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Montag, 13. September 2021

KanzlerIn Zwarte Piet?


Laut der ZEIT dieser Woche waren offenbar alle acht KanzlerInnen der Bundesrepublik Zwarte Pieten. Das ist zwar in den Niederlanden inzwischen ein identitätspolitisch umstrittenes Konzept mit rassistischen Konnotationen, aber den deutschen Kanzlern kann man das ja nicht anrechnen. Mir gefallen sie so jedenfalls ganz gut. Und auch der nächste Kanzler sollte vor allem ein Zwarte Piet sein und kein Sinter Klaas.

Montag, 6. September 2021

Nietzsche (28): Der tolle Mensch

Und wer noch zwei Minuten über hat und einen der berühmtesten kurzen Texte Nietzsches (aus "Die fröhliche Wissenschaft", 1882) lesen möchte, in dem alles, alles schon drin ist - bitte schön:


Der tolle Mensch. - Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittag eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: "Ich suche Gott! Ich suche Gott!" - Da dort gerade viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter. Ist er denn verlorengegangen? sagte der eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? - so schrien und lachten sie durcheinander. Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. 

"Wohin ist Gott?" rief er, "ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet - ihr und ich! Wir sind seine Mörder! Aber wie haben wir das gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittag angezündet werden? Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? - auch Götter verwesen! Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet - wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine größere Tat – und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!« – Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, daß sie in Stücke sprang und erlosch. »Ich komme zu früh«, sagte er dann, »ich bin noch nicht an der Zeit. Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert – es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Taten brauchen Zeit, auch nachdem sie getan sind, um gesehn und gehört zu werden. Diese Tat ist ihnen immer noch ferner als die fernsten Gestirne – und doch haben sie dieselbe getan!« – Man erzählt noch, daß der tolle Mensch desselbigen Tages in verschiedene Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur dies entgegnet: »Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Grüfte und Grabmäler Gottes sind?« - (KSA 3, 480-482)




Nietzsche (27): Im Horizont des Unendlichen

Noch ein Beispiel aus "Die fröhliche Wissenschaft" (1882). Bei diesem Text kann man sich vorstellen, was Kafka an ihm gehabt haben muss:


"Im Horizont des Unendlichen. – Wir haben das Land verlassen und sind zu Schiff gegangen! Wir haben die Brücke hinter uns – mehr noch, wir haben das Land hinter uns abgebrochen! Nun, Schifflein! Sieh dich vor! Neben dir liegt der Ozean, es ist wahr, er brüllt nicht immer, und mitunter liegt er da wie Seide und Gold und Träumerei der Güte. Aber es kommen Stunden, wo du erkennen wirst, daß er unendlich ist und daß es nichts Furchtbareres gibt als Unendlichkeit. Oh des armen Vogels, der sich frei gefühlt hat und nun an die Wände dieses Käfigs stößt! Wehe, wenn das Land-Heimweh dich befällt, als ob dort mehr Freiheit gewesen wäre – und es gibt kein »Land« mehr!" (KSA 3, 480)





(Apropos: Deutschlehrer müssten eigentlich begeistert sein von Nietzsches fabelhafter Interjektion mit Genitiv: "Oh des armen Vogels".)

Nietzsche (26): Fröhliche Wissenschaft!

"Die fröhliche Wissenschaft" (1882) war Nietzsches erstes im Hinblick auf Philosophie und Dichtung durchkomponiertes Buch. (Zu den dazugehörigen Gedichten habe ich mich bereits in den Blogbeiträgen Nietzsche 12, 15 und 17 geäußert).


Jetzt komme ich dazu, das Buch ganz zu lesen und bin überwältigt von seinem Reichtum, übrigens auch in literarischer Hinsicht. Aus den Aphorismen möchte ich am liebsten reihenweise zitieren. Aber ich begnüge mich mal mit einem:

 

„Ein Mal eins. – Einer hat immer Unrecht: aber mit Zweien beginnt die Wahrheit. – Einer kann sich nicht beweisen: aber Zweie kann man bereits nicht widerlegen.“ (KSA 3, 517)




Donnerstag, 12. August 2021

Ijoma Mangolds Nachruf auf Karl Heinz Bohrer

Karl Heinz Bohrer

Ijoma Mangold hat in der ZEIT vom 12. August unter dem Titel „Ein freier Radikaler“ einen schönen Nachruf auf Karl Heinz Bohrer geschrieben. Bohrer ist auch in Café Deutschland immer wieder ein Thema gewesen. Ich war seiner Art und seinen Werken sehr verbunden.

Mangold endet mit den Sätzen: „Wir denken an ihn. Seit er abwesend ist, noch mehr.“

 

Der Nachruf ist auf Zeit-Online aufrufbar.

Nietzsche (25): “Marx, Wagner, Nietzsche”: Herfried Münklers neues Buch über ein weltveränderndes Trio



Herfried Münkler, einer der bekanntesten deutschen Politologen, hat eine intellektuelle Beziehungsgeschichte zwischen Marx, Wagner und Nietzsche geschrieben, die sich auch dem Nachhall und den Disharmonien dieses revolutionären Dreiklangs widmet. Er konstatiert darin unter anderem eine Nähe zwischen Marx und Nietzsche. Darauf freue ich mich besonders (ich habe das Buch noch nicht).

 

Alexander Camman hat es schon gelesen und für die heutige Ausgabe der ZEIT eine Rezension geschrieben.

 

Herfried Münkler, Marx, Wagner, Nietzsche. Welt im Umbruch: Rowohlt Berlin, Berlin 2021, 720 Seiten, € 34

Samstag, 24. Juli 2021

Nietzsche (24): Arnon Grunberg und Nietzsche

In der Volkskrant vom 24. Juli hat Arnon Grunberg unter dem Titel „Lezenslessen“ einen Essay über seine Leseempfehlungen für seinen kleinen Sohn Alyosha (und alle zwischen 0 und 18) veröffentlicht.

 

Abbildung Volkskrant - Typex

Außer dem Struwwelpeter und Max und Moritz kommt darin auch Nietzsche vor:

 

„Een paar jaar later las ik Zo sprak Zarathustra van Friedrich Nietzsche (1844-1900), weer een boek dat ik niet begreep maar dat diepe indruk op mij maakte. Zo wilde ik ook schrijven en zo begón ik ook te schrijven. Eerst maar een citaat: ‘Angst namelijk – dat is het erf- en grondgevoel van de mens; vanuit angst is alles te verklaren, erfzonde en erfdeugd. Uit de angst is ook mijn deugd voortgekomen, die ‘wetenschap’ heet.’ Camus en zijn theorieën over het absurde zijn me dierbaarder, tegenover Camus sta je als lezer (en schrijver) op gelijke hoogde, althans die illusie heb ik, tegenover Nietzsche blijf je een kluns. Nietzsche is onontbeerlijk. De schoonheid van de pathetiek die ons even verzoent met het onverzoenlijke.” (De Volkskrant, Boeken & Wetenschap, p. 4)

 

Grunbergs Meinung über Camus im Vergleich zu Nietzsche und zu Nietzsche selbst teile ich.


Abbildung Volkskrant Typex