Jan Brandt
schreibt in seinem neuen Buch „Tod in Turin. Eine italienische Reise ohne Wiederkehr“ (Köln 2015) davon, was der Literaturbetrieb mit einem erfolgreichen
neuen Autor anstellt. Zwanzig Seiten bestehen aus Zitaten deutscher
Schriftsteller seit Goethe, die von ihrer Italienreise berichten, siebzehn
Seiten widmet er dem Selbstmord von Schriftstellern, inklusive einer Liste von
88 Suizidanten mit Angaben zur Methode, sechzehn Seiten der detaillierten
Beschreibung des Feinkostsupermarktes Eataly. Der Hauptteil handelt von der
Buchmesse in Turin, auf der die italienische Übersetzung seines Romans „Gegen
die Welt“ (Köln 2011) vorgestellt wurde: „Contro il mondo“ (Mailand 2014).
Trotzdem gelingt ihm
ein wundersam welthaltiges, witziges und keineswegs weinerliches Buch. Ein Beispiel: Auf eine
Journalistenfrage zur Fremdenfeindlichkeit in Deutschland antwortet der
Ich-Erzähler, man könne die positive Entwicklung der Menschen beschleunigen,
„wenn man alle, die gegen Ausländer sind, für eine gewisse Zeit, zum Kulturaustausch, um Auslandserfahrung zu sammeln, in den Nahen Osten, nach Asien oder Afrika schickt. Wir schleusen sie zusammen mit einem Filmteam in eine der umkämpften Städte in Syrien oder im Irak ein und schauen, ob ihnen im Kugelhagel die Flucht gelingt. Die Sendung könnte ER heißen – Embedded Refugees. Wir lassen sie in Afghanistan völlig schutzlos auf die Taliban los und dokumentieren das Ergebnis auf meine-ehre-heisst-reue.de“ (S. 161).
„wenn man alle, die gegen Ausländer sind, für eine gewisse Zeit, zum Kulturaustausch, um Auslandserfahrung zu sammeln, in den Nahen Osten, nach Asien oder Afrika schickt. Wir schleusen sie zusammen mit einem Filmteam in eine der umkämpften Städte in Syrien oder im Irak ein und schauen, ob ihnen im Kugelhagel die Flucht gelingt. Die Sendung könnte ER heißen – Embedded Refugees. Wir lassen sie in Afghanistan völlig schutzlos auf die Taliban los und dokumentieren das Ergebnis auf meine-ehre-heisst-reue.de“ (S. 161).
Sein großer
Gegenwartsroman „Gegen die Welt“ taucht in diesem Buch, passend zum jeweiligen
Erzählkontext unter immer neuen Titeln auf: Gegen den Wind, Gegen den Witz,
Gegen die Wand, Gegen die Epik, Gegen den Wahn, Against the Weird, Gegen den
Wald, Gegen die Gänse, Gegen den Wurm, Contro il caffe, Gegen die Propheten,
Contro la dedica, Gegen den Strom.
„Gegen die Welt“
hat sechs Auflagen in der gebundenen und zwei in der Taschenbuchausgabe gehabt,
aber nach vier Jahren ist es still darum geworden: der Literaturbetrieb giert
nach Neuem. Der Autor beugt sich dem, zeigt aber aus allen Richtungen noch
einmal auf sein Meisterwerk.
„Gegen die Welt“
ist für mich der bedeutendste deutsche Roman der letzten fünfzehn Jahre. Ich
habe in diesem Blog ausführlich darauf hingewiesen, und es gibt genug
Rezensionen, die das bestätigen.
Gibt es in den
Niederlanden denn keinen Verlag, der sich seiner annehmen möchte? Es wird doch
sonst alles Mögliche übersetzt.
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