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Donnerstag, 4. August 2022

Für meine Follower

 Irgendwie sind meine Follower, also die Leute, die bei jedem Post eine automatische Benachrichtigung auf ihrer Email erhalten haben, verschwunden.

Ich habe das das sogenannte Gadget neu eingerichtet. Es befindet sich gleich oben in der schmalen rechten Spalte des Blogs. Da müsstet ihr euch neu mit eurer Mailadresse eintragen.

Außerdem habe ich bei der Gelegenheit ein Übersetzungs-Gadget eingerichtet, direkt unter dem Follower-Gadget. Wer meinen deutschen Text lieber in einer anderen Sprache lesen möchte, zum Beispiel auf Niederländisch, kann das dort aufrufen. Die Übersetzung ist erstaunlich gut!

Meine kleine Ukraine-Bibliothek (16): Yohanan Petrovsky-Shtern, The Anti-Imperial Choice: The Making of the Ukrainian Jew




                                          Yohanan Petrovsky-Shtern

 

Für die noch zu schreibende ukrainische Literaturgeschichte sind viele Bausteine nötig. In meinem Beitrag Nr. 8 habe ich auf die komplizierte multinationale und multisprachliche Verflechtungsgeschichte des Gebietes hingewiesen, das den heutigen ukrainischen Staat ausmacht. Das trifft allerdings auch auf andere Regionen zu, zum Beispiel auf den jungen Staat Slowenien oder auf den uralten Staat Österreich. Neuerdings wird überall mehr als früher darüber nachgedacht, was das für die Literaturgeschichte bedeutet, die ja als Genre im 19. Jahrhundert auf der Grundlage eines monosprachlichen Nationalismus begründet worden ist.  Aber nirgendwo ist die historisch-nationale und sprachlich-literarische Gesamtlage so komplex und brutal-gewalttätig wie in der Ukraine. Kann es überhaupt eine ukrainische Literaturgeschichte geben?

 

Der ukrainisch-stämmige Kulturwissenschaftler Yohanan Petrovsky-Shtern hat 2009 ein Buch veröffentlicht, das gleich eine ganze Reihe von Bausteinen für eine mögliche ukrainische Literaturgeschichte liefert. Anhand von fünf jüdisch-ukrainischen Schriftstellern zieht er eine biografisch-politisch-literarische Linie vom 19. bis zum 21. Jahrhundert:

 

„The Anti-Imperial Choice: The Making of the Ukrainian Jew”, 384 Seiten, Yale University Press 2009, 69 Dollar. Das Buch ist aber auch komplett auf dem Internet zu lesen.

 

Der sehr gut geschriebene und eindringliche biografische Ansatz erleichtert dem Leser den Zugang zu dieser unglaublich komplexen, furchtbaren und faszinierenden Geschichte.

 

Der Autor ist übrigens ein Bruder der ukrainisch-deutschen Autorin Katja Petrowskaja, die mit ihrem erfolgreichen deutschsprachigen Roman „Vielleicht Esther“ (2014) auch ein Teil der ukrainischen Literaturgeschichte ist. 

 

Um diese fünf Autoren geht es. Wer eine kurze Vorschau möchte, kann hier zu Kulyk, Pervomaiskyi und Fishbein kleine informative Artikel anklicken:

 

1          Hryts’ko Kernerenko (1863-1941)

 

2          Ivan Kulyk (1897-1937)

 

3          Raisa Troianker (1909-1945)

 

4          Leonid Pervomais’kyi (1908-1973)

 

5          Moisei Fishbein (1946-2020)


Zu Moisei Fishbein werde ich mich in einem weiteren Artikel äußern.

 

Mittwoch, 3. August 2022

Meine kleine Ukraine-Bibliothek (15): Fünf Biografien zu Selenskyj


 



In den letzten Wochen sind sage und schreibe fünf Selenskyj-Biografien auf dem deutschen Buchmarkt erschienen, dazu noch ein Bändchen mit seinen Reden, das es auch in niederländischer Übersetzung gibt:

 

- Steven Derix, Selenskyj: Die aktuelle Biografie

(ndl. Zelensky: de oorlogspresident)

- Leo Lin, Der Helden-Präsident (Foto-Biografie)

- Genté Régis, Wolodomyr Selenskyj: Geburt eines Helden

- Wojciech Rogacin, Selenskyj: Die Biografie

- Sergii Rudenko, Selenskyj: Eine politische Biografie

 

Die Reden:

Selenskyj, Für die Ukraine – für die Freiheit, niederländisch: Voor Oekraïne (Walburg Press)

 

Das sind natürlich alles publizistische Schnellschüsse, die auf die rasante Popularität des ukrainischen Präsidenten nach Kriegsbeginn einspielen. Ich habe keines dieser Bücher gelesen, nur ein bißchen gegoogelt: Die empfehlenswerteste Biografie scheint mir die von Sergii Rudenko aus dem Hanser Verlag zu sein (224 Seiten, 24 €). Hier ist eine Rezension.



