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Dienstag, 10. Juni 2014

Wie die Preußen


Lady Marchmain (E. Thompson) in "Brideshead revisited" (2008)
„Ich habe die Jagd immer verabscheut“, sagte sie [Lady Marchmain, P.G.], „weil sie selbst bei den nettesten Leuten ein besonders grobschlächtiges Benehmen zutage fördert. Ich weiß nicht, was es ist, aber in dem Moment, in dem sie sich umkleiden und ein Pferd besteigen, werden sie wie die Preußen. Und danach prahlen sie herum! An solchen Abenden sitze ich beim Essen und bin erschüttert, wenn sich Männer und Frauen, die ich kenne, in geistlose, überhebliche, monomanische Rüpel verwandeln!... Und trotzdem, verstehen Sie… Es ist eine jahrhundertealte Tradition […].”

Evelyn Waugh, Wiedersehen mit Brideshead, Zürich 2013, 242, in der neuen Übersetzung von pociao

Sonntag, 8. Juni 2014

Besser als Daniel Suarez: Tom Hillenbrands Science-fiction-Krimi „Drohnenland“

Das Vorbild für Tom Hillenbrand waren ohne Zweifel Daniel Suarez’ Drohnenromane Daemon (2006) und Freedom™ (2010), aber die sind nur was für Hardcore-Cyber-Technik-Fans. Tom Hillenbrand muss sich gesagt haben: „Das kann ich besser“. Er übernimmt in seinem im Mai erschienenen Roman Drohnenland zwar allerlei Strukturelemente von Daemon, bleibt aber realistischer, viel näher an einer aus unserer Gegenwart heraus extrapolierten Wirklichkeit der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts. Und es ist eben ein Krimi mit einem Kommissar und seiner Assistentin, die eine überschaubare Zahl von Morden zu lösen haben, nicht so ein absurdes Gemetzel wie in Daemon.

Das Hauptthema bleibt aber wie bei Suarez die Vision einer mittels Drohnen und einer digitalen Gesamtsimulation total überwachten Welt. Große Teile der Handlung spielen im auf der Grundlage von Millionen Kameras und Sensoren erzeugten “Mirrorspace”, in den sich der Kommissar für seine Ermittlungen einscannen kann.

Für europäische Leser ist es reizvoll, aber auch beängstigend, eine gespenstische Zukunft der Europäischen Union vorgeführt zu bekommen, in der man das gerade in diesen Wochen (Juncker!) so deutlich sichtbare Nebeneinander von nationalen Machtinteressen und transnationaler (Schein-)demokratie wiedererkennt. Neu sind eine europäische Streitmacht, die in Nordafrika mit massiver Gewalt gegen die Armutsterroristen vorgegangen ist und ein europäischer Geheimdienst, der im Innern keine Morde scheut, um die Politik der Eliten zu unterstützen.

Daß die Macht der Großkonzerne die der Nationalstaaten übertrifft, ist dagegen schon heute keine Science Fiction mehr. Die gerade auf den Markt gekommene Datenbrille von Google spielt in modifizierter Form eine wichtige Rolle im Land der Drohnen.

Tja, und die Niederlande gibt es leider nicht mehr: sie stehen komplett unter Wasser. Westeuropa leidet unter monatelangen Regenzeiten. Dafür ist der Held des Romans ein niederländischer Kommissar, der von Brüssel aus operiert.

Drohnenland hat aus dem Stand Platz 5 der Krimi-Bestenliste der „Zeit“ (Zeit Nr. 24/14) erreicht. Die Rezensionen sind einmütig positiv. In der Kombination von Krimi und Science Fiction ist der Roman in dieser Qualität bei einem deutschen Autor einzigartig.


Bei Daniel Suarez folgte auf Daemon die mehr sozialutopisch orientierte Fortsetzung Freedom™. Da hoffe ich doch, dass Hillenbrand auch so etwas vorhat.

Mittwoch, 4. Juni 2014

Sehen oder nicht sehen - Lars Eidingers Hamlet

Im letzten Sommer standen wir in einer Eisdiele am Ludwigkirchplatz in Wilmersdorf. Auf einmal flüsterte G. mir ins Ohr: "Da steht Hamlet!" Ich, in verblüffter Lautstärke: "Hamlet? Wieso Hamlet? Hamlet, wo?" Direkt vor mir stand ein schlanker Mittdreißiger mit modischem Strickkäppchen auf dem Kopf, an seiner Seite ein kleines Töchterchen. Ihm schien ihre Aufregung zu gelten. Mir sagte er nichts. Ich erkannte ihn nicht, aber wer erwartet schon in einer Eisdiele etwas anderes als Eis. (Und doch hatte ich ihn schon gesehen: im Film "Alle anderen" von Maren Ade.) Aber Hamlet? Nein!


Nach mehreren vergeblichen Versuchen - ausverkauft, ausverkauft, ausverkauft - haben wir jetzt endlich Lars Eidingers "Hamlet" in der Regie von Thomas Ostermeier in der Berliner Schaubühne gesehen. Man muss die Karten mindestens vier Wochen vorher bestellen. Die Inszenierung ist ein Welterfolg und schon über den halben Globus gereist.

