Cookie

Samstag, 1. Oktober 2022

Meine kleine Ukraine-Bibliothek (23): Timothy Snyder und die deutsche Geschichtspolitik

 



Timothy Snyder ist der Verfasser mehrerer wichtiger Werke zur blutigen Geschichte Mitteleuropas unter den Sowjets und den Nationalsozialisten. In der aktuellen Debatte zu Putins Krieg gegen die Ukraine und Deutschlands Haltung hierzu hat er sich mehrfach in den deutschen Medien geäußert.

Hier ist der Artikel „Falsche Erinnerungen“ vom 28.5.2022 im „Spiegel“, der für mich persönlich ein ungewöhnlicher Wendepunkt gewesen ist und zur Entstehung meiner kleinen Ukraine-Bibliothek wesentlich beigetragen hat:



Mittwoch, 28. September 2022

Meine kleine Ukraine-Bibliothek (22): Rose Ausländer und das Viersprachenland


Bukowina

 

Grüne Mutter

Bukowina

Schmetterlinge im Haar

 

Trink

Sagt die Sonne

Rote Melonenmilch

Weiße Kukuruzmilch

Ich mache sie süß

 

Violette Föhrenzapfen

Luftflügel Vögel und Laub

 

Der Karpatenrücken

Väterlich

Lädt dich ein

Dich zu tragen

 

Vier Sprachen

Viersprachenlieder

 

Menschen

Die sich verstehn

 

Rose Ausländer, geboren 1901 in Czernowitz, gestorben 1988 in Düsseldorf


Andreas Kilcher hat am 25.9.2022 in der Neuen Zürcher Zeitung einen schönen Artikel über Rose Ausländer geschrieben.

(Die NZZ ist frei zugänglich, wenn man sich registrieren lässt.)

Viel mehr dazu (und zu anderen Autoren aus der Bukowina) im

Bukowinaportal

und in der Dissertation der Ukrainerin

Natalia Shchyhlevska, Deutschsprachige Autoren aus der Bukowina, Frankfurt am Main 2004



Meine kleine Ukraine-Bibliothek (21): Joseph Roth und die "Weltaufteiler"

 


Joseph Roth, geboren 1894 in Brodsky/Galizien, gestorben 1939 in Paris


Joseph Roth zur Situation in Mitteleuropa nach der Pariser Friedenskonferenz von 1919:


“In diesem Europa, in dem die möglichst große Selbständigkeit der Nationen das oberste Prinzip der Friedensschlüsse, Gebietsteilungen und Staatengründungen war, hätte es de europäischen und amerikanischen Kennern der Geographie nicht passieren dürfen, dass ein großes 

V o l k  v o n  30 M i l l i o n e n  in mehrere nationale Minderheiten zerschlagen, in verschiedenen Staaten weiterlebe. Zwingt man sich (wider sein besseres Wissen) zu jener naiven Anschauung, dass die Nationen von Europa in säuberlich voneinander getrennten Gebieten leben, wie auf Schachbrettern, so ist nicht einzusehen, weshalb man ein großes Volk einfach vergaß und weshalb man das Gebiet, auf dem es lebt, nicht zusammenzuschließen versuchte, sondern neuerlich aufteilte. Die Ukrainer, die in Russland, in Polen, in der Tschechoslowakei, in Rumänien vorhanden sind, verdienten gewiss einen eigenen Staat, wie jedes ihrer Wirtsvölker. Aber sie kommen in den Lehrbüchern, aus denen die Weltaufteiler ihre Kenntnisse beziehen, weniger ausführlich vor als in der Natur – und das ist ihr Verhängnis.“

 

(aus: Joseph Roth, „Die ukrainische Minderheit“, Frankfurter Zeitung, 12. August 1928)

Samstag, 24. September 2022

Kasperletheater



With thanks to Doris en Deb


Zum ersten Mal seit vielen Jahren sind die hand-geschnitzten Kasperlepuppen meines Onkels wieder in meinem Haus zusammen: Großmutter, der Teufel, Gretchen, Kasper, das junge Königspaar, der Räuber-hauptmann, der Seemann und der Gendarm (mit der grünen Uniform; die anderen Kostüme sind leider ver-loren gegangen). Nur der Tod fehlt, aber der hat ja auch immer viel zu tun.

Mittwoch, 21. September 2022

Meine kleine Ukraine-Bibliothek (20): Taras Schewtschenko, Der Kobsar

 

Taras Tschewtschenko, Selbstbildnis, 1858

Taras Schewtschenko (1814-1861) gilt als ukrainischer Nationaldichter. In der Hauptstadt Kiew wurden 1939 die Universität und die Oper nach ihm benannt. Während der Orangenen Revolution (2004) und des Euromaidan 2013/2014 zeigte sich auch die aktuelle Popularität des Dichters.

 

Das Hauptwerk Schewtschenkos erschien 1840 unter dem Titel „Der Kobsar“ und enthielt nur acht romantische Gedichte. Er hatte großen Erfolg damit, und hat es in den folgenden Jahren um ein Vielfaches erweitert.