Dienstag, 2. August 2022

Meine kleine Ukraine-Bibliothek (14): Andrej Kurkow, Picknick auf dem Eis

Ich habe gerade mit großem Vergnügen begonnen, die deutsche Übersetzung des Romans von Andrej Kurkow zu lesen, da erscheint in TZUM Hans van der Heijdes Besprechung der niederländischen Ausgabe. 

Kurkow ist Ukrainer, hat aber immer auf Russisch geschrieben. Das gilt auch für seinen bislang letzten Roman „Graue Bienen“ (2018, deutsch 2021), der im umkämpften Donbass spielt.

Van der Heijde weist zurecht darauf hin, dass die Ukraine der frühen neunziger Jahre noch ein völlig anderes Land war als heute.

Andrej Kurkow, Picknick auf dem Eis, Diogenes Taschenbuch 2000, 12 €

Andrej Koerkov, Picknick op het ijs, Prometheus Amsterdam, 22,50 €

Montag, 1. August 2022

Bordewijks Bäume und die Demokratie


1 Den Haag 2022: Gefällte Bäume

 

Wir sind letzte Woche ein paar Tage durch die Straßen des Statenkwartiers gelaufen, eines der schönsten Bezirke von Den Haag nahe am Strand von Scheveningen. Hier stehen reihenweise prächtige Herrenhäuser des 19. Jahrhunderts. Leider findet gerade eine umfangreiche Erneuerung der Straßenbahnlinie 16 statt, die auf einen breiteren Tramtyp umgestellt wird (und danach 17 heißt). Mehrere der schönen Plätze sind vollständig eingezäunt. In der Statenlaan sind entlang den Schienen Dutzende Ulmen und Pappeln brutal abgesägt worden, auf ein Meter Höhe, der Anblick tut weh.

 

Die Gemeinde tröstete die wütende Bevölkerung mit dem Hinweis, dass viele der Bäume sowieso krank gewesen seien, angeblich wegen der salzhaltigen Luft so dicht an der Nordsee (!). Es ist noch nicht bekannt, welche Baumart ersatzweise gepflanzt wird. Die Aktion dauert noch bis Februar 2023. Danach kommt die berühmte Linie 1 dran, die „Bikini-Bahn“, die vom Zentrum über den großen Platz 1813 bis zum Kurhaus am Strand führt.

 

2 Bordewijks Engel: Gebrochene Hände

 


Dann waren wir zum ersten Mal auf dem Friedhof Oud Eik en Duinen, wo viele bekannte Niederländer aus Politik und Kultur begraben liegen. Das calvinistische niederländische Bürgertum ist auch in der Grabkultur bescheidener als in Berlin oder Paris, aber dies ist einer der schönsten Friedhöfe der Niederlande. Mit einiger Mühe fanden wir trotz der schlechten Wegbeschreibung im Internet das Grab von Ferdinand Bordewijk (1884-1965), meinem niederländischen Lieblingsschriftsteller während meines Studiums in Berlin vor fünfzig Jahren.

 

Irgendjemand hat in den letzten Jahren einen kleinen Engel auf die Grabplatte geklebt. Er ist etwa 20 Zentimeter groß und fällt durch seine queer anmutende Farbgebung auf: blaues Kleidchen, rosa Flügel, blonde Locken. So betet er für den verstorbenen Schriftsteller, der über sein Privatleben immer nur wenig mitgeteilt hat. Nicht alle Bordewijk-Verehrer sind über diesen Engel entzückt. Irgendwer hat die betenden Händchen brutal abgebrochen.

 



3 Ferdinand Bordewijk, Ijzeren Agaven (1937)

 

Einer von Bordewijks Texten intrigierte mich vor fünfzig Jahren besonders: „Ijzeren Agaven“ aus dem Erzählband „De Wingerdrank“ (1937). Es gibt noch den Untertitel „studie in zwart met kleuren“. An seinem Grab fiel mir das alles wieder ein.

 

Der Text verfügt über sprachlich-bildliche Eigenheiten, die eine merkwürdige Melange aus Traum und Wirklichkeit, Wahrnehmung und Reflexion erzeugen. Er schien mir ein Beweis für die Modernität der niederländischen Literatur der dreißiger Jahre, und ich sah damals wohl auch die ästhetische Nähe zu Ernst Jüngers „Das abenteuerliche Herz“ (1929/1938), mit dem ich mich viel beschäftigt hatte.

 

Leider habe ich mich nie um eine nähere Analyse gekümmert. Die niederländische Literaturwissenschaft allerdings auch nicht. Es gibt nur eine Handvoll kleinerer Interpretationsansätze. Das Potential dieses Textes ist nie wirklich ermessen worden.

Das kann ich jetzt auch nicht machen. ich habe nur ein paar Anmerkungen zu dem seltsamen dreiseitigen Vorwort mit dem rätselhaften Titel „Preambule praeter propter“.

 

Ijzeren Agaven, ein Vorwort, eine Vorauswanderung

 

Es sind kurze, parataktische Sätze mit verblüffenden Elementen, die schnell zeigen, welche Kraft in ihnen wirksam ist. Thomas Mann brauchte eine ganze Seite für seine Sätze. Bordewijk schreibt einfach: “De schrijver ging met benen, die vacantie hadden en de tijd.” Ich habe schon immer eine Schwäche für die kurzen Formen gehabt. 

