Cookie

Freitag, 25. Juli 2014

Die Leseratte (31)

Dietmar Dath

Feldeváye (6) – Dietmar Dath erfindet ein neues Genre: Art-Fiction


Dietmar Dath und Barbara Kirchner
Vor zwei Jahren hat Dietmar Dath zusammen mit der Chemieprofessorin Barbara Kirchner das sozialwissenschaftliche Buch “Der Implex. Sozialer Fortschritt: Geschichte und Idee” veröffentlicht. Der Begriff “Implex” bezeichnet in etwa den Gesamtkomplex der Möglichkeiten, die in der Gesellschaft seit der Französischen Revolution realisiert und angelegt sind, beinhaltet also auch den Blick auf zukünftige und nicht realisierte Entwicklungen. Ein kühnes Projekt, das die nötige Kritik gefunden hat. Ein Buch von 880 Seiten, genau so lesbar oder unlesbar wie “Feldeváye”, aber voller hochinteressanter Analysen und Ideen. Zum Beispiel das Kapitel über Utopie und Science-Fiction (“Contes fantastiques”, S. 339-398), in deren Tradition sich Dath in seinen Romanen ja stellt.


Dieses Buch enthält in einem sehr breiten Sinn den theoretischen Hintergrund von “Feldeváye”. Oder anders herum: “Feldeváye” ist die Exemplifikation des “Implex” am Bereich der Künste, der Kunstwissenschaft und ihrer Einbettung in die Gesellschaft. Es ist keine Science-Fiction, sondern Art-Fiction, etwas verblüffend Neues.


Im Dankwort am Ende des Romans schreibt Dath: “Kunstdiskurs? Lass mal, es ist ein Roman” (S. 804)


Im nächsten Beitrag zeige ich an Beispielen, wie er das meint und macht.

Donnerstag, 24. Juli 2014

Feldeváye (5) – Dieses Buch ist eine Zumutung!



Die zweiten hundert Seiten von "Feldeváye" waren eine Qual! Und viele der vielen hundert weiteren Seiten desgleichen. Es geht also nicht so nett weiter, wie die ersten beiden Kapitel vermuten ließen.

Leser von Diethmar Daths Roman "Feldeváye"
Warum habe ich dennoch durchgehalten? (Ich habe es ganz gelesen.)


Der Roman strahlt in seiner ganzen Machart eine gewaltige Arroganz aus. Auch das Dankwort am Ende beginnt mit solch einem Satz: “Das Buch gehört denen, die damit etwas tun können, das viel zu selten getan wird” (S. 803).


So etwas regt mich auf, gefällt mir aber auch. Jedenfalls, wenn ich hinter der Arroganz eine besondere Intelligenz vermute.


Auch gibt es immer wieder Seiten von großer sprachlicher und gedanklicher Schönheit.


Dennoch: Wenn ich mit diesem Lesetagebuch so weitermache, wie vor zwei Jahren mit Jan Brandts “Gegen die Welt” – das waren vergnügliche fünfundzwanzig Beiträge – dann geht mir mein Blog vor die Hunde.


Ich bringe darum noch etwa fünf Posts, in denen ich zu sagen versuche, was mich an diesem Roman fasziniert und so maßlos ärgert und was für eine Idee des Schreibens ihm zugrundeliegt.


Vorläufig warne ich jeden meiner Freunde und Bekannten, sich dieses Buch zu kaufen.

Mittwoch, 23. Juli 2014

Feldeváye (4) - Personalwechsel



Im zweiten Kapitel findet die fünfzehnjährige Kathrin Ristau bei einer Schlittenexpedition im ewigen Eis von Feldeváye drei große Tafelbilder, die von den Lapithen durch ein leuchtendes Tor dorthin gebeamt wurden. Die Gemälde zeigen eine nackte Frau in verschiedenen Haltungen. Kathrin beschreibt ausführlich den Eindruck, den sie auf sie machen.
Kuroda Seiki, Weisheit, Sinneswelt, Gefühl (1897)
Dann detoniert plötzlich das Raumschiff von Klemens und Severin in der Nähe im Eis. Das sorgt für die nötige Konfusion. Kathrin bleibt unverletzt.

Eine herbeigerufene Spezialistin identifiziert später die Bilder: “Kuroda Seiki. Die Bilder sind … etwa … ein paar tausend Jahre alt, entstanden in Japan” -  “Japan … ein Urbeum auf der Wiege?” – “Größer als ein Urbeum. Und zugleich verstreuter”(S. 66f.).  Die “Wiege” ist das Wort, das für den Heimatplaneten der Menschheit benutzt wird, in der Zeit vor der “Hidschra”, dem galaktischen und inzwischen transgalaktischen Aufbruch.

Kuroda Seiki  (1866-1924) war ein Maler aus der Zeit nach der Öffnung Japans gegenüber dem Westen. Er vermittelte die japanische Tradition mit der europäischen Kunst der Jahrhundertwende. Die drei Bilder aus dem Jahr 1897 sind Allegorien der Weisheit, des Gefühls und der Sinne.

