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Mittwoch, 12. August 2020
Nietzsche (4): Nietzsche und seine Feinde
Dienstag, 11. August 2020
Nietzsche (3): Satanische Philosophie?
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Spiegel-Titelblatt 26/1981 |
Wer sich heute mit Nietzsche beschäftigt und sich in der gerade in den letzten Jahren wieder stark angewachsenen Sekundärliteratur zu orientieren versucht, begegnet merkwürdigen Extremen und deutlichen Fällen von Lagerbildung: So erhielt die umfangreiche Untersuchung der Kölner Philosophin Edith Düsing, “Nietzsches Denkweg: Theologie – Darwinismus – Nihilismus“, München 2006, hauptsächlich Rezensionen aus dem konservativ-katholischen Bereich. Der Brite John Laughland beendet seine auch sonst skurrile Besprechung dieses wissenschaftlich offenbar soliden Buches fast übergangslos mit folgenden Zeilen:
“The fact is that the late Nietzsche wrote that the noble man (= Nietzsches ‘Übermensch’, P.G.), untrammelled by the slave morality of good and evil, would happily and gayly commit acts of mass killing, rape and torture, and return from these atrocities exhilarated like a student from the prank, the fact is too that Hitler said exactly the same thing. It is this veneration of evil which makes Nazism, like Nietzsches philosophy, truly Satanic.” (John Laughland, The Heythrop Journal 50 nr. 2 März 2009, S. 345-346)
„The Heythrop Journal“ ist eine wissenschaftliche Zeitschrift zu den Beziehungen von Philosophie und Theologie. Sie wird von den Jesuiten in Großbritannien finanziert. Auch Edith Düsing hält ihre Vorträge vorzugsweise vor religiösem Publikum.
Überraschend finde ich nicht den Hitler-Nietzsche-Vergleich an sich - der wird öfter gemacht -, sondern die emotionale Heftigkeit, mit der er vorgetragen wird und in der alle wissenschaftliche Sorgfalt auf einmal wegbricht. Ja, Nietzsche wirkt auf einmal fast schlimmer als Hitler!
Satan Nietzsche? - - - Nun, ich würde sagen: Jesuitische Kriegsführung!
Der Hass muss Gründe haben. Wo liegen sie? Was hat unser Prinz Vogelfrei angestellt?
Montag, 10. August 2020
Nietzsche (2): Vier kurze Gedichte
Die Gedichte müssen grundsätzlich in Bezug auf Nietzsches Philosophie gesehen werden. Die poetischen Aussagen sind von gleicher Bedeutung wie die aphoristischen und philosophischen Texte, sie sind nur anders instrumentiert. Erst in den letzten Jahrzehnten gibt es dazu erhellende Untersuchungen.
Nietzsche hat seine poetologischen Prinzipien sogar humorvoll in Gedichtform formuliert:
Lieder und Sinnsprüche
Takt als Anfang, Reim als Endung
Und als Seele stets Musik:
Solch ein göttliches Gequiek
Nennt man Lied. Mit kürzrer Wendung,
Lied heißt: “Worte als Musik”.
Sinnspruch hat ein neu Gebiet:
Er kann spotten, schwärmen, springen,
niemals kann der Sinnspruch singen;
Sinnspruch heißt: „Sinn ohne Lied”. –
Darf ich euch von Beidem bringen?
Aus: Friedrich Nietzsche, Idyllen aus Messina (1882)
Heute vier kurze Beispiele für Gedichte zum Eingewöhnen in den Nietzsche-Sound:
Der Einsame
Verhasst ist mir das Folgen und das Führen.
Gehorchen? Nein! Und aber nein - Regieren!
Wer sich nicht schrecklich ist, macht niemand Schrecken:
Und nur wer Schrecken macht, kann andre führen.
Verhasst ist mirs schon, selber mich zu führen!
Ich liebe es, gleich Wald- und Meerestieren,
mich für ein gutes Weilchen zu verlieren,
in holder Irrnis grüblerisch zu hocken,
von ferne her mich endlich heimzulocken,
mich selber zu mir selber - zu verführen.
Ecce homo
Ja! Ich weiß, woher ich stamme!
Ungesättigt gleich der Flamme
Glühe und verzehr’ ich mich.
Licht wird alles, was ich fasse,
Kohle alles, was ich lasse:
Flamme bin ich sicherlich.
Pinie und Blitz
Hoch wuchs ich über Mensch und Tier;
Und sprech ich - niemand spricht mit mir.
Zu einsam wuchs ich und zu hoch -
Ich warte: worauf wart′ ich doch?
Zu nah ist mir der Wolken Sitz, -
Ich warte auf den ersten Blitz.
Prinz Vogelfrei
So häng ich denn auf krummem Aste
Hoch über Meer und Hügelchen:
Ein Vogel lud mich her zu Gaste
Ich flog ihm nach und rast' und raste
Und schlage mit den Flügelchen.
Das weiße Meer ist eingeschlafen,
Es schläft mir jedes Weh und Ach.
Vergessen hab' ich Ziel und Hafen,
Vergessen Furcht und Lob und Strafen:
Jetzt flieg ich jedem Vogel nach.
Nur Schritt für Schritt - das ist kein Leben!