 

Vestdijk sprach nicht umsonst im Zusammenhang mit diesem Text von einem “Prosagedicht”: „De schrijver, kraag op, sterke benen, schreed door regen, - een weekse dag.“ So beginnt es: Ein Autor, der im Regen durch Den Haag flaniert, mit seinen Wahrnehmungen und Gedanken. Er kommt durch alte und neue Viertel: „De nieuwste van het vele glas zonder penanten, de kristalachtige (…) de minder nieuwe gebouwen van de granieten onderpui ook”. Zunächst ist es ein großstädtischer betriebiger Wochentag. Der Verkehr „volgde zich snel op, in alle richtingen, het filmde”. Das ist so eine Besonderheit von Bordewijk, auf einmal kommt ein Wort, das einen perplex macht: der Verkehr in seiner endlosen Reihe „filmte“.

 

Ijzeren Agaven und Den Haag 1937: Gefällte Bäume

 

Dann ist es von einem Absatz zum anderen auf einmal Sonntag, und alles ist still. Der immer noch durch den Regen flanierende Autor kommt auf einen großen Platz. Ich habe erst jetzt, wo ich Den Haag besser kenne, herausgefunden, um welchen Platz es hier geht: den Plein 1813 zur Erinnerung an die niederländische Unabhängigkeit nach der Napoleon-Herrschaft. Im Umkreis stehen vier gewaltige Villen. Im Zentrum erhebt sich ein Nationalmonument mit der triumphierenden Nederlandse Maagd. Merkwürdigerweise hat keiner der Interpreten, die ich gelesen habe, auf diese Bezüge hingewiesen.

 

Etwas ist für den Autor anders als sonst: Der Platz scheint noch größer geworden zu sein als er sowieso schon war. Dann sieht er den Grund dafür: der doppelte Ring aus Bäumen ist verschwunden. Alle Bäume waren umgehackt worden. Und dann wieder so ein Satz: „Het was de olmenziekte of eenvoudig de democratie“. Auch dafür hat sich keiner der Interpreten interessiert, dabei ist diese schockierende Wahrnehmung für den Autor der Anlass zu kritischen Gedanken: die „vornehme“ Ulme wird, wie damals überall in der Stadt, ersetzt durch „het prullige acaciaatje, het onbenulligste boompje dat bestaat, met zijn insipide blad. (…) Wat er goeds was in de nieuwe tijden of schoons, het acaciaatje deed er niet aan mee.”

 

Plein 1813: Dieses Foto muss kurz nach der Neubepflanzung des Platzes gemacht worden sein, wahrscheinlich in den vierziger Jahren. 


Es ist so: In den dreißiger Jahren herrschte in der Tat die „holländische Ulmenkrankheit“, und dass Bordewijk sie uns ausgerechnet hier am national so bedeutsamen Plein 1813 demonstriert und die Ursache dafür neben der Ulmenkrankheit der Demokratie zuschiebt, ist doch von einer außerordentlichen Aussagekraft, auch was die darauf folgende Erzählung betrifft. Darum müsste sich mal jemand kümmern!

 

Der Autor geht weiter und kommt in einer Nebenstraße zu einer leerstehenden verfallenden Villa. Auf dem wuchtigen Balkon stehen zwei breite eiserne Amphoren mit eisernen Agavenblättern: „Bladen als zwaarden, vijf, zes lemmeten in iedere urn, met schaarden en licht buigende top.“ Und direkt danach wieder so ein Satz: “Hij keek gespannen naar de tijd die de nabootsing had verkozen boven de natuur.” Aus dieser Spannung wird er Literatur machen.

 

Die eigentliche Geschichte unter dem Titel „Ijzeren Agaven“ folgt erst nach dieser vorausweisenden Vorauswanderung: Angesichts der verfallenden Villa mit den eisernen Agaven imaginiert der Autor eine Geschichte über den allmählichen Untergang eines bankrotten Managers eines Vergnügungsparks, der sich in diesem Haus ein Zimmer mietet. Ein schönes Promotionsthema für einen jungen Niederlandisten oder eine junge Niederlandistin!

Samstag, 30. Juli 2022

Meine kleine Ukraine-Bibliothek (13): Die Rede von Andrij Kurkow in Wassenaar

                                           Andrij Kurkow

Die NRC veröffentlichte heute die Rede, die der ukrainische Schriftsteller Andrij Kurkow (niederländisch: Koerkov) am 26. Juli in Wassenaar gehalten hat: „Deze keer zal Rusland onze droom niet vermorzelen“:

Rede

Donnerstag, 14. Juli 2022

Französisch-deutsche Intimitäten



Ich lese gerade mit einiger Faszination den letzten Roman von Houellebecq. Da begegne ich diesem Satz:

"Es war doch etwas Sexuelles zwischen Frankreich und Deutschland, etwas eigenartig Sexuelles, und das schon seit langer Zeit."

Michel Houellebecq, Vernichten (Anéantir), Köln 2022, S. 125.f.

Das kann man von den Niederlanden und Deutschland nicht sagen.