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Dienstag, 18. August 2026

Zum Tode Von Helmut Lethen: Helmut Lethen, Ernst Jünger und ich

 2021 habe ich in diesem Blog drei Beiträge zu Helmut Lethen geschrieben. Er war mir in seiner Art zu denken und zu schreiben sehr nah. Anlässlich seines Todes hier noch einmal meine Erinnerungen:


Irgendwann zwischen 1976 und Anfang 1979 habe ich Helmut Lethen einmal persönlich getroffen. Ich hatte 1975 an der Freien Universität mein erstes Promotionsprojekt unter dem Titel „Ernst Jüngers Modernität“ angemeldet. Das war für jene Berliner Jahre ein ziemlich provokativer Titel. Ich hatte auch meine Examensarbeit über Jünger geschrieben („Heliopolis“) und war es gewöhnt, dass Leute aus meiner Umgebung mit Bemerkungen reagierten wie „Wie kannst du nur?“ und „Du spinnst ja!“.


Lethen dagegen zeigte ernsthaftes Interesse und lud mich zu einem Gruppengespräch ein. Das war vielleicht in der Zeit als Karl Heinz Bohrers monumentales Jüngerbuch „Die Ästhetik des Schreckens. Die pessimistische Romantik und Ernst Jüngers Frühwerk“ (1978) schon erschienen war und die Redaktion der „Berliner Hefte“ ihre Themanummer „Lust am Untergang“ (Mai 1979) vorbereitete. Dort erschien dann jedenfalls ein langer Artikel von Heinz-Dieter Kittsteiner und Helmut Lethen: „Jetzt zieht Leutnant Jünger seinen Mantel aus. Überlegungen zur Ästhetik des Schreckens“.



Ob ich für Lethen etwas Sinnvolles beitragen konnte, weiß ich nicht. Bohrers Buch war für mich in all seiner intellektuellen und wissenschaftlichen Kraft ein ziemlicher Schock gewesen und hat letztlich dazu geführt, dass ich mein Projekt aufgegeben habe (das hätte ich natürlich nicht tun sollen).


Lethen dagegen behielt nicht nur wie ich die Faszination an Jüngers Werk, insbesondere an den Kriegsschriften, sondern schrieb mehr als zehn Jahre später seine Quintessenz dazu auch tatsächlich auf: „Verhaltenslehren der Kälte“ (1994). Das ist eine eindrucksvolle Studie zur psychosozialen Lage der deutschen Generationen der Zwischenkriegszeit mit ihrer extremen gesellschaftlichen Desintegration. Sie kommt zu dem Schluss, dass es sich unabhängig von politischen oder ideologischen Standpunkten um eine Generation zwischenmenschlicher und innergemeinschaftlicher „Kälte“ handelte.

Allerdings beschäftigt sich Lethen in diesem übrigens auch international sehr erfolgreichen Werk vornehmlich mit den Erscheinungsformen kalten Verhaltens, unter anderem eben bei Ernst Jünger, aber auch z.B. bei Bertolt Brecht. Was aber sind die Ursachen dafür?

 

Man muss sich Lethens Buch zwar als sehr interessant und perspektivenreich vorstellen, aber nicht als besonders zugänglich, auch nicht für leiderprobte Germanisten. Wenn man eine Vorstellung von der Wahrnehmung und dem Verhalten einer „kalten Person“ bekommen möchte, sollte man die Kriegsschriften Jüngers lesen. Am berüchtigsten ist „In Stahlgewittern“ (1920), kurz und schmerzvoll die Novelle „Sturm“ (1923). Ich habe auf Fragen nach meinem Interesse für Jünger immer geantwortet, dass man bei ihm die literarisch dichteste Annäherung an das bekommt, was der Große Krieg für die Soldaten auf den Schlachtfeldern bedeutet hat.

 

In seiner Autobiografie von 2020 weist Lethen darauf hin, dass die erst vor zehn Jahren veröffentlichten ursprünglichen Kriegstagebücher Jüngers ihn auf eine neue Perspektive zu den Ursachen der „Kälte“ gebracht haben:

 

„Bisher hatte ich Jüngers These aus dem ‚Abenteuerlichen Herzen‘ für richtig gehalten, das 19. Jahrhundert sei im Weltkrieg an der Flamme des 20. Jahrhunderts verbrannt. Die Tagebücher widerlegen sie. Die ‚Kälte‘ von Jüngers Beschreibungen stammt aus dem Archiv der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert. Man erlebt den Apothekerssohn als einen Abenteurer mit extrem hoher motorischer Intelligenz. Die Denkweise der harten Disziplinen des vergangenen Jahrhunderts, die (…) die ‚Wirklichkeit erfanden‘ um die Metaphysik abzuschaffen, regiert seinen Stil“ (Lethen 2020, 67). 

