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Donnerstag, 29. Dezember 2022

„Verlangen Sie doch nicht Verstand von Frauen“ ( Franz Kafka)

Auf meiner Reise nach Den Haag im Dezember hatte ich mir Ard Posthumas Auswahl und Übersetzung der kurzen Geschichten aus Franz Kafkas Nachlass mitgenommen: „In het labyrint“ (Koppernik 2022; siehe meine Rezension in TZUM). Viele dieser in den unübersichtlichen Bänden „Nachgelassene Schriften und Fragmente I und II“ (New York 1992/1993) verborgenen Texte hatte ich auch auf Deutsch noch nie gelesen.

Einem der Texte hat Ard den Titel „Het Zinkgat“ gegeben. Das Wort war mir noch nie begegnet. Das machte mich neugierig auf den deutschen Text: Dort steht „Versenkung“, was auch wieder merkwürdig ist; ich hatte es noch nie in einer geologischen Bedeutung gesehen, nur im Sinne von „zum Versinken bringen“ und „Meditation“. Aber es handelt sich hier in der Tat um ein Loch mit Treibsand. 

Im Niederländischen gab es für den Übersetzer wohl keine Wahl: es musste „Zinkgat“ werden, im Englischen hat man „hollow“ gewählt. Kafka hat im Deutschen wohl mit den drei möglichen Bedeutungen gespielt, um seiner Parabel zur Sexualangst vor dem weiblichen Geschlechtsorgan Tiefe zu geben.

Im Kunstmuseum in Den Haag sahen wir die Ausstellung von Nicole Eisenman (geb. 1965). In ihrem/seinem riesigen Bild „Mining II“ fiel mir ein Detail auf, das mich an Kafkas Geschichte erinnerte:

Detail aus dem Bild „Mining II“ von Nicole Eisenman

Und nun die Geschichte von Kafka:


Atemlos kam ich an. Eine Stange war ein wenig schief in den Boden gerammt und trug eine Tafel mit der Aufschrift „Versenkung“. Ich dürfte am Ziel sein, sagte ich mir und blickte mich um. Nur ein paar Schritte weit war eine unscheinbare dicht mit Grün überwachsene Gartenlaube, aus der ich leichtes Tellerklappern hörte. Ich ging hin, steckte den Kopf durch die niedrige Öffnung, sah kaum etwas in dem dunklen Innern, grüßte aber doch und fragte:“Wissen Sie nicht wer die Versenkung besorgt?“ „Ich selbst, Ihnen zu dienen“, sagte eine freundliche Stimme, „ich komme sofort.“ Nun erkannte ich langsam die kleine Gesellschaft, es war ein junges Ehepaar, drei kleine Kinder, die mit der Stirn kaum die Tischplatte erreichten und ein Säugling, noch in den Armen der Mutter. Der Mann der in der Tiefe der Laube saß wollte gleich aufstehn und sich hinausdrängen, die Frau aber bat ihn herzlich, zuerst das Essen zu beenden, er jedoch zeigte auf mich, sie wiederum sagte, ich werde so freundlich sein und ein wenig warten und Ihnen die Ehre erweisen, an ihrem kargen Mittagessen teilzunehmen, ich schließlich, äußerst ärgerlich über mich selbst, der ich hier die Sonntagsfreude so häßlich störte, mußte sagen: „Leider leider, liebe Frau, kann ich der Einladung nicht entsprechen, denn ich muß mich augenblicklich, ja wirklich augenblicklich versenken lassen.“Ach“, sagte die Frau, „ gerade am Sonntag und noch beim Mittagessen. Ach die Launen der Leute. Die ewige Sklaverei.“ „Zanken Sie doch nicht so“, sagte ich, „ich verlange es ja von ihrem Mann nicht aus Mutwillen und wüßte ich wie man es macht, hätte ich es schon längst allein getan.“ „Hören Sie nicht auf die Frau“, sagte der Mann, der schon neben mir war und mich fortzog. „Verlangen Sie doch nicht Verstand von Frauen.“

 

(Franz Kafka, Nachgelassene Schriften und Fragmente II, New York 1992, 376-377)


Nicole Eisenman, Mining II


Schöner Stoff zu eindringlichen Gesprächen!

Sonntag, 25. Dezember 2022

Frohe Weihnachten!

Groningen: Martiniturm mit Weihnachtsbaum. Foto: Nico van Loo


Der Zwerg im Weihnachtsbaum

 

Ein Zwerg erfüllte sich den größten Traum:

Er klomm in einen Weihnachtsbaum.

Dort schwang er sich von Ast zu Ast

- Tarzan wär‘ vor Neid erblasst -

Berauschte sich am Kugelglanz,

Bat die Engelchen zum Tanz,

Knabberte am Sternchenkeks,

Nahm was mit für unterwegs.

 

Er bestieg die höchsten Höhen,

Von unten kaum noch mehr zu sehen.

Doch dann erschrak er ungeheuer,

Denn plötzlich fing sein Mützchen Feuer!

Er fiel und sauste nun - hab Acht! hab Acht! -

Quer durch die ganze Weihnachtspracht.

 

Erst bei dem kleinen Schornsteinfeger

Verfängt am Zweige sich sein Hosenträger.

Dort hängt er nun, der arme Wicht,

Sein Gejammer hör’n wir nicht.

Keine Hilfe weit und breit.

Ist das die schöne Weihnachtszeit?

 

Das erbarmt den Schornsteinfeger,

Zum Glück ist er auch Krankenpfleger:

Er fegt den Ruß von seiner Mütze

Und macht sich hier und da zu nütze.

Der Kleine stöhnt: „Du bist mein Engel,“

Der schimpft ihn einen dummen Bengel.

 

Zum Schluss leiht er ihm seine Leiter

So kann der kleine Mann wohl weiter.

Er schaut voll Sehnsucht in den Baum…

Da kommt Schneewittchen: Aus der Traum!


(Aus: Peter Groenewold, Der Zwergenzyklus. 

Groningen 2021/22)

Samstag, 24. Dezember 2022

Heilige Nacht

 


Heilige Nacht

 

Mit den heiligen drei Königen

Kam auch ein Zwerg zur Krippen hin.

Auf Zehenspitzen stand er da

Und glaubte kaum, was er da sah.

Das liebe süße Jesulein:

“Was ist es klein! Es ist so klein!“


(Aus: Peter Groenewold, Der Zwergenzyklus, 

Groningen 2021/22)

Mittwoch, 7. Dezember 2022

Peter Handke 80 Jahre alt



Ich habe im Laufe der Jahre in Café Deutschland viele Beiträge zu Peter Handke geschrieben. (Guckt ruhig mal nach, indem ihr seinen Namen in die Suchzeile hier rechts schreibt!)

Zum Achtzigsten (6. Dezember) präsentiere ich noch einmal meinen kleinen Beitrag zu „Versuch über die Jukebox“, den ich vor zehn Jahren geschrieben habe:

https://cafe-deutschland.blogspot.com/2012/01/blog-post.html