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Freitag, 15. Juni 2012

Ror Wolf: Fußball-Remix

In zwei Wochen wird Ror Wolf, der zu meinen Lieblingsschriftstellern gehört, 80 Jahre alt. Er ist unter anderem mit seinen Texten zum Thema „Fußball“ bekannt geworden, bei denen es sich vor allem um Sprachcollagen aus der Fußballmedienwelt handelt. Wolf benutzt das Sprachmaterial von Fußballreportagen aus Zeitungen, Radio und Fernsehen und mischt es kreativ neu. Mit dieser Remix-Technik war er in den sechziger und siebziger Jahren wahnsinnig modern.

Seine kompletten Fußballtexte sind in dem Band „Das nächste Spiel ist immer das schwerste“ (zuletzt 2010 als Fischer-Taschenbuch) gesammelt. Einer der genialsten ist für mich immer noch die dreiseitige Textcollage „Ein Wort zum Boden oder Die merkwürdige Lage am zehnten Tag“ aus dem Bändchen „Danke schön. Nichts zu danken“ von 1969.
Phantastisch, aber Vorsicht: Das ist nicht jedermanns Sache.
Heute bringe ich aus aktuellem Anlass seine halbstündige Radio-Collage „Cordoba Juni 13:45“ (1979). Sie steht in drei Teilen auf YouTube. Die Bebilderung ist gut gemacht, aber nicht von ihm: dies ist ein Hörspiel.

Wolf hat hier die Originalkommentare der deutschen und österreichischen Übertragungen des 3:2 Sieges der Österreicher bei der Fußballweltmeisterschaft 1978 in Argentinien zusammengeschnitten. Ein Text zum Trost für alle in diesen Tagen Düpierten: Deutschland ist schlagbar…
(Wir bitten, die Bildstörungen zu entschuldigen.)



Donnerstag, 14. Juni 2012

Deutsche Trickfilme (1): “Quest” von Thomas Stellmach

Nachdem ich entdeckt habe, dass in Stuttgart jedes Jahr ein großes Trickfilmfestival stattfindet, habe ich ein wenig nach deutschen Trickfilmen gegoogelt. Da kannte ich mich bisher nicht aus, und es ist ja auch ein Genre, das nicht so sehr viel öffentliche Aufmerksamkeit bekommt.

Deshalb starte ich mit einer kleinen Reihe von kurzen deutschen Trickfilmen. Einige eignen sich ja vielleicht auch für den Deutschunterricht und könnten für viele unserer Leser nützlich sein.

Ich beginne mit einem Höhepunkt des deutschen Trickfilms, „Quest“ (Dauer: 10 Minuten) von Tyron Montgomery und Thomas Stellmach. Neben sehr vielen anderen internationalen Preisen hat er 1996 den Oscar für den besten animierten Kurzfilm gewonnen.

Sonntag, 10. Juni 2012

Anime-Film von Kafkas “Ein Landarzt”

Beim Googeln nach dem Text von Kafkas „Ein Landarzt“ habe ich eine japanische Anime-Verfilmung der Geschichte gefunden, die mich sehr fasziniert. Der Film ist 2007 unter dem Titel „Kafka – Inaka Isha“ erschienen. Der Regisseur Koji Yamamura hat bereits viele Preise hierfür bekommen, unter anderen den Grand Prix auf dem Trickfilmfestival Stuttgart 2008.

Die Version mit deutschen Untertiteln, die ich gefunden habe, steht in zwei Teilen auf Youtube:

Samstag, 9. Juni 2012

Walter Kappacher, Land der roten Steine (1): Ein Tryptichon

für Walter Schönau

Vor zwei Jahren haben wir im Landhaus Rothenberge Walter Kappachers Roman Selina oder Das andere Leben besprochen, die Geschichte eines deutschen Lehrers, der sich in ein verfallenes Bauernhaus in der Toskana zurückzieht.
Vielleicht hat Kappacher damals gefühlt, wie nah wir ihm, dem Scheuen, in unseren Gesprächen gekommen sind, jedenfalls lässt er seinen neuen Roman in einem fernen Land der roten Berge spielen. Das Buch ist gegliedert wie ein Tryptichon: der große Mittelteil fällt besonders ins Auge. Er enthält die überaus genaue Beschreibung einer fünftägigen Wanderung durch die faszinierende Berglandschaft des Canyonlands-Nationalparks im amerikanischen Bundesstaat Utah.

„Land der roten Steine“ (2012): Ein deutsches Amerikabuch, dachte ich beim ersten Lesen. Hatte ich Selina so schnell vergessen?

