Gegen Ende des Romans „Orfeo“ macht sich Richard Powers´ Hauptfigur, der pensionierte Musikprofessor Peter Els, Gedanken über die „Hauptschwierigkeit von Musik“:
„Selbst die kleinste Melodie nahm man als eine Geschichte
auf. Das Hirn las diese Melodie wie den Wetterbericht, wie ein
Glaubensbekenntnis, wie Klatschgeschichten, ein Manifest. Die Geschichte nahm
Gestalt an, klarer, als sie es mit Worten gekonnt hätte. Aber es gab keine
Geschichte“
(Orfeo, S. 373 in der deutschen Ausgabe).
Den Musikroman „Orfeo“ (2014) scheint Powers geschrieben zu
haben, um dieses Statement zu widerlegen, denn er baut ein avantgardistisches
Musikstück des 20. Jahrhunderts nach dem anderen in seine Geschichte ein.
Am eindrucksvollsten gelingt ihm das mit Olivier Messiaens „Quatuor pour la fin du temps“ (S. 147-170). Dieses Kammermusikstück für vier
Instrumente hat der Franzose Messiaen im Görlitzer Kriegsgefangenenlager Stalag-VIII-A
komponiert und dort am 15. Januar 1941 mit Unterstützung der Lagerkommandanten
uraufgeführt: „Die deutschen Offiziere, allesamt Musikliebhaber, nehmen ihre
Vorzugsplätze in den vorderen Reihen ein“ (S. 156).
Powers erzählt die Umstände der Entstehung und er erzählt
die Musik über dreiundzwanzig Seiten hinweg. Im Roman ist dies eine
improvisierte Vorlesung des Musikprofessors in seinem Seniorenkurs. Und im
selben Moment, in dem er mit dem iPod den Teilnehmern das Stück vorführt, habe
ich mein iPad an meine Musikanlage angeschlossen und zum ersten Mal „Quatuor pour
la fin du temps“ gehört; eine Verschränkung von Roman und Musik und Leben, wie
ich es noch nie erlebt habe.
In diese Situation kommt der Leser dauernd, zum Beispiel
mit: Gustav Mahler, Kindertotenlieder (1905), S. 45-59, John Cage, Musicircus
(1967), S. 179-189 und Dmitri Schostakowitsch, Vierte Symphonie (1936), S. 373-382.
Und noch viel mehr. Und auch mit fiktiven Musikstücken der Romanfigur. Und
nicht etwa denken, dass das vielleicht nicht spannend ist: es ist rasend
spannend. Und da spielt auch noch etwas ganz Anderes eine Rolle…
Doch dazu später. Hier spielt die Musik:
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