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| Abbildung Peter Groenewold/ChatGPT |
Op een borrel met de cultuur van de buur
Ich bin ein Freund von Listen. Diese ist in erster Linie für die niederländischen Deutschlehrer bestimmt, die sich diese Woche im Kloster Frenswegen treffen werden:
Coming of Age – Deutsche Romane im 21. Jahrhundert
Benjamin Lebert, Crazy (1999)
Juli Zeh, Spieltrieb (2004)
Benedict Wells, Spinner (2009), Fast genial (2009), Hard Land (2021)
Wolfgang Herrndorf, Tschick (2010)
Helene Hegemann, Axolotl Roadkill (2010)
Angelika Klüssendorf, Das Mädchen (2011)
Jan Brandt, Gegen die Welt (2011)
Nils Mohl, Es war einmal Indianerland (2011)
Bov Bjerg, Auerhaus (2015)
Axel Ranisch, Nackt über Berlin (2016)
Bodo Kirchhoff, Dämmer und Aufruhr. Roman der frühen Jahre (2018)
Matthias Brandt, Blackbird (2019)
Ewald Arenz, Der große Sommer (2021)
Julia von Lucadou, Tick Tack (2022)
Christian Huber, Man vergisst nicht wie man schwimmt (2022)
Tonio Schachinger, Echtzeitalter (2023)
Caroline Wahl, 22 Bahnen (2023)
Elena Fischer, Paradise Garden (2023)
Dana Vowinckel, Gewässer im Ziplock (2024)
Kurt Prödel, Klapper (2025)
Am 11. Februar wird die sowohl in Deutschland als auch in den Niederlanden sehr erfolgreiche Schriftstellerin Julia Schoch nach Groningen kommen.
Ich interviewe sie dann auf deutsch um 19:30 in der Galerie Pictura (Groningen, Sint Walburgstraat 1). Dabei wird ihr Roman „Das Liebespaar des Jahrhunderts“ (Nederlandse editie „Het liefdespaar van de eeuw“) im Mittelpunkt stehen.
Julia Schoch war in der Zeit 15/16/17 Jahre alt und lebte in Potsdam. Sie ging dort zunächst auf ein Sportgymnasium und wurde als Steuerfrau im Rudervierer DDR-Meisterin. Sie verlor ihr Land. Die umwälzenden Erfahrungen bestimmten ihr persönliches Leben in den neunziger Jahren und führten letztlich zu ihrer Schriftstellerexistenz im neuen Jahrtausend.
Als man sie bei einem Aufenthalt in den USA fragte, worüber sie schreibe, sagte sie : „Love and History“.
Nicht dass ihr dabei schon klar war, was sie damit meinte. Das ist ihr Lebensthema geworden. Die drei Romane „Das Vorkommnis“, „Das Liebespaar des Jahrhunderts“ und „Wild nach einem wilden Traum“ (Nederlandse editie: „Wild na een woeste droom“) finden dafür eine eindrucksvolle und für jede(n) zugängliche Sprache und eine eigene Poetologie.
Sie sind nicht nur für ihre eigene Generation (Jahrgang 1974) zugänglich, sondern auch für die folgende und vorhergehende, also zum Beispiel für mich (Jahrgang 1948). Und man muss auch nicht sein Land verloren haben, um das alles interessant zu finden; es genügen schon ein paar ungewöhnliche historische Konstellationen. Bei mir zum Beispiel mein Leben in der merkwürdigen politischen Insel West-Berlin in den 60/70ger Jahren.
Das erklärt den überaus großen Erfolg nicht nur in Deutschland sondern auch international. Jeder Leser, jede Leserin findet in ihren Romanen seine eigen Liebe und seine eigenen Probleme wieder.
Julia Schoch wird uns am 11. Februar darüber berichten und einige Passagen aus dem Liebespaar des Jahrhunderts vorlesen. Fragen können auch auf Niederländisch gestellt werden. Das übersetze ich dann.
In der Dezembernummer der Zeitschrift „Stad & Lande“ ist jetzt mein Artikel „De Zittende Jongeling op het Emmaplein in Groningen“ erschienen. Darin habe ich eine ganze Reihe überraschender Neuigkeiten zu dem etwas unterschätzten Bildhauer Frederik Jeltsema vom Anfang des 20. Jahrhunderts zusammengefasst und präsentiert.