Stets Bein vor Bein macht müd und schwer!
Ich lass mich von den Winden heben,
Ich liebe es, mit Flügeln schweben
Und hinter jedem Vogel her.
Vernunft? - das ist ein bös Geschäfte:
Vernunft und Zunge stolpern viel!
Das Fliegen gab mir neue Kräfte
Und lehrt' mich schönere Geschäfte,
Gesang und Scherz und Liederspiel.
Einsam zu denken - das ist weise.
Einsam zu singen - das ist dumm!
So horcht mir denn auf meine Weise
Und setzt euch still um mich im Kreise,
Ihr schönen Vögelchen, herum!
Nietzsche (1): Ard Posthumas Übersetzung der Gedichte Nietzsches
Am 4. September 2020 soll Ard Posthumas Übersetzung der Gedichte Friedrich Nietzsches erscheinen (Historische Uitgeverij Groningen), ein gewaltiges Projekt, scheint mir. Viele kennen Nietzsche nur als den Philosophen mit den berühmt-berüchtigten Formeln vom „Willen zur Macht“, "Gott ist tot" und dem „Übermensch“. Dass er qualitativ und quantitativ auch ein großer Dichter war, ist weniger bekannt. In den Anthologien steht immer dasselbe halbe Dutzend. Das gilt auch für Deutschland: Die erste Gesamtausgabe von Nietzsches Gedichten ist erst 2019 erschienen (527 Seiten!).
Ich weiß nicht, wie viele Gedichte Ard Posthuma für sein Projekt ausgesucht hat, aber ein schmales Bändchen wird es nicht sein (es kostet auch stattliche 35 €). Normalerweise würden wir im September mit der Groninger Buchhandlung Godert Walther einen gemeinsamen Abend mit dem Übersetzer veranstalten. Ob das möglich sein wird, ist wegen Corona noch ungewiss.
Da wir mit einigen Alt-Kollegen zur Zeit auf Abstand eine Art Nietzsche-Disput abhalten, der zu interessanten Uneinigkeiten geführt hat, nutze ich die Gelegenheit, mein Blog wiederzubeleben: mit einer Nietzsche-Reihe; nicht linear und wissenschaftlich, sondern kreuz und quer und unterhaltsam. Serendipity!
Zum Abschluss für heute eine Übersetzungskostprobe von Ard Posthuma, der bereits vor zwei Jahren die Gedichte aus Nietzsches „Die fröhliche Wissenschaft“ veröffentlicht hat (bei Vantilt, Nijmegen):
Vademecum – Vadetecum
Es lockt dich meine Art und Sprach,
Du folgest mir, du gehst mir nach?
Geh nur dir selber treulich nach: -
So folgst du mir – gemach! gemach!
Mijn taal, mijn wezen vind je goed?
Volg je me daarom op de voet?
Blijf liever in je eigen baan –
Dan volg je mij – en doe kalm aan!
Samstag, 25. April 2020
Mein Lesetagebuch zum Roman "Babel" von Kenah Cusanit
In diesem Jahr ist das Kenah Cusanits Roman "Babel" (Hanser Verlag 2019, 272 Seiten, € 23).
Diesen Roman hätte ich eigentlich mit zwei Lesergruppen im Face-to-Face-Gespräch besprechen sollen. Da das ja nun nicht möglich war, habe ich ihnen ein spezielles Blog dazu eingerichtet:
cusanit.blogspot.com
Das möchte ich hiermit auch in mein vernachlässigtes Blog Cafe Deutschland integrieren.
Sonntag, 15. März 2020
Begegnungen im Regal (1): Königin Luise und Voltaire
Die preußische Königin und Voltaire sind sich nie begegnet. Er starb, als sie zwei Jahre alt war. Aber wir dachten, dass er sie sicher gerne einmal kennengelernt hätte. Dazu fiel mir eine Szene aus Cees Nootebooms Roman "Allerseelen" ein, ein Gespräch zwischen Victor und Arthur (die für Armando und Nooteboom stehen) im Charlottenburger Schloss, wo das Gemälde hängt:
'Solche Frauen gibt es nicht mehr. Ich kenne keine Frau mehr, die so schauen kann. Sehr verwirrend. [...] Schau noch mal gut hin. Es ist ein hinterhältiges Bild.'
Er beugte sich vor, in unmittelbarer Nähe der vollendet gerundeten rechten Brust.
'Frage des Bildhauers: Wo, glaubst du, sitzt die Brustwarze?'
'Da', sagte Arthur und zeigte auf die Stelle. Umgehend schrillte der Alarm los, ein Wärter in blauer Uniform kam angerannt und schrie etwas in Stakkato-Deutsch, das er nicht verstand.
'Das ist jedenfalls noch nicht ausgestorben'. sagte Victor. 'Hab ich doch gesagt, ein hinterhältiges Bild.'
(Cees Nooteboom, Allerseelen, Frankfurt am Main 2000, S. 54-56, stark gekürzt)
Mittwoch, 25. September 2019
Hilfreiche Sprüche (1)
Undine Gruenter, Der Autor als Souffleur. Journal 1986-1992, Frankfurt am Main 1995, S. 12