Kappachers Protagonist Michael Wessely, ein österreichischer Arzt kurz vor der Pensionierung, erfüllt sich mit dieser Reise einen Traum, und seine Beschreibung dieser Reise, die über die Hälfte des schmalen Büchleins einnimmt, lenkt den Leser zunächst einmal völlig von den komplizierten biographischen Bezügen der Hauptfigur ab. Wessely hat sich sorgfältig vorbereitet, nicht mit touristischen Reiseführern, sondern mit der Lektüre der Aufzeichnungen zweier Amerikaner, die in diesem Gebiet gelebt haben: die Briefe und Tagebücher von Everett Ruess und Edward Abbey’s  Desert Solitaire. A Season in the Wilderness. Beide Autoren werden in Wesselys Erzählung wiederholt angeführt. Ruess hatte sich mit 19 Jahren entschlossen, in der atemberaubenden Schönheit (und Gluthölle) der Canyons zu leben und war ein Jahr später (1934) spurlos verschwunden. (Sein Skelett wurde erst nach 75 Jahren 2009 in einem Felsspalt entdeckt.) Seine hymnischen Beschreibungen des Lebens in dieser Landschaft haben ihn in den USA zu einer Kultfigur gemacht. „Everett“, so heißt auch der indianische Führer Wesselys. Es lohnt sich immer, auf Kappachers Namengebungen zu achten.

Auch Edward Abbey (1927-1989) ist eine amerikanische Kultfigur: In Desert Solitaire (1968) berichtet er von seiner Zeit als Ranger für den National Park Service in den Jahren 1956/57. Das Buch gilt als eine der schönsten Naturbeschreibungen der amerikanischen Literatur und wird in einem Atemzug mit Thoreau’s Walden genannt. Mit den Flussaufstauungen im 20. Jahrhundert wurde den Canyonlands, die Jahrtausende von kleinen Indianerpopulationen bewohnt gewesen waren, das notwendige Wasser entzogen. Abbey ist über diese Entwicklung zum radikalen Naturschützer geworden.

Wandertouren dort bemessen sich heute nach der Literzahl Wasser, die man zu schleppen imstande ist. Wer sich dabei verrechnet, kommt um. Nicht nur ältere Menschen geraten hier körperlich an ihre Grenzen. Wesselys herzschwacher indianischer Bergführer zeigt ihm, teils mit dem Jeep, teils zu Fuß, die drei Teile des Nationalparks: Island in the Sky, Needles und als Höhepunkt The Maze, das Labyrinth.
Kappachers Beschreibungen gehört nun ihrerseits zu den schönsten und intensivsten Landschafts- und Naturbeschreibungen in deutscher Sprache. Sie vergegenwärtigen dem Leser das Naturerlebnis intensiver, als die Betrachtung eines noch so schönen YouTube-Filmchens es vermag.


Aber dies ist nur der mittlere Teil des Roman-Tryptichons. Was steht auf dem linken und rechten Seitenflügel, die den Bericht vom Land der roten Steine einrahmen? Spätestens wenn ich die drei Kapitelüberschriften nenne, wird klar, dass es sich hier – wie in Selina – um die Möglichkeit eines anderen, neuen Lebens handelt: Vita nuova, De vita beata, La vita breve. Dies sind gleichzeitig die Titel von Schriften der Weltliteratur, von Dante, Seneca, Juan Carlos Onetti, die gleichsam die Patenschaft für die drei Teile des Romans übernehmen sollen. Senecas Traktat Das glückliche Leben hat schon in Selina eine wichtige Rolle gespielt.

Das verlangt einen neuen Anlauf für meine Betrachtungen…

Walter Kappacher, Land der roten Steine (4): Postscriptum

Ich kann mir übrigens nicht vorstellen, dass Walter Kappacher die Beschreibung der Expedition durch die Canyonlands hat machen können, ohne sie selbst erlebt zu haben. Darüber ist mir aber nichts bekannt.

Hier ist noch ein Zitat aus dem Vorwort von Edward Abbey zu seinem Buch Desert Solitaire. A Season in the Wilderness, in dem er über die Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit schreibt, diese Landschaft mit Sprache zu erfassen:
This is not primarily a book about the desert. In recording my impressions of the natural scene I have striven above all for accuracy, since I believe that there is a kind of poetry, even a kind of truth, in simple fact. But the desert is a vast world, an oceanic world, as deep in its way and complex and various as the sea. Language make a mighty loose net with which to go fishing for simple facts, when facts are infinite. […]
Since you cannot get the desert into a book any more than a fisherman can haul up the sea with his nets, I have tried to create a world of words in which the desert figures more as a medium than as material. Not imitation but evocation has been the goal. […]
It will be objected that the book deals too much with mere appearances, with the surface of things, and fails to engage and reveal the patterns of unifying relationships which form the true underlying reality of existence. Here I must confess that I know nothing whatever about true underlying reality, having never met any. There are many people who say they have, I know, but they’ve been luckier than I.
Edward Abbey, Desert Solitaire. A Season in the Wilderness (1968) p. x-xi
Ich habe noch einmal geprüft, wie Kappacher vorgegangen ist. Seine Beschreibungen im zweiten Teil stimmen völlig mit diesen Vorgaben von Abbey zur Poetik des Faktischen und der Oberfläche der Dinge überein. Die mystischen Überhöhungen finden erst in Wesselys Erinnerungen und Träumen im dritten Teil statt. Ein schöner, ein kluger, ein weiser Roman!