Die deutsche zweibändige Ausgabe von 1951 umfasst 1000 Seiten und wurde von Alfred Kurella Im „Verlag für fremdsprachige Literatur“ in Moskau herausgegeben. Die acht Gedichte der ersten Ausgabe finden sich dort auf den Seiten 71-134 (ohne dass sie besonders gekennzeichnet wären). Kurella hat auch die meisten der Gedichte übersetzt.

 

Am Anfang der 40seitigen von Alexander Deutsch verfassten biographischen Skizze, die diese Ausgabe des Kobsar einleitet, stehen folgende Zeilen, die uns heute wie eine bittere Ironie anmuten:

 

„Frei und ungebunden lebt heute in den weiten Gefilden der Sowjetukraine das ukrainische Volk, von den Karpaten bis zum Donez, vom Pripet-Tal bis zum Schwarzen Meer in einem einzigen sozialistischen Staat vereinigt. Tausende Kilometer weit dehnen sich golden die Kolchosfelder, und über der endlosen Steppe flammt der rosenrote Widerschein der Hochöfen, ragen riesige Getreidespeicher auf, und die schwarzen Pyramiden der Abraumhalden im Grubengebiet des Donezbeckens wechseln ab mit gewaltigen, auch zur Nachtzeit Feuer strahlenden Werkhallen von Stahlgießereien, Maschinenbau- und Traktorenwerken.

Hand in Hand mit dem großen russischen Volk und den anderen Völkern der Sowjetunion schreitet das freiheitsliebende und begabte ukrainische Volk an der Spitze der fortschrittlichen Völker der Welt, die für einen dauerhaften Frieden und die fruchtbare Entwicklung ihrer nationalen Kultur kämpfen.

Über die weite Ukraine hin erklingen die frohen Lieder, in denen das Volk die schöpferische Arbeit, die errungene Freiheit seiner Kultur und die Genien der sozialistischen Revolution, Lenin und Stalin, besingt“ (Der Kobsar, S. 2f.).

 

(Wenn man bedenkt, dass 1951 der Holodomor noch keine zwanzig Jahre zurücklag und der Herausgeber Alfred Kurella ein widerlicher deutscher Stalinist war, muss dieser Text für redliche Leser auch damals schon unerträglich gewesen sein.)

Im Internet ist der komplette Text der Biographie von Anton Alfred Jensen: "Taras Schewtschenko, ein ukrainisches Dichterleben" (Wien 1916), frei zugänglich.


Dienstag, 13. September 2022

Meine kleine Ukraine-Bibliothek (19): Der ukrainische Nationaldichter Taras Schewtschenko

 Taras Schewtschenko (1814-1861)


Das Vermächtnis

Sterb ich, so begrabt auf einem
Kurhan 1) mein Gebeine
Mitten in der weiten Steppe

Meines Lands Ukraine,
Dass ich Felder schau, des Dnjepr
Steile Uferrande,
Dass ich höre, wie der Wilde
Braust durch Steppenlande!

Wie er stolz aus der Ukraine
Fern ins Meer, ins blaue,
Wälzen wird das Blut der Feinde —
Felder, Berg und Aue,
Alles will ich froh dann lassen,
Nur zu Gott, dem Einen,
Betend fliegen. Doch bis dahin —
Freunde, kenn ich keinen!

Senkt mich ein — doch dann erhebt euch,
Ketten sprenget, harte,
Feindesblut, es röte eurer
Freiheit Siegsstandarte!
Und im neuen freien Bunde,
In der Brüder Kreise,
Denkt auch meiner dann mit einem
Wörtchen lieb und leise!

Perjaslaw, 25. Dez. 1845.


*) Vgl. „Schewtschenkos Leben und Dichten“ Seite 23.
1) Grabhügel (vgl. Seite 31, Anm.)

Taras Schewtschenko (1814-1861)

Osip Fedjkowytsch (1834-1888)

In Kiew an der Lawra,1)

Da saß ein Sängergreis,

Sein Bart war weiß wie Silber,

die Locken silberweiß.

 

Der sang viel alte Lieder, 

Sang manchen Seherspruch

Und manchem Teufel Segen

Und manchem Engel Fluch.

 

Und manchem Helden Schande

Und manchem Weisen Hohn

Und manches Schwert in Stücke,

in Stücke manchen Thron.

 

Da riss sich eine Quader

Vom alten Dome los

Und stürzt zu seinen Füßen

Und sprang in seinen Schoß.


“O Sänger, du furchtbarer Sänger,

lass solch ein Singen sein,

Sonst stürzt zu deinen Füßen

Das ganze Russland ein.”

 

1)      Das berühmte Höhlenkloster

 

(Gedicht auf Taras Schewtschenko aus: “Nationalpoesie der Ruthenen”, 1865, im Original Deutsch)

Mittwoch, 7. September 2022

Meine kleine Ukraine-Bibliothek (18): Das Lyrik-Festival Meridian Czernowitz

 



 

Bisher habe ich auf einzelne Bücher hingewiesen, aber auch die Frage nach der Möglichkeit einer ukrainischen Literaturgeschichte in Geschichte und Gegenwart gestellt (Beitrag 8)

 

Das seit 2009 stattfindende Lyrikfestival „Meridian Czernowitz“ gibt durch seine Teilnehmer und Programmatik viele Hinweise zur Beantwortung dieser Frage und vermittelt uns Einblicke in die komplexe vielsprachige ukrainische Literatur und ihre gegenwärtigen Trends.