In den deutschen Feuilletons steht mehr über Lars Eidinger als schauspielerisches Phänomen als über seine Vergegenwärtigung des Hamlet, die für Traditionalisten wohl ein Gräuel ist.

Die Gegenwärtigkeit dieses Hamlets ist jedoch überwältigend. Schaut ihn euch an!






Montag, 2. Juni 2014

Preußen - „Ein mildes Vaterland“

Beim Warten auf den Bus an der Ecke Clayallee/Potsdamer Straße in Zehlendorf fiel mein Blick auf diese Gedenktafel:


 Berlin ist – vielleicht mehr als jede andere Stadt - voller Geschichtsflashs: Im Vorbeigehen blitzt etwas auf, und man wird angeregt, hinterherzugoogeln. Und der Spruch blieb haften: "Mir neue Söhne - euch ein mildes Vaterland".


Hier betrifft es die sogenannten “Salzburger Exulanten”.



Sonntag, 1. Juni 2014

Frustrationen mit meinen Geisteshelden

Es hat Methode, es kann kein Zufall sein: Mehrfach habe ich in den letzten Monaten in Berlin Veranstaltungen mit den Geisteshelden meiner intellektuellen Vergangenheit der sechziger und siebziger Jahre erlebt, die mich tief enttäuscht und geradezu frustriert haben.

Ob es nun Karl Heinz Bohrer betraf oder Michael Rutschky oder Helmut Lethen, deutsche Intellektuelle, deren Publikationen ich seit Jahrzehnten verfolge und mit Gewinn gelesen habe: In der persönlichen Präsentation vor Publikum treten diese Herren mit einer impertinenten Unverständlichkeitsattitüde auf, die sie offenbar als angemessenen Umgang mit ihrer Zuhörerschaft empfinden. Etwa in dem Sinne: Wer mich nicht versteht, hat hier auch nichts zu suchen. Das Publikum besteht nach meinen Beobachtungen zum Teil aus Eingeweihten, die diesen Code verinnerlicht haben, und ihre Zugehörigkeit durch ständiges Kopfnicken zu erkennen geben und zum anderen Teil aus geistig begossenen Pudeln, die ihr Nichtverstehen erst beim Hinausgehen zischelnd gegenüber ihren Partnern zu äußern wagen, aber ihr Scheitern und die daraus folgende Exklusion nicht in Frage stellen.

Helmut Lethen
Jüngstes Beispiel: die Vorstellung von Helmut Lethens neuem Buch “Der Schatten des Fotografen” im Literaturhaus Berlin am letzten Freitag. Lethen hat für dieses Werk den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse erhalten. Es ist von den einschlägigen Rezensenten des deutschen Feuilletons nahezu einmütig gelobt worden, und Lethen lobte seinerseits an diesem Abend die Rezensenten für ihr Verständnis, vor allem Jochen Schimmang, der in der FAZ darauf hingewiesen hatte, dass es sich nicht um ein “Sachbuch” handele, sondern um “Erzählungen”. Es sei so: “Der Schatten des Fotografen” ist ganz gewiss ein unterhaltsames und keineswegs unverständliches Buch.

An dem Abend im wunderschönen Literaturhaus in der Fasanenstraße haben die Veranstalter Michael Rutschky an die Seite von Helmut Lethen gesetzt. Seine Aufgabe sollte vermutlich sein, dem Publikum im Gespräch mit dem Autor einen Eindruck von dem Buch zu vermitteln und natürlich auch ein wenig Werbung dafür zu betreiben. Fast hundert Zuhörer hatten sich erwartungsfroh versammelt.

Ein solches Gespräch kam aber während der anderthalbstündigen Veranstaltung nur wenige Minuten lang zustande. Rutschky zitierte zu Beginn erst einmal zehn Minuten lang aus seinem eigenen Buch “Erfahrungshunger” aus dem Jahre 1980, in dem er den legendären Deutschen Germanistentag von 1968 beschreibt. Das zur Einführung des Germanisten L. Danach zeigte L. = Lethen ein paar Fotos aus seinem Buch, wobei die Reihenfolge ständig durcheinander kam und das entscheidende Foto, nämlich das mit dem Schatten des Fotografen, überhaupt nicht mehr gezeigt wurde, weil L. irgendwie Angst vor dem Laptop bekommen hatte. Die beiden Herren, von denen ich eine gewisse gegenseitige Affinität erwartet hatte, redeten aneinander vorbei. Fragen blieben offen im Raume stehen. Am Ende sah Rutschky zum ersten Mal das Publikum an: ob denn jemand eine Frage habe? Die Eingeweihten und die begossenen Pudel erstarrten, und Rutschky löste die entstandene Beklemmung grinsend mit dem Abbruch der Veranstaltung.


Also, wie gesagt: diese Art der Präsentation hat Methode, sie ist kein Zufall. So funktioniert die deutsche intellektuelle Szene im Berlin des frühen 21. Jahrhunderts. Zumindest, wenn Alt-Achtundsechziger involviert sind.

Die Leseratte (28)