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Mittwoch, 19. November 2014

Salonkultur im 21. Jahrhundert

In meinem Beitrag zum „Palais Varnhagen“ habe ich meinen Flaneur einen ironisch-arroganten Zweifel an der Wiederbelebung der Salonkultur in Berlin äußern lassen. Die Werbestrategie für das vom Berliner Star-Architekten David Chipperfield zu errichtende “Palais” hatte mein sonst so friedfertiges romantisch-aufklärerisches Gemüt empört.

Nun neigt die Figur des Flaneurs mit ihrem nostalgisch rückwärts gewandten Blick sowieso zum Kulturpessimismus. Inzwischen habe ich mir die Frage gestellt, ob ich eigentlich irgendeine Ahnung davon habe, was im gegenwärtigen Berlin von zukunftsorientierten kreativen, intelligenten und einflussreichen jungen Köpfen gedacht und vorbereitet wird? (Die muss es ja geben!)

Die Antwort ist ein absolutes "Nein!" (Wenn man mal von vielen in Berlin ansässigen Schriftstellern absieht, deren Werke ich gelesen habe; aber die meisten von ihnen beschäftigen sich ja auch nur – wie ich - mit der Vergangenheit. Und heute sind es nicht die Schriftsteller und Philosophen, von denen die innovativen und weltverändernden Ideen kommen.)

Irgendwie kann es kein Zufall sein, dass ich mich wenige Tage später endlich einmal etwas intensiver mit der Website edge.org beschäftigt habe. Ein Auszug aus “About Edge” zeigt, worum es dabei geht:

Edge.org was launched in 1996 as the online version of ‘The Reality Club’ and as a living document on the Web to display the activities of ‘The Third Culture’.  
THE REALITY CLUB
The Reality Club was an informal gathering of intellectuals who met from 1981 to 1996 in Chinese restaurants, artist lofts, investment banking firms, ballrooms, museums, living rooms and elsewhere. Reality Club members presented their work with the understanding that they will be challenged. The hallmark of The Reality club has been rigorous and sometimes impolite (but not ad hominem) discourse. The motto of the Club was inspired by the late artist-philosopher James Lee Byars: "To arrive at the edge of the world's knowledge, seek out the most complex and sophisticated minds, put them in a room together, and have them ask each other the questions they are asking themselves." 

Ich habe inzwischen viele rasend interessante Beiträge auf “Edge” gefunden, unter anderem einen Artikel, in dem die – in der Tat naheliegende – Verbindung zwischen der romantisch-aufklärerischen Salonkultur des 18./19. Jahrhunderts mit den Aktivitäten dieses “Reality Clubs” hergestellt wird: “Network of Ideas” von Adrian Kreye, dem Leiter des Feuilletons der “Süddeutschen Zeitung”.

Wer will, kann diesen Artikel auch auf Deutsch lesen: Netzwerke der Ideen, in: Entrepreneur. Das Magazin für unternehmerische Kompetenz 2/2014, S. 58-65 (eine interessante Zeitschrift, die mein bornierter Flaneur auch noch nie gelesen hat).

Kreye gibt ein Beispiel für einen Salon, der von John Brockman, dem langjährigen Organisator und Kopf von „Edge“, veranstaltet wird:

„Der New Yorker Literaturagent John Brockman lädt einmal im Jahr eine kleine Schar aus jenem Kreis von Wissenschaftlern, Künstlern und Intellektuellen ein, die die Speerspitze der sogenannten 'Third Culture' bilden. Diese dritte Kultur ist weniger eine neue Kultur als eine neue Form zu debattieren – quer durch alle Disziplinen, die sich traditionell in die Geistes- und die Naturwissenschaften auf- teilen, also in die erste und die zweite Kultur. An jenem Wochenende beispielsweise war ein halbes Dutzend Männer eingeladen, die ihr jeweiliges Feld entscheidend geprägt haben: der Genforscher Craig Venter, der das erste Genom entschlüsselt hatte, sein Kollege George Church, Robert Shapiro, der die Chemie der DNS erforscht, der Astronom Dimitar Sasselov, der Quantenphysiker Seth Lloyd sowie der Physiker Freeman Dyson, der seine Rolle als Wissenschaftler auch immer darin sieht, allgemein akzeptierte Wahrheiten in Frage zu stellen. Ein paar Wissenschaftsautoren waren gekommen und die Literaturredakteurin der Zeitschrift New Yorker, Deborah Treisman“. 
(Netzwerke der Ideen, Entrepreneur 2/2014, S. 60).

Diese Gruppe hat sich an dem Wochenende über die Frage „Was ist Leben“ unterhalten.


Herzogin Anna Amalias Salon (dritter von links: Goethe, ganz rechts: Herder)
So etwas gibt es natürlich auch in Deutschland, in Berlin. Wollen wir doch mal hoffen!


Ich stoppe hier für heute, komme aber auf das Thema zurück.

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