Was sie dort im Eis sollen, ist den Figuren des Romans und dem erstaunten Leser unbekannt, und das wird noch lange so bleiben.

Kathrin ist die eigentliche Hauptfigur des Romans. Sie steht im Zentrum der sich auf den folgenden 700 Seiten über Jahrzehnte erstreckenden Handlung, die teils aus der individuellen Perspektive Kathrins und ihrer Freunde, teils aus der galaktischen Großperspektive der Interessenkonflikte verschiedener Menschengruppen und Alienrassen erzählt wird. Klemens und später Severin haben darin allerdings auch eine Rolle.

Montag, 21. Juli 2014

Feldeváye (3) - Das erste Kapitel: Abflug und Absturz



Ausgangssituation: zwei Männer, Severin und Klemens, Mitte dreißig, erfolgreich in einem der technologisch fortgeschrittensten Gebiete der Galaxis, dem “Schattenspiegel”, in einer Gesellschaft, tausende Jahre in der Zukunft, die keine “Mangelgesellschaft” mehr ist, die keine Geldwirtschaft mehr braucht, in der das, was früher “Kunst” gewesen ist, so überflüssig geworden ist, dass keiner mehr weiß, was “Kunst” auf Mutter Erde überhaupt bedeutet haben könnte. 


Was sie in ihrer täglichen Arbeitswelt tun, ähnelt dennoch fatal dem, was wir Heutige unter Kunst beziehungsweise den zukünftigen Möglichkeiten von Kunst, verstehen würden: die Anwendung komplexer naturwissenschaftlich-technischer Erkenntnisse auf Körper, Psyche, Geist, die mediale Erweiterung der Möglichkeiten der Wahrnehmung und des Empfindens, die direkte schöpferische Verbindung des Gehirns mit Großcomputern, die Aufhebung der Grenzen von männlicher und weiblicher Sexualität, die Verlängerung des Lebens, die Verstärkung und Verbreiterung körperlicher Fähigkeiten weit über das Spektrum des heutigen Menschen hinaus.


Die Galaxis ist von dutzenden Menschen- und Fremdvölkern besiedelt, relativ friedlich wie es scheint. Manche davon sind rätselhaft und uralt, zum Beispiel die Lapithen. Sie haben den anderen ihre überlegene Technologie zur Verfügung gestellt, die “Verkürzer” zum Beispiel, mit denen überlichtschnelle Reisen ermöglicht werden. Die Lapithen sind es auch, die Kunstartefakte aus der Vergangenheit der Menschheit, aus der Zeit vor der galaktischen Ausdehnung, auf dem entlegenen Planeten Feldeváye erscheinen lassen und damit einen undurchsichtigen Zweck verfolgen.


Die zwei Männer, erfolgreich, verliebt und neugierig wie sie sind, wollen mehr aus ihrem Überflussleben machen, bauen sich ein halb technisches, halb biologisches Raumschiff und machen sich auf die weite, lange Reise nach Feldeváye.



Und einen Moment lang verhält sich dieser überaus merkwürdige Roman von Dietmar Dath wie ein SF-Serien-Thriller der trivialen Art: das Raumschiff stürzt bei der Ankunft über dem fremden Planeten ab, landet als Wrack in der polaren Eiswüste, Klemens überlebt, Severin gerät schwerletzt ins Koma. Wie geht es weiter?

Samstag, 19. Juli 2014

Feldeváye (2) - Seite 1


Was reizt mich an diesem 800-Seiten-SF-Schinken, den ein Rezensent bereits als “unlesbar” abqualifiziert hat?


Nun, wenn auf der ersten Seite eines Romans bereits Dinge der allgemeinen und speziellen Art formuliert werden, die meine Neugier wecken, dann bin ich dabei (und wenn das nach fünf Seiten immer noch nicht passiert ist, dann leg’ ich ihn weg!).


Dietmar Dath, der Autor von "Feldeváye"
Hier ist es, was das Allgemeine betrifft,  der zweite Satz: “Einig waren sich Klemens und Severin gewesen, dass man tief in die Himmel würde fliehen müssen, wenn man zusammen ein besseres Leben aufbauen wollte.”


“Tief in die Himmel”! – Da tut sich was auf!!


Und was das Spezielle angeht, blieb ich hieran hängen: “Klemens … entwarf und verbesserte lehrreiche, ungefährliche Krankheiten.”


Das ist irritierend und deutlich zugleich, auch wenn man weiterlesen muss, um sich vorstellen zu können, was damit gemeint ist: Hier wird eine Welt entworfen, in der alle natürlichen Krankheiten ausgerottet sind. Und in solch einer Welt können künstliche Krankheiten zu einer modischen Droge werden, die exotische körperliche Sensationen verschafft. Ärzte braucht man in dieser Welt nicht, um Krankheiten zu bekämpfen, sondern um sie zu erfinden. Ein verstörender, origineller Gedanke!


Und dann noch das Statement von Severin zur conditio humana, oben auf der zweiten Seite: “Das Unnatürliche liegt uns.”


Na, da bin ich doch dabei!