 

Wer die Festivalberichte in der deutschsprachigen und internationalen Presse über die Jahre hin verfolgt, bekommt einen spannenden Überblick über die Herausbildung einer eigenständigen ukrainischen Identität gegenüber bzw. jetzt auch gegen Russland. Das diesjährige Festival steht im Zeichen des Krieges.

 

Hier ist der Bericht der Süddeutschen Zeitung zum aktuellen 13. Festival vom 2.- 4. September 2022.

Sonntag, 28. August 2022

Angriff auf Winnetou: Der Meulenhoff Verlag streicht Karl May aus dem Programm

Die niederländische NRC lässt in ihrer Ausgabe vom 27/28. August den Philosophen Ger Groot als Verteidiger von Karl Mays Winnetou zu Worte kommen. Der Titel des - leider etwas naiven - Artikels ist „Winnetou is de ideale mens“ (Seite 06 der Rubrik „Opinie & Debat“). Herzlichen Dank, Ger Groot!

Anlass des Plädoyers ist der Umstand, dass der niederländische Verleger von Karl May, der ehrwürdige Meulenhoff Verlag in Amsterdam, alle Karl May-Titel aus dem Programm genommen hat. Er kapituliert damit leider vor den Versuchen kleiner Gruppen selbsternannter Sprach- und Kulturpolizisten, die Vielfalt unserer Medienwelt zu zensieren und ideologisch zu beherrschen. Es ist eine Schande, dass Meulenhoff sich darauf einlässt.

 

Ger Groot und mit ihm eine ganze Reihe weiterer niederländischer Kommentatoren sind allerdings über die entsprechende Situation bei deutschen Verlagen völlig falsch informiert. Die deutschen Karl-May-Ausgaben erscheinen weiterhin unbehindert. Der Ravensburger Verlag, den er anführt, ist nicht der deutsche Verleger von Karl May. Bei dem Buch, dass in diesem Verlag gerade tatsächlich gecancelt wurde, handelt es sich um ein unbedeutendes Begleitbuch zu dem Film „Der junge Häuptling Winnetou“, der gerade in Deutschland anläuft. Schon das hat eine heiße Debatte in Deutschland ausgelöst.

 

Die Werke Karl Mays erscheinen seit 1913 im Karl-May-Verlag Radebeul/Bamberg, der niemals auf die Idee käme, die Winnetou-Titel zu streichen. Würde er dazu gezwungen, gäbe es einen kollektiven Wutausbruch in der deutschen Bevölkerung.


Die Winnetou-Bücher sind die erfolgreichste Fantasyroman-Trilogie der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts. Man muss sie nicht mögen, aber allen Zensurversuchen sollte entschieden entgegengetreten werden, und härter als Ger Groot es tut.


Ich habe meine Exemplare aus dem Regal geholt und werde sie in stillem Protest noch einmal lesen. Härteres folgt später.




Donnerstag, 25. August 2022

Meine kleine Ukraine-Bibliothek (17): Das Ukraine-Feuilleton der ZEIT vom 25.8.2022

 


Die ZEIT dieser Woche hat ihr gesamtes Feuilleton in die Hände von zwei ukrainischen Kuratoren gegeben: zahlreiche Berichte, Fotos, Texte von ukrainischen Schriftstellern, Künstlern und Fotografen. Und über die Druckausgabe hinaus findet sich noch manches auf Zeit Online.

Soweit ich mich erinnere, hat es so etwas in all den Jahrzehnten, die ich mit der ZEIT verbracht habe, noch nicht gegeben.

Dienstag, 23. August 2022

Deutscher Buchpreis 2022. - Die Longlist ist da!



Die Longlist für den Deutschen Buchpreis ist da.
Der Preis wird am 17. Oktober bekannt gegeben.

Hier klicken: Longlist

Von den zwanzig Titeln habe ich noch keinen einzigen gelesen. Das hat's auch noch nie gegeben.
Ich melde mich beizeiten mit Empfehlungen.

Montag, 22. August 2022

Nietzsche (31): Karl Lagerfelds Nietzsche

 



In meinem vorletzten Beitrag habe ich von zwei geplanten Gesamtausgaben Nietzsches berichtet. Eine der beiden, die im Stroemfeld-Verlag erscheinen sollte, wird es definitiv nicht geben: Nach dem Frankfurter Teil ist kürzlich auch der Baseler Teil des Verlags pleite gegangen, und so sind von der Basler Ausgabe nur die beiden ersten Bände mit dem Zarathustra erschienen.

In den letzten Jahren haben viele kleinere Verlage Probleme bekommen, da die Universitätsbibliotheken deutschland-, europa- und wohl auch weltweit als Abnehmer gedruckter Editionen immer mehr ausfallen und nur noch elektronische Ausgaben in ihre Bestände aufnehmen.

