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Sonntag, 1. Dezember 2013

Die Leseratte (14)

Homerisches Gelächter

Adventskalender (1)



Adventskalender der Adventskalender

Der Adventskalender ist ein ursprünglich deutsches Kulturphänomen. In den letzten Jahrzehnten ist sein Vorkommen in Quantität und Qualität gewaltig gewachsen. In meiner Kindheit handelte es sich um ein buntes Stück Karton mit Weihnachtsmotiven und 24 Türchen, hinter denen sich jeweils ein Bildchen verbarg. Ab dem 1. Dezember durfte ich jeden Tag ein Türchen öffnen. Später lag ein winziges Stückchen Schokolade hinter jeder Tür.

Wenn ich jetzt durch Berliner Supermärkte und andere Läden laufe, bin ich immer wieder baff, was es auf dem Gebiet inzwischen so alles gibt. Die Säkularisierung des Adventskalenders hat zu den erstaunlichsten Geschmacksexzessen geführt, aber ab und zu auch ganz hübsche Ideen hervorgebracht.


Darum habe ich mich entschlossen, ab heute in einem Adventskalender der Adventskalender eine Galerie mit 24 Beispielen zu präsentieren. Jeden Tag kann man in Café Deutschland ein Türchen anklicken. Viel Spaß und Entsetzen!



Donnerstag, 28. November 2013

Ein Platz für wilde Tiere

Noch vor der Sprengung des Stadtschlosses wurde 1950 auf Geheiß Walter Ulbrichts das deutsche Nationaldenkmal vor dem Schloss abgerissen. Es bestand aus einem Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I. (des Kaisers der deutschen Einheit von 1871), umgeben von vier Löwen, die seine Siegestrophäen bewachten.



Der Sockel blieb erhalten, stand seitdem leer und wird 2015 das neue deutsche Freiheits- und Einheitsdenkmal aufnehmen.

Zwei der vier Bronzelöwen wurden – wie ich jetzt erfahren habe - nicht eingeschmolzen, sondern im Ostberliner Tierpark in der Nähe des Raubtierhauses aufgestellt. Ein sinniger Akt der ostdeutschen Kommunisten! Aber Deutsche sind ja bekanntlich tierlieb.

Dort stehen sie noch heute, und dort hatte ich mich im Sommer dieses Jahres, nichts Böses ahnend, zwischen die Pranken eines der gewaltigen Löwen begeben, der gewiss schon lange seine Trophäen vermisst hatte und nun mich an ihrer Stelle bekam. Ganz kurz nur; er ließ mich wieder gehen. Er ist ein freundlicher Löwe, der schon viele meinesgleichen erlebt hat. Das Foto davon habe ich dann – immer noch nichts ahnend -als Profilbild für meine Facebook-Seite benutzt.



Als ich jetzt die Wahrheit erfuhr, war ich zunächst ein klein wenig schockiert. Aber dann schien mir mein Nachkriegskörper doch irgendwie eine akzeptable Trophäe für den domestizierten deutschen Nationallöwen zu sein.

Ein Höhepunkt des Sozialistischen Sakralsurrealismus

Aus der Bronze des Reiterstandbilds Kaiser Wilhelms I., das vor dem Berliner Stadtschloss gestanden hatte und 1950 abgerissen worden war, wurden noch kurz vor dem Ende der DDR die zwei großen Reliefs gefertigt, die links und rechts an der Frontseite des Neuen Marstalls angebracht sind. Sie zeigen anlässlich des siebzigsten Jahrestages (1988) der Ausrufung der Republik durch Karl Liebknecht zwei sozialistische Apotheosen.




Der Bildhauer Gerhard Rommel erschuf die Szenen im Stil des Sozialistischen Sakralsurrealismus. Auf dem linken Relief erscheint in der linksoberen Ecke ein überdimensionales Haupt von Karl Marx, das wie der liebe Gott mit Rauschebart auf seine Geschöpfe, Proletarier mit Gewehren, herabblickt. Auf dem rechten Relief ist es Karl Liebknecht, der im oberen Reliefbogen entschwebt wie Jesus bei der Himmelfahrt und dabei die sozialistische Republik ausruft.


Anders als im Fall des Palastes der Republik – Auge um Auge, Zahn um Zahn! - ließen die neuen Machthaber in diesem Fall historische Pietät walten und haben die Reliefs an ihrem Ort belassen.

Mittwoch, 27. November 2013

Krönungskutschensaal

Ach, es gibt in Berlin einen „Krönungskutschensaal“? Wo denn? Im Neuen Marstall? Und wo ist der?

Merkwürdig: Beim Wort „Krönungskutschensaal“ denkt man sich im ersten Augenblick etwas Erhabenes, Festliches, und überträgt es auf das Bild, das man sich von dem Raum macht. Dabei kann es doch nicht mehr als eine Art Garage sein. Dachte ich.

Der 1901 im neobarocken Stil erbaute, überaus stattliche Berliner Marstall war jahrzehntelang hinter dem Palast der Republik verborgen (und früher hinterm Stadtschloss); er war dieses Jahr einige Monate lang frei zu sehen und ist jetzt wieder hinter den Bauzäunen für den Aufbau des Humboldt-Forums (= Stadtschloss) verschwunden. Aber von der Humboldt-Box aus kann man ihn noch sehen. Voilá, die kaiserliche Garage:



Hier waren die rund 300 Pferde und die Kutschen des kaiserlichen Hofes untergebracht. Nach dem Fall der Monarchie wurde das Gebäude ziemlich hilflos mal diesem, mal jenem Zweck zugeführt. Hitler wollte dort nach dem Endsieg sein neues Reichskolonialministerium unterbringen. Seit 2005 beherbergt es einen Teil der Musikhochschule ‚Hans Eisler’. Aus den ehemaligen Pferdeboxen wurden Übungsräume. Die Aufbewahrungshallen für die (verschwundenen?) Krönungs- und Galakutschen hat man zu drei Konzertsälen umgebaut, die Berlins üppiges Kulturraumangebot weiter bereichern.

Und so habe ich den Krönungskutschensaal kennengelernt. Nicht schlecht für eine Garage:


 Merkwürdig der Satz im Wikipedia-Artikel zum Marstall:

“Die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung geht davon aus, dass das Bauwerk nach Abschluss des zweiten Bauabschnittes und nach dem bereits erfolgten Rückbau des Palastes der Republik mit der Wiedererstehung des historischen Schloßplatzes nach dem Wiederaufbau des Stadtschlosses wieder eine angemessene Bedeutung erhalten wird.”


Tja, was ist angemessen? Die Hochschule reicht nicht? Irgendein Ministerium vielleicht?