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| Juli Zeh |
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Montag, 18. Juni 2012
Fünf lesenswerte deutsche Romane von 2011-2012
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| Dea Loher, Bugatti taucht auf |
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| Olga Grjasnowa, Der Russe ist einer, der Birken liebt |
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| Christian Kracht, Imperium |
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| Jan Brandt, Gegen die Welt |
und, in blindem Vertrauen zu Juli Zeh, ihr neuer Roman, der am 1. August erscheint:
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| Juli Zeh, Nullzeit |
Freitag, 15. Juni 2012
Ror Wolf: Fußball-Remix
In zwei Wochen
wird Ror Wolf, der zu meinen Lieblingsschriftstellern gehört, 80 Jahre alt. Er
ist unter anderem mit seinen Texten zum Thema „Fußball“ bekannt geworden, bei
denen es sich vor allem um Sprachcollagen aus der Fußballmedienwelt handelt.
Wolf benutzt das Sprachmaterial von Fußballreportagen aus Zeitungen, Radio und
Fernsehen und mischt es kreativ neu. Mit dieser Remix-Technik war er in den
sechziger und siebziger Jahren wahnsinnig modern.
Seine kompletten Fußballtexte
sind in dem Band „Das nächste Spiel ist immer das schwerste“ (zuletzt 2010 als
Fischer-Taschenbuch) gesammelt. Einer der genialsten ist für mich immer noch
die dreiseitige Textcollage „Ein Wort zum Boden oder Die merkwürdige Lage am
zehnten Tag“ aus dem Bändchen „Danke schön. Nichts zu danken“ von 1969.
Phantastisch,
aber Vorsicht: Das ist nicht jedermanns Sache.
Heute bringe ich
aus aktuellem Anlass seine halbstündige Radio-Collage „Cordoba Juni 13:45“
(1979). Sie steht in drei Teilen auf YouTube. Die Bebilderung ist gut gemacht,
aber nicht von ihm: dies ist ein Hörspiel.
Wolf hat hier die
Originalkommentare der deutschen und österreichischen Übertragungen des 3:2
Sieges der Österreicher bei der Fußballweltmeisterschaft 1978 in Argentinien
zusammengeschnitten. Ein Text zum Trost für alle in diesen Tagen Düpierten:
Deutschland ist schlagbar…
(Wir bitten, die
Bildstörungen zu entschuldigen.)
Donnerstag, 14. Juni 2012
Deutsche Trickfilme (1): “Quest” von Thomas Stellmach
Nachdem ich
entdeckt habe, dass in Stuttgart jedes Jahr ein großes Trickfilmfestival
stattfindet, habe ich ein wenig nach deutschen Trickfilmen gegoogelt. Da kannte
ich mich bisher nicht aus, und es ist ja auch ein Genre, das nicht so sehr viel
öffentliche Aufmerksamkeit bekommt.
Deshalb starte ich mit einer kleinen Reihe von kurzen deutschen Trickfilmen. Einige eignen sich ja vielleicht auch für den Deutschunterricht und könnten für viele unserer Leser nützlich sein.
Deshalb starte ich mit einer kleinen Reihe von kurzen deutschen Trickfilmen. Einige eignen sich ja vielleicht auch für den Deutschunterricht und könnten für viele unserer Leser nützlich sein.
Ich beginne mit
einem Höhepunkt des deutschen Trickfilms, „Quest“ (Dauer: 10 Minuten) von Tyron Montgomery und
Thomas Stellmach. Neben sehr vielen anderen internationalen Preisen hat er 1996
den Oscar für den besten animierten Kurzfilm gewonnen.
Sonntag, 10. Juni 2012
Anime-Film von Kafkas “Ein Landarzt”
Beim Googeln nach
dem Text von Kafkas „Ein Landarzt“ habe ich eine japanische Anime-Verfilmung
der Geschichte gefunden, die mich sehr fasziniert. Der Film ist 2007 unter dem
Titel „Kafka – Inaka Isha“ erschienen. Der Regisseur Koji Yamamura hat bereits
viele Preise hierfür bekommen, unter anderen den Grand Prix auf dem
Trickfilmfestival Stuttgart 2008.
Die Version mit
deutschen Untertiteln, die ich gefunden habe, steht in zwei Teilen auf Youtube:
Samstag, 9. Juni 2012
Walter Kappacher, Land der roten Steine (1): Ein Tryptichon
für Walter Schönau
Vor zwei Jahren
haben wir im Landhaus Rothenberge Walter Kappachers Roman Selina oder Das andere Leben besprochen, die Geschichte eines
deutschen Lehrers, der sich in ein verfallenes Bauernhaus in der Toskana
zurückzieht.
Vielleicht hat
Kappacher damals gefühlt, wie nah wir ihm, dem Scheuen, in unseren Gesprächen
gekommen sind, jedenfalls lässt er seinen neuen Roman in einem fernen Land der
roten Berge spielen. Das Buch ist gegliedert wie ein Tryptichon: der große
Mittelteil fällt besonders ins Auge. Er enthält die überaus genaue Beschreibung
einer fünftägigen Wanderung durch die faszinierende Berglandschaft des Canyonlands-Nationalparks im
amerikanischen Bundesstaat Utah.
„Land der roten
Steine“ (2012): Ein deutsches Amerikabuch, dachte ich beim ersten Lesen. Hatte
ich Selina so schnell vergessen?