Bleibt noch die Ausgabe im L.S.D.-Verlag Karl Lagerfelds. Nun ist Lagerfeld 2019 gestorben. Dieses Jahr wurde ein Teil seines Besitzes bei Sotheby in Köln versteigert. Möglicherweise wird es sich Jahre hinziehen, bis die Situation im L.S.D.-Verlag geklärt ist, ob eine so aufwändige Werkausgabe noch erscheinen kann. Es war ja sowieso schon fraglich!

Der vorgesehene Herausgeber Rüdiger Schmidt-Grépály hat am Ende des wunderschön herausgegebenen Bändchens "Friedrich Nietzsche. Lernt mich gut lesen -" einen detaillierten Überblick über die geplante Ausgabe in 19 Bänden (plus Supplement plus Kommentarband) gegeben. Außerdem sollen, als Teil 1, Nietzsches handschriftliche Druckmanuskripte faksimiliert und in Originalgrösse auf unterschiedliche Schreibpapiere, wie Nietzsche sie verwendet hat, gedruckt und in Archivschachteln präsentiert werden.

Das ist vielleicht zu schön, um wahr zu werden.



Der L.S.D.-Verlag ist übrigens eine seriöse Angelegenheit. Lagerfeld arbeitete schon lange mit Gerhard Steidl zusammen (der übrigens die Werke von Günter Grass verlegt hat). Unter dem Imprint LSD (Lagerfeld, Steidl, Druckerei) sind seit 2010 etwa vierzig schön gestaltete und gar nicht mal so teure Leinenbände erschienen, mit Texten von u.a. Virginia Woolf, die Karl Lagerfeld vorgeschlagen hatte. Wer will, kann sich auch für 15 € ein Blanco-Tagebuch (365 Seiten!) in der gleichen schönen Ausstattung bestellen. Karl Lagerfeld war ein Büchernarr. Seine Privatbibliotheken in den verschiedenen Domizilen umfassten 300.000 Bücher. Das ist, vermute ich, die weltweit größte Privatbibliothek. Sowas muss man wollen.

                            Karl Lagerfeld (1933-2019)


Mittwoch, 17. August 2022

Nietzsche (30): Ist Nietzsche nur ein schäbiger Plagiator?


Kurz vor dem Bau der Mauer tauchten 1961 zwei Italiener aus Lucca in Weimar auf und wollten im Nietzsche-Archiv arbeiten. Ziel der Aktion: eine neue Nietzsche-Gesamtausgabe einschließlich der im Nachlass verborgenen Texte. Dabei gab es das Nietzsche-Archiv sozusagen offiziell gar nicht: Nietzsche war in der DDR von Anfang bis Ende verpönt. 

 

Alles an dieser Geschichte ist unwahrscheinlich, aber sie ist in all ihrer vielgliedrigen Exotik wahr geworden: Die Gesamtausgabe von Giorgio Colli und Mazzino Montinari wurde Wirklichkeit und ist jedem Nietzsche-Interessierten seit 1980 sogar für wenig Geld in einer Taschenbuchausgabe zugänglich; Mazzino Montinari lebte zehn Jahre in Weimar, transkribierte Tag für Tag für Tag die fast unleserlichen Nietzsche-Manuskripte, wurde ein geachteter Bürger der Stadt, liebte und heiratete eine DDR-Deutsche und hatte mit ihr viele Kinder. Die Familie erhielt 1970 eine Ausreisegenehmigung und ließ sich in der Nähe von Florenz nieder.

 

         Mazzino und Sigrid Montinari mit ihren Kindern

Gut, es hat natürlich geholfen, dass er Kommunist war und den DDR-Funktionären schöne Kontakte nach Italien vermitteln konnte. Leider starb Montinari schon mit 58 an einem Herzinfarkt beim Aufräumen seiner Bibliothek. Muss man wohl nicht machen. Aber alles in allem ist dies eine unglaubliche Geschichte, die der Potsdamer Kulturwissenschaftler Philipp Felsch in einem philologisch-politischen Spannungsbogen verarbeitet und mit einem passenden Titel versehen hat: „Wie Nietzsche aus der Kälte kam“ (München 2022, 287 S., 26 €).

 

Eine Sache hat mich besonders interessiert, ja geradezu aufgeregt: Philipp Felsch nennt eines seiner Kapitel „Nietzsches schmutziges Geheimnis“ (S. 175-178). Montinari fällt im Laufe der Jahre sowohl in Nietzsches veröffentlichten als auch in den unveröffentlichten Texten eine große Zahl nicht kenntlich gemachter Zitate auf. Er berichtet darüber seinem Freund in Italien: „Nietzsches Anleihen bei Büchern, die er las, übertreffen alle Vorhersagen.“ War Nietzsche etwa ein Plagiator? Diese Feststellung wird auch von anderen Seiten unterstützt: zwei französische Philosophen wiesen 1971 nach, „dass Nietzsche seine Thesen zum figurativen Charakter der Sprache bis in die Formulierungen hinein den Werken längst vergessener zeitgenössischer Sprachwissenschaftler entlehnt hat“ (S. 185).

