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Montag, 11. August 2014

Anthropofugalität – In the Year 2525



Wem das alles zu philosophisch wird, kann dem Phänomen “Anthropofugalität” auch in einem berühmten Song aus dem Jahr 1969 nachspüren: "In the Year 2525” von Zager & Evans:


Wilhelm Hausenstein (3) – Anthropofugalität bei Max Picard und Michel Foucault


Merkwürdige Koinzidenz: Im Anhang zu Hausensteins Tagebuch befindet sich ein Vortrag von ihm über den Schweizer Philosophen Max Picard, den er sehr verehrte. Er würdigt darin Werk für Werk die Verdienste des heute fast Vergessenen:


Max Picard (1888-1965)
“1919 erschien ein Buch Picards, das den erschreckenden Titel trug: ‘Der letzte Mensch’. In diesem Buch, das den Dichter Rainer Maria Rilke Jahre hindurch in Bann hielt, bezeugt Picard seine furchtbare Wahrnehmung, daß alles, was man bis dahin mit dem Begriff des Menschlichen bezeichnet hatte, in rapidem Schwinden begriffen sei.”


Wilhelm Hausenstein, Impressionen und Analysen, München 1969, S. 236


Hausenstein nennt damit eines der frühen Beispiele für Anthropofugalität im 20. Jahrhundert. Das Buch ist leider weder im Buchhandel, noch in der Groninger UB erhältlich. Die gestern von mir vorgestellte Studie über dieses Phänomen in der österreichischen Literatur berücksichtigt übrigens auch philosophische (und nicht nur österreichische) Texte.


Mir fiel beim Lesen der berühmte letzte Satz von Michel Foucaults “Die Ordnung der Dinge” (Les mot et les choses, 1961) ein:

Man könne “sehr wohl wetten, dass der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand”. (Was er damit meint, ergibt sich nur aus der Lektüre im Kontext. Das kann ich hier nicht vermitteln.)

Ein weiteres bemerkenswertes Buch von Picard scheint "Hitler in uns selbst" (1946) zu sein; damals hochumstritten, heute vergessen. Auch nicht in der UB vorhanden, leider!

Sonntag, 10. August 2014

Wilhelm Hausenstein (2) – Camping-Rummel



Hausenstein vertritt immer wieder sehr pronocierte Ansichten, mal progressiver mal konservativer Art. Hier ein Beispiel zum sich ausbreitenden Phänomen des “Camping” in den fünfziger Jahren. Interessant, dass der 73jährige 1955 mit “Nomadisierung” ein Wort benutzt, das in der heutigen Soziologie der Globalisierung ein analytischer Begriff geworden ist. 

Camping in den fünfziger Jahren

4. September 1955
Von dem überall zunehmenden “Camping”-Rummel degoutiert. Man sagt: die armen Leute – sie können sich kein Hotel leisten, und so kommen sie wenigstens ins Freie… Als ob das Entscheidende auf dieser Ebene läge! Das Primäre ist doch dies: die Nomadisierung, und zwar die spontane; die wachsende Unlust am Geordneten, die Sucht nach Improvisation; die Sucht nach einem “Leben” in Auflösung  und Zersplitterung (als Symptom der Atomisation überhaupt) usw. Camping: eine Art freiwilliger “Ideologie” zum Zeitalter der “Lager” (vom Konzentrationslager zur Baracke – wobei die Baracke noch etwas Statisches an sich hat).”


Wilhelm Hausenstein, Impressionen und Analysen, München 1969, S. 68


Was werden unsere niederländischen Leser dazu sagen?

Anthropofugalität



Uff, welch ein Wort! 

Anthropofugalität!! 

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Eine schöne (?), kreative Wortfindung, die auf Google nur Treffer zu ein und demselben Werk ergibt, das gerade erschienen ist:


Nick Büscher, „Apokalypse als Utopie. Anthropofugalität in der österreichischen Nachkriegsliteratur“ (Würzburg 2014)


Mit dem Merkmal “Anthropofugalität” hat der Autor ein Teilgenre der Dystopien identifiziert: Romane, in denen die Menschheit ausgestorben beziehungsweise auf ein oder mehrere Exemplare reduziert ist. Bekanntes österreichisches Beispiel: Marlen Haushofer, “Die Wand”(1963).


Diese interessante Dissertation wird in der neuen Ausgabe von literaturkritik.de besprochen.


Aus Deutschland fallen mir spontan vier Titel mit anthropofugalem Inhalt ein:


Arno Schmidt, Schwarze Spiegel (1951)

Herbert Rosendorfer, Großes Solo für Anton (1976)

Thomas Lehr, 42 (2005)

Dietmar Dath, Die Abschaffung der Arten (2008)


Natürlich ist mir davon der wunderbare Kurzroman (100 Seiten) von Arno Schmidt am liebsten.

Alfred von Tirpitz – “Das deutsche Volk hat die See nicht verstanden”



Beim Schreiben meines gestrigen Beitrags über Wilhelm Hausenstein habe ich seine These zum deutschen Reich von 1871 in einem prägnanten Satz zusammengefasst: "Die Preußen haben das Reich nicht verstanden."


Diese Formulierung habe ich in Anlehnung an einen Satz gewählt, den ich in meinen Vorlesungen immer gerne zitiert habe: 

“Das deutsche Volk hat die See nicht verstanden.”


Alfred von Tirpitz
Dies schrieb der Großadmiral der kaiserlichen Flotte, Alfred von Tirpitz, resigniert im Schlusswort seiner “Erinnerungen” (Leipzig 1919, S. 387). Tirpitz war als Staatssekretär der Urheber des deutschen Flottenbauprogramms von 1898/1900 gewesen und hat sich später immer wegen der mangelnden Unterstützung seiner Strategie durch die Politik und die anderen Teilstreitkräfte beklagt. 

In diesen Satz legte er die ganze Tragik seines Scheiterns.


Heutige deutsche Ohren reagieren eher amüsiert darauf. Gott sei Dank!