind: Wer bin ich denn?

 

Der Leser wird im Wahrnehmungsmodus des Ich-Erzählers durch die Geschichte geführt und nimmt an seiner spielerisch-tänzelnden Gedanken- und Gefühlswelt und an den angedeuteten erotischen Wunschvorstellungen teil: Ein vierzigjähriger, souverän im Leben stehender freier Mann, der zu sich selbst und seiner Geilheit steht, der aber auch reflektiert, was er tut und das Wohl anderer nicht aus dem Auge verliert.

 

Lydia, seine „Prinzessin“, im Arbeitsleben Sekretärin, besitzt eine ähnliche Souveränität und Freiheit und kann ihn, wenn nötig, um den Finger wickeln. Der Urlaub bedeutet für sie auch, ganz entspannt so daherreden zu können, wie ihr der Schnabel gewachsen ist: in einer Mischung („Mischings“) aus Hochdeutsch und Niederdeutsch (sie kommt aus Rostock), angereichert um Berliner Spracheigenarten. Beide haben sowieso einen Hang zu Sprachspielereien. In dem fröhlichen Gekebbel spiegeln sich sowohl ihre persönlichen Liebesbeziehungen und Reaktionen auf alles, was ihnen während des Urlaubs zustösst, als auch die enormen Veränderungen der Frauenrollen in der Arbeitswelt und Gesellschaft der Zwanziger Jahre. Heutige Leser spüren aber auch einen Vorschein des Nationalsozialismus. Der Erfolg des Buches gründet in der für die deutsche Literatur ungewöhnlichen Leichtigkeit und der sich auf tänzelnde Weise entwickelnden Erzählung. Das Niederdeutsche wird darin explizit als die schönere Art des Deutschen gesehen. Die vielen niederdeutschen Ausdrücke und Wendungen unterstützen diesen Eindruck.

 

Ein Übersetzer, der diesen Roman ins Niederländische bringen möchte, hat es nicht leicht. Viele Sätze und Wörter entziehen sich der direkten Übersetzung. Der Sprachwitz ist nicht ohne weiteres übertragbar. Was macht man mit dem Dialekt, was mit dem Missingsch?

 

In der alten Übersetzung von Per Olafson (Kasteel Gripsholm, Amsterdam 1955) geht doch einiges vom Charme und Witz des Originals verloren. Viele Formulierungen erreichen nicht die Leichtigkeit Tucholskys.

 

Die neue Übertragung von Ard Posthuma (Gripsholm. Een kasteelroman, Van Oorschot 2023, 22,50€) zeichnet sich durch einen sprach- und stilsicheren Zugriff aus. (Das fängt schon mit dem Untertitel an, den er keck von „eine Sommergeschichte“ in „een kasteelroman“ verändert, womit der niederländische Leser schon auf Zweideutigkeiten vorbereitet wird.)


Dann das im Deutschen gebräuchliche spielerische Wort „Missingsch“, aus dem Olafson „Missings“ gemacht hat: Posthuma kommt hier mit seinem eigenen, aber für jeden Niederländer lustig-verständlichen „Labbekaks“. Und Lydias „Jüppel-Jappel“ ist mit „kletskoek“ (Olafson) zwar inhaltlich, aber nicht der spielerischen Form nach übersetzt; Posthuma wählt hier sprachsicher unser geliebtes Wort „kikkifax“. Solche Kleinigkeiten machen auf Dauer den Reiz eines Textes aus.

Hier noch ein ganzer Satz, für den Posthuma die einfachere und bessere Lösung hat: 

 

Kann mia ganich genug wunnern, dasse den Zeit nich verschlafen hass! (Original, 12)

 

Ik kan er niet uitverbaasd raken, dat je je niet verslapen hebt (Olafson, 11)

 

Wat mooi dast die tiid nich verschlafen hast! (Posthuma, 14)

 

Der Roman fand bei seinem Erscheinen 1931 sofort viele jubelnde Leser: So etwas hatten sie auf Deutsch noch nicht gesehen. Zwei Jahre später wurden Tucholskys Bücher verbrannt. Der ganz grosse Erfolg kam ab 1946, als der Rowohlt Verlag mit seinen billigen Ausgaben begann: Schloss Gripsholm war die Nr. 4 in der berühmten rororo-Taschenbuchreihe und hatte im Laufe der Jahrzehnte eine Auflage von weit über einer Million. Heute gibt es mehrere deutsche Ausgaben mit verschiedenen Illustrationen.

 

Die neue niederländische Ausgabe ist schön herausgegeben, mit einem starken Foto einer schrägen Frau auf dem Cover. Sie enthält die Illustrationen von Wilhelm M. Busch aus der Originalausgabe (nicht zu verwechseln mit dem Wilhelm Busch aus dem 19. Jahrhundert!). Nun kann Tucho noch hunderttausend niederländische Leser hinzugewinnen!


Sollen sie sich wundern über diesen Roman!

Sonntag, 25. Juni 2023

Dutch humor



 „De cafépoes lag te slapen op de rand voor de spiegel achter mij. Ze was op een dag het café binnengelopen en had besloten te blijven. De obers en serveersters hebben een kattenbak voor haar gekocht en voerden haar dagelijks. Ze hadden haar Eva Braun genoemd, omdat ze een klein Hitlersnorretje had, maar wel een vrouwtje was.“

Ilja Leonard Pfeijffer en Gelya Bogatishcheva, De filosofie van de heuvel. Op de fiets naar Rome en niet terug, Amsterdam/Antwerpen 2009, 87ff.