 

Es gibt also allen Anlass zu Bedenklichkeit, sollte man meinen. Felsch geht auf sein hartes Urteil in seiner Überschrift allerdings nicht weiter ein; er lässt es so stehen, beharrt auf dem „schmutzigen“ Geheimnis. Das ist das Einzige, was ich ihm in diesem Buch übel anrechne, denn so geht das nicht.

 

Ich habe in meinem Beitrag Nietzsche (18) vom 26. November 2020 auch festgestellt, dass Nietzsche nicht zur Kenntlichmachung von Zitaten neigt: „Er selbst sieht sich nicht in der Tradition der Romantik, sondern als originellen, schöpferischen Denker. Deshalb trifft man bei ihm auch selten die philologische Tugend, die Entwicklung seines Denkens mit Zitaten von Vorgängern zu belegen.“ Nun muss ich zugeben, dass ich erst bei Felsch vom Ausmaß dieser Anleihen erfahren habe. 


Die Franzosen der siebziger Jahre haben der Intertextualität, dem „Tod des Autors“ und der „Geburt des Lesers“ (Roland Barthes) gehuldigt. Sie standen hierin auf ihre Weise Nietzsche sehr nahe, der die romantische Universalpoesie auf eine neue Ebene bringen wollte. Niemand hat ein Recht, Nietzsche jetzt als Plagiator mit einem schmutzigen Geheimnis zu verunglimpfen. "Lernt mich gut lesen", hat Nietzsche geschrieben. Felsch hat es offenbar nicht gelernt.

 

In meinem Beitrag (20) „Textperspektiven bei Nietzsche – ein kleines Experiment“ vom 1. Juni 2021 habe ich versucht zu erklären, worum es hierbei geht: Es ist Nietzsches Methode des Perspektivismus, und das ist beileibe kein Betrug, sondern eine grundsätzlich neue Art zu schreiben.

Montag, 15. August 2022

Nietzsche (29): Die spinnen, die Deutschen!

 


Ich lese gerade die hochinteressante Geschichte, wie es dazu gekommen ist, dass zwei italienische Philologen ab 1961 im Nietzsche-Archiv in Weimar den Nachlass Nietzsches entziffert und die grosse Gesamtausgabe vorbereitet haben, die dann seit 1980 als "Kritische Studienausgabe" (KSA) preiswert im Taschenbuch zugänglich wurde. Mit dieser Ausgabe arbeitet heute die gesamte wissenschaftliche Welt.

Der Potsdamer Kulturwissenschaftler Philipp Felsch hat daraus ein spannendes Buch gemacht: "Wie Nietzsche aus der Kälte kam" (München 2022). Aber dazu schreibe ich in einem späteren Beitrag mehr.

Ich habe nämlich, wie ich das manchmal mache, beim Lesen ein bisschen gespiekt, wie der Autor sein Buch wohl beendet. Nun, es kommen - Überraschung! - gleich zwei neue Nietzsche-Gesamtausgaben, von denen ich noch nie was gehört hatte!

Ich habe ja gar nichts dagegen, dass nach der ästhetisch lieblosen Billigausgabe von Colli und Montinari mit den endlosen Nachlassbänden nun eine schön edierte Ausgabe letzter Hand erscheinen soll. Aber...

Die beiden deutschen Verlage haben bereits 2013 unabhängig voneinander angekündigt, je eine weitere Nietzsche-Ausgabe herausbringen zu wollen: Der Göttinger Steidl Verlag lässt unter seinen Fittichen einen obskur anmutenden L.S.D. Verlag von Karl Lagerfeld (!?) eine 19bändige Ausgabe vorbereiten, herausgegeben immerhin vom langjährigen Leiter des Weimarer "Kollegs Friedrich Nietzsche", Rüdiger Schmidt-Grépály.

Die andere Ausgabe soll 20 Bände mit Faksimiles der Druckoriginale letzter Hand umfassen und erscheint als "Basler Ausgabe" im Frankfurter Stroemfeld Verlag. Die ersten beiden Bände mit dem "Zarathustra" liegen seit 2013 vor, sind aber schon lange vergriffen. Seitdem ist nichts mehr erschienen; es gibt offenbar Finanzierungs-schwierigkeiten.

Manche haben vielleicht noch gute Erinnerungen an die schöne grüne Hölderlin-Ausgabe im Faksimile, die seit 1986 bei Stroemfeld erschien. Das dauerte auch sehr lange! Ich hatte damals nur die Geduld und das Geld für zwei Bände. Heute zahlt man für die 20bändige Edition über 3.000 € im Antiquariat!

Bei Steidl ist es schlimmer: Der Herausgeber hat sich in den Kopf gesetzt, Nietzsches Originalveröffentlichungen in ihrer Dinglichkeit, das heißt, in Gestalt und Druck der Ausgabe letzter Hand und soweit möglich auch im Papier dem Original angenähert herauszubringen. Damit scheint es Probleme zu geben, die auch ins Geld gehen. Billig wird die Ausgabe nicht! Noch liegt nichts vor, außer zwei Teaser-Bändchen: einem mit Gesprächen zwischen dem Herausgeber Schmidt-Grépály, Peter Sloterdijk(!) und Bazon Brock (!!) und einem mit einer Kompilation von Nietzsche-Zitaten über das Lesen. Dafür haben sie aber bei Nietzsche einen wirklich schönen und sinnigen Titel gefunden, der bei manchem Germanisten einen falschen Reflex erzeugen könnte: "Lernt mich gut lesen!"