 

Allerdings hatte Lethen auch schon seinem Kälte-Buch von 1994 ein Zitat von Ossip Mandelstam von 1930 vorangestellt, das in die gleiche Richtung weist: „Die Kältetendenz rührt vom Eindringen der Physik in die moralische Idee“.

 

Für mich wird es dadurch so richtig interessant, denn zum einen führt der Hinweis auf die naturwissenschaftliche Kälte des 19. Jahrhunderts nicht nur zu einem grundsätzlichen Phänomen des 19. Jahrhunderts, sondern auch zu Nietzsche, der die entsprechende Kälte in seiner Philosophie anwenden wollte. Zum anderen muss ich konstatieren, dass wie immer auch die rationale methodisch-experimentelle Kälte des 19. Jahrhunderts ausgesehen hat, im 20. Jahrhundert die Rede von einer ungleich stärkeren kälteerzeugenden Kraft sein muss, und dabei handelt es sich um die ungeheuerliche traumatisierende Wirkung der Kriegsgewalt auf Millionen und Abermillionen männliche Körper und Psychen vor allem im europäischen Raum. Übrigens mit Ausnahme der Niederlande! Und das hat zweifellos etwas damit zu tun, dass Jünger in den Niederlanden mehr oder minder persona non grata ist (und in Frankreich nicht).


Wir haben es also mit zwei Kräften zu tun: der schwachen und der starken Wechselwirkung der Kälte. Wir sollten beide berücksichtigen, wann immer wir uns mit Jünger und Nietzsche beschäftigen.

Dienstag, 30. Juni 2026

Aus!

 Deutschland und die Niederlande sind raus. Wunderbar!

Jetzt habe ich wieder Zeit für andere Dinge!

Foto: Entwurf: PG, Gestaltung: ChatGPT


Donnerstag, 11. Juni 2026

Borschtschschweiß

Ich kam gestern von einer mehrtägigen Reise nach Dordrecht zurück. Das niederländische Wetter hat sich an diesem Tag von seiner vielfältigsten Weise gezeigt: Schon auf dem Weg zum Wasserbus (!) für die Rückreise wurden wir, die wir gerade noch in einer herrlichen Sonnenwolkenlandschaft gesessen hatten, von einer gnadenlos ungestümen Regen-Hagel-Böe überfallen und mussten klatschnass aufs Boot gehen. In Utrecht schienen dann die gesamten Bahnverbindungen durch Blitz und Donner ausgeschaltet zu sein, aber ein gut informierter Mitarbeiter verriet uns eine Geheimverbindung nach Groningen, die wirklich funktionierte.

Erschöpft zuhause angekommen, machte ich mir eine Suppe von der niederländischen “Kleinste Soepfabriek“, von der ich immer ein Dutzend im Haus habe. Diesmal wurde es die „Oekraïense Borscht“: herrlich!

Ich neige dazu, die Suppen ein wenig nachzuwürzen und kam beim zweiten Teller ins Schwitzen. Auch fiel mir beim Löffeln auf, dass im Niederländischen das Wort „Borschtsch“ ohne das zweite „sch“ auskommt. Deutsch ist ja immer etwas komplizierter! Solch eine Häufung von Konsonanten hintereinander in einem Wort (8!) ist aber schon höchst ungewöhnlich. Mehr schien es bis gestern auch nicht zu geben.

Bis mich mein Schweißausbruch auf das neue Wort brachte, das ich hiermit zum Buch der Rekorde anmelden möchte:

Borschtschschweiß

Zwölf Konsonanten hintereinander! Welche andere Sprache hat diese Möglichkeiten in Wortbildung und Rechtschreibung? 

Der ganze Vorgang half mir bei der Erholung, Sättigung und dem inneren Vergnügen für den Rest des Abends, auch wenn er offenbar ein Zeichen der Erschöpfung war.

Für heute ist noch ein Teller über.

Montag, 1. Juni 2026

Sebastian Haffners „Abschied“ als Kontrapunkt zu Vicki Baums „Menschen im Hotel“

Erst nach meiner Besprechung von Sebastian Haffners autobiographischem Roman „Abschied“ vorletzte Woche im Deutschen Lesecafé ist mir aufgefallen, dass es verblüffende Ähnlichkeiten mit Vicki Baums 1929 veröffentlichten Roman „Menschen im Hotel“ gibt. Jetzt weiß ich: Es sind nicht nur zwei ähnliche Romane, sondern Haffner hat seinen „Abschied“ als bewusstes Gegenstück zu Vicki Baums Erfolgsroman geschrieben. Wäre er 1932/33 veröffentlicht worden, hätte Berlin noch eine muntere Literaturdebatte erlebt, bevor die Verbote der Nazis die moderne Kultur erstickten.