Inzwischen habe ich noch mehr und plane einen weiteren Artikel und eventuell eine Buchveröffentlichung. Das große Problem ist, dass es fast keine Ego-Dokumente und biografisch relevante Kommentare, Briefwechsel etc. gibt. Wie schreibt man dann eine Biografie?
Nachdem ich eigentlich schon einen Ausweg gefunden zu haben glaubte: eine Art Mosaik-Biographie, die die Person in thematischen Fragmenten in ihrer Zeit und ihren Werken und Interessen umkreist, bin ich jetzt zu einem anderen Schluss gekommen:
Ich habe lange unterschätzt, welche Rolle es für Jeltsema gespielt hat, dass er die ersten 26 Jahre seines Lebens als Mädchen und Frau aufgewachsen ist. Dabei war er körperlich eindeutig männlich, mit kleinen femininen Abweichungen. Zwischen 1903 und 1906 ist bei ihm der Entschluss gereift, weiter als Mann durchs Leben zu gehen.
Ein Buch über ihn muss diese Phase ins Zentrum stellen und natürlich berücksichtigen, wie ein Leben als Frau und danach als Mann für ihn ausgesehen hat. Er ist immerhin zweimal verheiratet gewesen. Irrsinnig außergewöhnlich!
Sehr hilfreich ist für mich eine ungewöhnliche deutsche Autobiografie aus derselben Zeit und mit demselben psycho-sexuellen Hintergrund:
N.O. Body, Aus eines Mannes Mädchenjahren, Berlin 1907
Diese detektivischen Untersuchungen werden mich in den folgenden Monaten beschäftigen. Die Jeltsema-Reihe in meinem Blog schließe ich vorerst ab.
Dafür werde ich wieder mehr Beiträge wie in den letzten Jahren posten.
In meinem Beitrag „Was soll das werden?“ vom 14. November habe ich drei unabhängig voneinander gerade erschienene Romane genannt, deren deutsche Titel eine merkwürdig übereinstimmende Form und Aussage aufweisen:
„Was vor uns liegt“
„Was wir wissen können“
„Was nicht gesagt werden kann“
Darüber habe ich mich etwas gewundert und mich gefragt, was das werden soll, so in dem Sinne, ob das etwas über das Wesen von Literatur aussagt oder ob sich die Art und Weise mit Literatur umzugehen verändert…
| Nun ist eine Literatur-Sonderausgabe der ZEIT erschienen, aufwändig gemacht und in vier Teile unterteilt, die auf ganz ähnliche Weise formal und inhaltlich zusammenhängen: |
Was kann ich wissen?
Was soll ich tun?
Was darf ich hoffen?
Was ist der Mensch?
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| DIE ZEIT Nr. 51 vom 29. November |
Und wieder frage ich, ob im sich verändernden deutschen Feuilleton sich gerade auch ganz grundsätzlich die Erwartung an und der Umgang mit Literatur verändert. Und was ich davon halte?
Wir leben in unsicheren Zeiten, in denen es keine Gewissheiten mehr gibt, und da soll offenbar die Literatur uns helfen, aus der Misere zu kommen. „Sorg dich nicht - lies!“ fordert uns Dorothee Elmiger beinahe lebensgroß auf der Titelseite auf. Gerade sie, die mit ihrem finsteren und für viele unzugänglichen Roman den Deutschen Buchpreis 2025 gewonnen hat.
Offenbar versucht die gesamte Branche, die doch zunehmend in einer großen Seifenblase verschwindet, sich in einer beschwörenden Selbsthypnose zum Verklärer des lesenden Individuums zu machen, das zuhause auf dem Sofa sitzend die Welt erkennen und retten kann.
Das kann es nicht! Und das muss es auch nicht!
Literatur und Weltrettung sind nämlich zwei paar Stiefel. Und unter Literatur habe ich mir immer einen autonomen ästhetischen Bereich vorgestellt, in dem eigene Welten geschaffen werden können. Von großer Schönheit und/oder erwählter Hässlichkeit. Aus eigenem Recht und nach eigenen Regeln.
„Was nicht gesagt werden kann“, ist der deutsche Titel des Romans „Flesh“ von David Szalay. Er hat den Booker-Preis 2025 gewonnen.
„Wie findest du den Roman?“, fragte mich ein Freund.
„Ganz gut.“
„Wie, ganz gut! Was soll das heißen?“
„Weiß nicht.“
Aber so richtig begeistert bist du nicht.“
„Nee.“
Wer den Roman gelesen hat, weiß, was ich mit meiner Kurzrezension meine.