Kappachers
Protagonist Michael Wessely, ein österreichischer Arzt kurz vor der
Pensionierung, erfüllt sich mit dieser Reise einen Traum, und seine
Beschreibung dieser Reise, die über die Hälfte des schmalen Büchleins einnimmt,
lenkt den Leser zunächst einmal völlig von den komplizierten biographischen
Bezügen der Hauptfigur ab. Wessely hat sich sorgfältig vorbereitet, nicht mit
touristischen Reiseführern, sondern mit der Lektüre der Aufzeichnungen zweier
Amerikaner, die in diesem Gebiet gelebt haben: die Briefe und Tagebücher von
Everett Ruess und Edward Abbey’s Desert Solitaire. A Season in the Wilderness.
Beide Autoren werden in Wesselys Erzählung wiederholt angeführt. Ruess hatte
sich mit 19 Jahren entschlossen, in der atemberaubenden Schönheit (und
Gluthölle) der Canyons zu leben und war ein Jahr später (1934) spurlos
verschwunden. (Sein Skelett wurde erst nach 75 Jahren 2009 in einem Felsspalt
entdeckt.) Seine hymnischen Beschreibungen des Lebens in dieser Landschaft
haben ihn in den USA zu einer Kultfigur gemacht. „Everett“, so heißt auch der
indianische Führer Wesselys. Es lohnt sich immer, auf Kappachers Namengebungen
zu achten.
Auch Edward Abbey (1927-1989) ist eine amerikanische Kultfigur: In Desert Solitaire (1968) berichtet er von seiner Zeit als Ranger für den National Park Service in den Jahren 1956/57. Das Buch gilt als eine der schönsten Naturbeschreibungen der amerikanischen Literatur und wird in einem Atemzug mit Thoreau’s Walden genannt. Mit den Flussaufstauungen im 20. Jahrhundert wurde den Canyonlands, die Jahrtausende von kleinen Indianerpopulationen bewohnt gewesen waren, das notwendige Wasser entzogen. Abbey ist über diese Entwicklung zum radikalen Naturschützer geworden.
Wandertouren dort
bemessen sich heute nach der Literzahl Wasser, die man zu schleppen imstande
ist. Wer sich dabei verrechnet, kommt um. Nicht nur ältere Menschen geraten hier
körperlich an ihre Grenzen. Wesselys herzschwacher indianischer Bergführer zeigt ihm, teils
mit dem Jeep, teils zu Fuß, die drei Teile des Nationalparks: Island in the Sky, Needles und als
Höhepunkt The Maze, das Labyrinth.
Kappachers
Beschreibungen gehört nun ihrerseits zu den schönsten und intensivsten
Landschafts- und Naturbeschreibungen in deutscher Sprache. Sie vergegenwärtigen
dem Leser das Naturerlebnis intensiver, als die Betrachtung eines noch so schönen YouTube-Filmchens
es vermag.Aber dies ist nur der mittlere Teil des Roman-Tryptichons. Was steht auf dem linken und rechten Seitenflügel, die den Bericht vom Land der roten Steine einrahmen? Spätestens wenn ich die drei Kapitelüberschriften nenne, wird klar, dass es sich hier – wie in Selina – um die Möglichkeit eines anderen, neuen Lebens handelt: Vita nuova, De vita beata, La vita breve. Dies sind gleichzeitig die Titel von Schriften der Weltliteratur, von Dante, Seneca, Juan Carlos Onetti, die gleichsam die Patenschaft für die drei Teile des Romans übernehmen sollen. Senecas Traktat Das glückliche Leben hat schon in Selina eine wichtige Rolle gespielt.
Das verlangt einen neuen Anlauf für meine Betrachtungen…
Walter Kappacher, Land der roten Steine (4): Postscriptum
Ich kann mir
übrigens nicht vorstellen, dass Walter Kappacher die Beschreibung der
Expedition durch die Canyonlands hat machen können, ohne sie selbst erlebt zu
haben. Darüber ist mir aber nichts bekannt.
Hier ist noch ein
Zitat aus dem Vorwort von Edward Abbey zu seinem Buch Desert Solitaire. A Season in the Wilderness, in dem er über die
Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit schreibt, diese Landschaft mit Sprache zu
erfassen:
This is not
primarily a book about the desert. In recording my impressions of the natural
scene I have striven above all for accuracy, since I believe that there is a
kind of poetry, even a kind of truth, in simple fact. But the desert is a vast
world, an oceanic world, as deep in its way and complex and various as the sea.
Language make a mighty loose net with which to go fishing for simple facts,
when facts are infinite. […]
Since you
cannot get the desert into a book any more than a fisherman can haul up the sea
with his nets, I have tried to create a world of words in which the desert
figures more as a medium than as material. Not imitation but evocation has been
the goal. […]
It will be
objected that the book deals too much with mere appearances, with the surface
of things, and fails to engage and reveal the patterns of unifying
relationships which form the true underlying reality of existence. Here I must
confess that I know nothing whatever about true underlying reality, having
never met any. There are many people who say they have, I know, but they’ve
been luckier than I.
Edward
Abbey, Desert Solitaire. A Season in the
Wilderness (1968) p. x-xi
Ich habe noch
einmal geprüft, wie Kappacher vorgegangen ist. Seine Beschreibungen im zweiten
Teil stimmen völlig mit diesen Vorgaben von Abbey zur Poetik des Faktischen und
der Oberfläche der Dinge überein. Die mystischen Überhöhungen finden erst in
Wesselys Erinnerungen und Träumen im dritten Teil statt. Ein schöner, ein
kluger, ein weiser Roman!
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