Aus uns unbekannten Gründen hat Haffner das Manuskript aber zeitlebens in der Schublade gelassen. Die posthumeVeröffentlichung im Jahr 2025 geschieht weit jenseits des damaligen literarischen und politischen Kontextes und wird außer ein paar freundlichen Rezensionen nichts bewirken.

Nach der Lektüre von Vicki Baums Roman bin ich überzeugt, dass Haffner (ich nenne ihn im Folgenden mit seinem damaligen Namen Raimund Pretzel) seinen Roman als bewusst komponierten „Counter Point“ dazu geschrieben hat. Die Anregung hatte er von der Lektüre von Aldous Huxleys Roman „Point Counter Point“ (1928), den er gleich am Anfang von „Abschied“ eine wichtige Rolle spielen lässt.

Viele auffallende strukturelle Parallelen und Ähnlichkeiten zwischen „Abschied“ und “Menschen im Hotel“ sprechen für diese Annahme: die Grundstruktur mit einer Handvoll Hauptfiguren im Hotel, mit einer immer hektischer werdenden und von mehreren Uhren umtickten Zeit, die Einbettung in das Leben der Großstadt der zwanziger Jahre und das Bemühen mehrerer Männer um ein- und dieselbe junge Frau. Aber innerhalb dieser Grundstruktur erzählt Pretzel dann eine sehr akzentuiert andere Geschichte.

Man darf ohne weiteres davon ausgehen, dass er den Roman „Menschen im Hotel“ kannte und wahrscheinlich auch das davon abgeleitete Theaterstück, das am 30.1.1930 uraufgeführt wurde. Er nahm in seinen Zwanzigern zusammen mit seiner Geliebten Teddy intensiv am Berliner Kulturleben teil.

In welchem Maße er auch einen Widerstand und eine ästhetische Abkehr zur kolportagenhaften Anlage des Vicky-Baum-Romans entwickelt hat, können wir nicht wissen. Es gibt damals und später keine persönlichen Mitteilungen von ihm dazu. Die Existenz des Manuskripts allein ist aber ein Indiz dafür, dass es diesen Widerstand gegeben hat und dass er ihn nachhaltig zum Ausdruck bringen wollte.

Vicki Baums Roman war ja trotz des Riesenerfolgs nicht unumstritten. Er ist von Teilen der Kritik als ordinäres, überdrehtes sexuelles Karussel empfunden worden. Der junge Pretzel mit seiner Vorliebe für gehobene Literatur könnte seine Mühe damit gehabt haben, auch zumal er gerade mit seinen ersten eigenen seriösen Versuchen beschäftigt war. In Interviews aus späteren Lebensphasen machte Haffner deutlich, dass er am liebsten Schriftsteller geworden wäre, und zwar ein bedeutender. Das Konzept zu „Abschied“ gab ihm Gelegenheit, in der Auseinandersetzung mit einem Publikumsliebling eigene Wege zu gehen und zu präsentieren. Vielleicht hat nach Teddys endgültigem Weggang eine neue Liebe ihn 1933 daran gehindert, den Roman zu veröffentlichen.

Es ist geradezu verblüffend, in wie vielen Details Pretzel seine Kontrapunkte setzt. Das zu besprechen, sprengt die Grenzen eines Blogposts. Aber ein paar Beispiele werde ich demnächst noch bringen.

„Menschen im Hotel“ ist noch lieferbar: KiWi-Verlag, 18. Auflage 2007, 318 Seiten, 14 €

Montag, 25. Mai 2026

Apropos „Abschied“, Roman von Sebastian Haffner aus dem Jahr 1932 (1)



Als der Roman „Abschied“ letztes Jahr zum ersten Mal aus dem Nachlass von Sebastian Haffner (1907-1999) veröffentlicht wurde, gab es in den Rezensionen viel Begeisterung für diesen autobiographischen Roman voller „Leichtigkeit“, den Raimund Pretzel (das ist Haffners wirklicher Name) vom 18.10.-24.11.1932 niedergeschrieben und in die Schublade gesteckt hatte.

Ernsthafte Bemühungen, das Buch im Kontext seiner Zeit und seines Autors zu sehen, gab es kaum. Wir haben es vor einer Woche in unserem Deutschen Lesecafé bei Godert Walter besprochen. Seitdem mache ich beinahe täglich neue Entdeckungen, auch was die Ernsthaftigkeit und Ambitioniertheit dieses Schreibprojekts betrifft. Dazu gibt es jetzt eine kleine Reihe hier im Blog.