Philipp Felsch zitiert im Zusammenhang dieser beiden Neueditionen Karl Marx' bekannten Spruch, "dass sich alle wichtigen Begebenheiten der Weltgeschichte zweimal, 'das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce', ereignen".

Die Tragödie war hier die verfälschende Werkausgabe von Nietzsches Schwester, die sein Werk den Nazis in die Arme getrieben hat. Bis über meine Generation hinaus haben bis heute Leute ein Buch aus dem Kröner-Verlag mit dem Titel "Der Wille zur Macht" im Schrank. Schmeißt es endlich weg! 

Die Farce sind die beabsichtigten, aber seit zehn Jahren in der Luft zerplatzenden Seifenblasen-Editionen von Steidl und Stroemfeld. Dazwischen bleibt uns die ungeheure Fleißarbeit der beiden italienischen Philologen, die Nietzsches Werk aus der Kälte (sowohl der Nazis als auch der Kommunisten) geholfen haben.

Dass wir in den Niederlanden jetzt schon seit zwei Jahren auf den schönen Band in der Historische Uitgeverij Groningen mit den Übersetzungen der Gedichte Nietzsches durch Ard Posthuma warten müssen, ist daneben nur eine Petitesse!

Apropos: Ards Übersetzung war für mich beinahe genau vor zwei Jahren der Anlass für meine Nietzsche-Reihe in diesem Blog: am 10. August 2020 ist der erste Post erschienen. Der bisher letzte liegt auch schon fast ein Jahr zurück: Nr. 28 am 6. September 2021.

Donnerstag, 4. August 2022

Meine kleine Ukraine-Bibliothek (16): Yohanan Petrovsky-Shtern, The Anti-Imperial Choice: The Making of the Ukrainian Jew




                                          Yohanan Petrovsky-Shtern

 

Für die noch zu schreibende ukrainische Literaturgeschichte sind viele Bausteine nötig. In meinem Beitrag Nr. 8 habe ich auf die komplizierte multinationale und multisprachliche Verflechtungsgeschichte des Gebietes hingewiesen, das den heutigen ukrainischen Staat ausmacht. Das trifft allerdings auch auf andere Regionen zu, zum Beispiel auf den jungen Staat Slowenien oder auf den uralten Staat Österreich. Neuerdings wird überall mehr als früher darüber nachgedacht, was das für die Literaturgeschichte bedeutet, die ja als Genre im 19. Jahrhundert auf der Grundlage eines monosprachlichen Nationalismus begründet worden ist.  Aber nirgendwo ist die historisch-nationale und sprachlich-literarische Gesamtlage so komplex und brutal-gewalttätig wie in der Ukraine. Kann es überhaupt eine ukrainische Literaturgeschichte geben?

 

Der ukrainisch-stämmige Kulturwissenschaftler Yohanan Petrovsky-Shtern hat 2009 ein Buch veröffentlicht, das gleich eine ganze Reihe von Bausteinen für eine mögliche ukrainische Literaturgeschichte liefert. Anhand von fünf jüdisch-ukrainischen Schriftstellern zieht er eine biografisch-politisch-literarische Linie vom 19. bis zum 21. Jahrhundert:

 

„The Anti-Imperial Choice: The Making of the Ukrainian Jew”, 384 Seiten, Yale University Press 2009, 69 Dollar. Das Buch ist aber auch komplett auf dem Internet zu lesen.

 

Der sehr gut geschriebene und eindringliche biografische Ansatz erleichtert dem Leser den Zugang zu dieser unglaublich komplexen, furchtbaren und faszinierenden Geschichte.

 

Der Autor ist übrigens ein Bruder der ukrainisch-deutschen Autorin Katja Petrowskaja, die mit ihrem erfolgreichen deutschsprachigen Roman „Vielleicht Esther“ (2014) auch ein Teil der ukrainischen Literaturgeschichte ist. 

 

Um diese fünf Autoren geht es. Wer eine kurze Vorschau möchte, kann hier zu Kulyk, Pervomaiskyi und Fishbein kleine informative Artikel anklicken:

 

1          Hryts’ko Kernerenko (1863-1941)

 

2          Ivan Kulyk (1897-1937)

 

3          Raisa Troianker (1909-1945)

 

4          Leonid Pervomais’kyi (1908-1973)

 

5          Moisei Fishbein (1946-2020)


Zu Moisei Fishbein werde ich mich in einem weiteren Artikel äußern.