Gestern fiel mir ein möglicher Zusammenhang mit dem großen Erfolgsroman von Vicki Baum, „Menschen im Hotel“ (1929) auf (Auflage im ersten Jahr: 50.000, insgesamt mehrere hunderttausend). Die Bühnenfassung wurde am 16.1.1930 von Gustav Gründgens im Theater am Nollendorfplatz inszeniert. Der Film „Grand Hotel“ mit Greta Garbo erschien in den USA 1932 und kam 1933 nach Deutschland. 1934 wurde dies alles in Deutschland verboten, verhöhnt und verbrannt.

Es geht darin, kurz gesagt, um eine kleine Gruppe Menschen während 36 Stunden in einem Berliner Luxushotel. Ich habe den Roman nie gelesen. Ihm hing ein Hauch von „Unterhaltungsliteratur“ an. Ich will das jetzt nachholen.

Pretzel war 24 als er „Abschied“ schrieb. Darin geht es um eine kleine Gruppe deutscher und internationaler Studenten in einem billigen Hotel in Paris während etwa 30 Stunden im Jahr 1931 und vor allem um seine Liebe zu „Teddy“, eine drei Jahre jüngere österreichische Jüdin. Der Roman ist sehr unterhaltsam. Ich habe ihn schon drei Mal gelesen und entdecke immer wieder Neues.

Niemand hat ihn bisher mit „Menschen im Hotel“ in Verbindung gebracht. Ich bin sehr gespannt.

Samstag, 16. Mai 2026

Zum Internationalen Tag des Lichts: „Das Küstenlicht“ von Olga Wiese

 Zufällig habe ich erfahren, dass heute der Internationale Tag des Lichts ist. Davon hatte ich noch nie gehört. Beim Nachdenken darüber, was für einen Bezug ich dazu haben könnte, fiel mir das Gemälde „Het kustlicht“ der Groninger Künstlerin Olga Wiese ein, das seit fast dreißig Jahren in meinem Wohnzimmer hängt. Ich habe schon mal in meinem Blog darüber geschrieben.

Als eine besondere Eigenschaft dieses Gemäldes habe ich immer gefunden, dass es abhängig vom Einfall des Sonnenlichts zu jeder Tageszeit anders aussieht. Und ich kam gestern auf die Idee, es einfach mal im Dunkeln mit einer Taschenlampe anzuleuchten. Davon habe ich das folgende Foto gemacht, das mich geradezu überwältigt hat:



Es ist als ob ich vor einer realen fantastischen Landschaft stehe und nicht vor einem Gemälde: die Magie von Olgas Werk.

Montag, 4. Mai 2026

2025/26: Drei deutsche Romane, die es in sich haben

Die deutsche Buchsaison 2025/26 (also die Monate von September bis April) hat drei schwergewichtige Romane erbracht (und noch eine ganze Reihe weiterer besonderer Romane), die mich noch eine Weile beschäftigen werden (beim Anklicken der Titel erscheint eine Rezension):


Inzwischen ist auch die niederländische Übersetzung erschienen:
Lázár, 334 Seiten, Atlas Contact, 24,99€, übersetzt von Kris Lauwery und Isabelle Schoepen. In der NRC vom 1.Mai stand eine ausführliche positive Rezension von Michel Krielaars, und der Roman stand auf Platz 7 der bestverkauften Bücher. 
In der deutschsprachigen Presse gibt es auch einige wenige negative bis niederträchtige Rezensionen. Mit all dem werde ich mich noch beschäftigen.

Jetzt zum zweiten großartigen Roman, dem Höhepunkt im Werk Norbert Gstreins 

Norbert Gstrein, Im ersten Licht, 416 Seiten, 27€

Und zum dritten: ein Wenderoman wie es ihn noch nicht gegeben hat:

Lukas Rietzschel, Sanditz, 496 Seiten, 27€

Vielleicht leben wir gerade in einem Jahrzehnt, in dem sich Vieles zusammenballt und auf einen Ausbruch vorbereitet. Nicht, dass diese Romane von etwas Kommendem handeln, ganz im Gegenteil: sie hangeln sich durch die deutsche und österreichisch-ungarische Geschichte der letzten 120 Jahre. Wie schon so oft, könnte man sagen, wenn sich da nicht besondere Aspekte und Perspektiven in einem generationsübergreifenden Schreiben zu ungewohnten Mosaiken aus Schuld, Täterschaft, Trauer, Erinnerung und Reflexion zusammenfügen würden, die in allen drei Fällen in einem sehr gegenwärtigen Geschichtsbewusstsein münden. Es handelt sich also durchaus auch um Gegenwartsromane, und die suche ich!