 

Mittwoch, 3. August 2022

Meine kleine Ukraine-Bibliothek (15): Fünf Biografien zu Selenskyj


 



In den letzten Wochen sind sage und schreibe fünf Selenskyj-Biografien auf dem deutschen Buchmarkt erschienen, dazu noch ein Bändchen mit seinen Reden, das es auch in niederländischer Übersetzung gibt:

 

- Steven Derix, Selenskyj: Die aktuelle Biografie

(ndl. Zelensky: de oorlogspresident)

- Leo Lin, Der Helden-Präsident (Foto-Biografie)

- Genté Régis, Wolodomyr Selenskyj: Geburt eines Helden

- Wojciech Rogacin, Selenskyj: Die Biografie

- Sergii Rudenko, Selenskyj: Eine politische Biografie

 

Die Reden:

Selenskyj, Für die Ukraine – für die Freiheit, niederländisch: Voor Oekraïne (Walburg Press)

 

Das sind natürlich alles publizistische Schnellschüsse, die auf die rasante Popularität des ukrainischen Präsidenten nach Kriegsbeginn einspielen. Ich habe keines dieser Bücher gelesen, nur ein bißchen gegoogelt: Die empfehlenswerteste Biografie scheint mir die von Sergii Rudenko aus dem Hanser Verlag zu sein (224 Seiten, 24 €). Hier ist eine Rezension.



Dienstag, 2. August 2022

Meine kleine Ukraine-Bibliothek (14): Andrej Kurkow, Picknick auf dem Eis

Ich habe gerade mit großem Vergnügen begonnen, die deutsche Übersetzung des Romans von Andrej Kurkow zu lesen, da erscheint in TZUM Hans van der Heijdes Besprechung der niederländischen Ausgabe. 

Kurkow ist Ukrainer, hat aber immer auf Russisch geschrieben. Das gilt auch für seinen bislang letzten Roman „Graue Bienen“ (2018, deutsch 2021), der im umkämpften Donbass spielt.

Van der Heijde weist zurecht darauf hin, dass die Ukraine der frühen neunziger Jahre noch ein völlig anderes Land war als heute.

Andrej Kurkow, Picknick auf dem Eis, Diogenes Taschenbuch 2000, 12 €

Andrej Koerkov, Picknick op het ijs, Prometheus Amsterdam, 22,50 €

Montag, 1. August 2022

Bordewijks Bäume und die Demokratie


1 Den Haag 2022: Gefällte Bäume

 

Wir sind letzte Woche ein paar Tage durch die Straßen des Statenkwartiers gelaufen, eines der schönsten Bezirke von Den Haag nahe am Strand von Scheveningen. Hier stehen reihenweise prächtige Herrenhäuser des 19. Jahrhunderts. Leider findet gerade eine umfangreiche Erneuerung der Straßenbahnlinie 16 statt, die auf einen breiteren Tramtyp umgestellt wird (und danach 17 heißt). Mehrere der schönen Plätze sind vollständig eingezäunt. In der Statenlaan sind entlang den Schienen Dutzende Ulmen und Pappeln brutal abgesägt worden, auf ein Meter Höhe, der Anblick tut weh.

 

Die Gemeinde tröstete die wütende Bevölkerung mit dem Hinweis, dass viele der Bäume sowieso krank gewesen seien, angeblich wegen der salzhaltigen Luft so dicht an der Nordsee (!). Es ist noch nicht bekannt, welche Baumart ersatzweise gepflanzt wird. Die Aktion dauert noch bis Februar 2023. Danach kommt die berühmte Linie 1 dran, die „Bikini-Bahn“, die vom Zentrum über den großen Platz 1813 bis zum Kurhaus am Strand führt.

 

2 Bordewijks Engel: Gebrochene Hände

 


Dann waren wir zum ersten Mal auf dem Friedhof Oud Eik en Duinen, wo viele bekannte Niederländer aus Politik und Kultur begraben liegen. Das calvinistische niederländische Bürgertum ist auch in der Grabkultur bescheidener als in Berlin oder Paris, aber dies ist einer der schönsten Friedhöfe der Niederlande. Mit einiger Mühe fanden wir trotz der schlechten Wegbeschreibung im Internet das Grab von Ferdinand Bordewijk (1884-1965), meinem niederländischen Lieblingsschriftsteller während meines Studiums in Berlin vor fünfzig Jahren.

 

Irgendjemand hat in den letzten Jahren einen kleinen Engel auf die Grabplatte geklebt. Er ist etwa 20 Zentimeter groß und fällt durch seine queer anmutende Farbgebung auf: blaues Kleidchen, rosa Flügel, blonde Locken. So betet er für den verstorbenen Schriftsteller, der über sein Privatleben immer nur wenig mitgeteilt hat. Nicht alle Bordewijk-Verehrer sind über diesen Engel entzückt. Irgendwer hat die betenden Händchen brutal abgebrochen.

 



3 Ferdinand Bordewijk, Ijzeren Agaven (1937)

 

Einer von Bordewijks Texten intrigierte mich vor fünfzig Jahren besonders: „Ijzeren Agaven“ aus dem Erzählband „De Wingerdrank“ (1937). Es gibt noch den Untertitel „studie in zwart met kleuren“. An seinem Grab fiel mir das alles wieder ein.

 

Der Text verfügt über sprachlich-bildliche Eigenheiten, die eine merkwürdige Melange aus Traum und Wirklichkeit, Wahrnehmung und Reflexion erzeugen. Er schien mir ein Beweis für die Modernität der niederländischen Literatur der dreißiger Jahre, und ich sah damals wohl auch die ästhetische Nähe zu Ernst Jüngers „Das abenteuerliche Herz“ (1929/1938), mit dem ich mich viel beschäftigt hatte.

 

Leider habe ich mich nie um eine nähere Analyse gekümmert. Die niederländische Literaturwissenschaft allerdings auch nicht. Es gibt nur eine Handvoll kleinerer Interpretationsansätze. Das Potential dieses Textes ist nie wirklich ermessen worden.

Das kann ich jetzt auch nicht machen. ich habe nur ein paar Anmerkungen zu dem seltsamen dreiseitigen Vorwort mit dem rätselhaften Titel „Preambule praeter propter“.

 

Ijzeren Agaven, ein Vorwort, eine Vorauswanderung

 

Es sind kurze, parataktische Sätze mit verblüffenden Elementen, die schnell zeigen, welche Kraft in ihnen wirksam ist. Thomas Mann brauchte eine ganze Seite für seine Sätze. Bordewijk schreibt einfach: “De schrijver ging met benen, die vacantie hadden en de tijd.” Ich habe schon immer eine Schwäche für die kurzen Formen gehabt. 

 

Vestdijk sprach nicht umsonst im Zusammenhang mit diesem Text von einem “Prosagedicht”: „De schrijver, kraag op, sterke benen, schreed door regen, - een weekse dag.“ So beginnt es: Ein Autor, der im Regen durch Den Haag flaniert, mit seinen Wahrnehmungen und Gedanken. Er kommt durch alte und neue Viertel: „De nieuwste van het vele glas zonder penanten, de kristalachtige (…) de minder nieuwe gebouwen van de granieten onderpui ook”. Zunächst ist es ein großstädtischer betriebiger Wochentag. Der Verkehr „volgde zich snel op, in alle richtingen, het filmde”. Das ist so eine Besonderheit von Bordewijk, auf einmal kommt ein Wort, das einen perplex macht: der Verkehr in seiner endlosen Reihe „filmte“.

 

Ijzeren Agaven und Den Haag 1937: Gefällte Bäume

 

Dann ist es von einem Absatz zum anderen auf einmal Sonntag, und alles ist still. Der immer noch durch den Regen flanierende Autor kommt auf einen großen Platz. Ich habe erst jetzt, wo ich Den Haag besser kenne, herausgefunden, um welchen Platz es hier geht: den Plein 1813 zur Erinnerung an die niederländische Unabhängigkeit nach der Napoleon-Herrschaft. Im Umkreis stehen vier gewaltige Villen. Im Zentrum erhebt sich ein Nationalmonument mit der triumphierenden Nederlandse Maagd. Merkwürdigerweise hat keiner der Interpreten, die ich gelesen habe, auf diese Bezüge hingewiesen.

 

Etwas ist für den Autor anders als sonst: Der Platz scheint noch größer geworden zu sein als er sowieso schon war. Dann sieht er den Grund dafür: der doppelte Ring aus Bäumen ist verschwunden. Alle Bäume waren umgehackt worden. Und dann wieder so ein Satz: „Het was de olmenziekte of eenvoudig de democratie“. Auch dafür hat sich keiner der Interpreten interessiert, dabei ist diese schockierende Wahrnehmung für den Autor der Anlass zu kritischen Gedanken: die „vornehme“ Ulme wird, wie damals überall in der Stadt, ersetzt durch „het prullige acaciaatje, het onbenulligste boompje dat bestaat, met zijn insipide blad. (…) Wat er goeds was in de nieuwe tijden of schoons, het acaciaatje deed er niet aan mee.”

 

Plein 1813: Dieses Foto muss kurz nach der Neubepflanzung des Platzes gemacht worden sein, wahrscheinlich in den vierziger Jahren. 


Es ist so: In den dreißiger Jahren herrschte in der Tat die „holländische Ulmenkrankheit“, und dass Bordewijk sie uns ausgerechnet hier am national so bedeutsamen Plein 1813 demonstriert und die Ursache dafür neben der Ulmenkrankheit der Demokratie zuschiebt, ist doch von einer außerordentlichen Aussagekraft, auch was die darauf folgende Erzählung betrifft. Darum müsste sich mal jemand kümmern!

 

Der Autor geht weiter und kommt in einer Nebenstraße zu einer leerstehenden verfallenden Villa. Auf dem wuchtigen Balkon stehen zwei breite eiserne Amphoren mit eisernen Agavenblättern: „Bladen als zwaarden, vijf, zes lemmeten in iedere urn, met schaarden en licht buigende top.“ Und direkt danach wieder so ein Satz: “Hij keek gespannen naar de tijd die de nabootsing had verkozen boven de natuur.” Aus dieser Spannung wird er Literatur machen.

 

Die eigentliche Geschichte unter dem Titel „Ijzeren Agaven“ folgt erst nach dieser vorausweisenden Vorauswanderung: Angesichts der verfallenden Villa mit den eisernen Agaven imaginiert der Autor eine Geschichte über den allmählichen Untergang eines bankrotten Managers eines Vergnügungsparks, der sich in diesem Haus ein Zimmer mietet. Ein schönes Promotionsthema für einen jungen Niederlandisten oder eine junge Niederlandistin!