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Dienstag, 24. April 2012

Berliner Phantasten

Im Sommer 1973 gab es in der Berliner Galerie Lietzow in der Knesebeckstraße eine Ausstellung mit dem Titel „Berliner Phantasten“. Das Plakat dieser Ausstellung hängt noch immer im Zwiebelfisch am Savignyplatz – und außerdem auch bei uns auf dem Klo. Offenbar hatten wir schon damals ein Faible fürs Figurative.

Martin Dittberner, Landschaft bei Cordulaska, 1972

Die Niederländer hängen einen Kalender mit den Geburtstagen ihrer Freunde und Bekannten in ihrer Toilette auf. Soweit haben wir es nie gebracht und deshalb sind wir auch nie richtige Niederländer geworden. Aber – wie gesagt – bei uns auf dem Klo hängen die Berliner Phantasten und diese Phantasten sind wir selbst, seit 39 Jahren jetzt, und das bleibt auch so.

Montag, 23. April 2012

Das Nationalsymbol der 68er: Der stürzende Adler von Georg Baselitz

Auf dem internationalen Kunstkompass des Jahres 2011 steht der deutsche Maler Georg Baselitz auf Platz 3. Baselitz, der in der DDR wegen „gesellschaftlicher Unreife“ nicht studieren durfte, zog 1958 nach West-Berlin. Irgendwann hat er beschlossen, all seine Motive nur noch auf dem Kopf stehend zu malen (zur Deutlichkeit: nicht der Maler Baselitz stand auf dem Kopf, sondern seine Gemälde).


So hat er auch eine ganze Serie von Adlern gemalt, und wer in der Luft auf dem Kopf steht, stürzt ab. Gewollt oder nicht gewollt schuf Baselitz damit das zu meiner Generation passende nationale Symbol. Und der Bundeskanzler aus meiner Generation, Gerhard Schröder, hat sich mit medienbewusster List einen solchen Adler ausgeliehen und hinter seinen Schreibtisch im noch von Kohl geplanten neomegalomanen Kanzleramt gehängt.

Zum Umgang der Mächtigen mit der Kunst gibt es einen schönen Artikel von Eckard Fuhr, aus dem ich hier zitiere:

"Der Regierungschef wählte sich das abstürzende Staatsymbol, das haltlose Hoheitszeichen, einen preußischen Ikarus als täglichen Begleiter seiner Regierungsgeschäfte im märkischen Sand und zeigte damit jedem, dass er die Macht und den Geist hat, mit Konventionen zu brechen und dass er auch als Staatsmann die innere Distanz zum Staat nicht aufgibt. Und wenn man Baselitz' Adlerbild als Zitat jenes Schießscheibenbildes von Adolph Menzel liest, das einen sich kopfüber auf eine Taube stürzenden Falken zeigt, dann kann man Schröders Bildwahl sogar eine geschichtspolitische Botschaft entnehmen. Der Kanzler stellt sich in die preußische Tradition und biegt sie gleichzeitig um. Wie gesagt, dem stürzenden Adler hat das alles gut getan. Schröders Kanzlerschaft aber fand ein vorzeitiges Ende - unnütz alle kunstgestützten ironisch-herrischen Machtgesten."

Eckard Fuhr, Wozu Schröder einen stürzenden Adler brauchte, Die Welt, 2010

Hinter dem Schreibtisch von Angela Merkel hängt heute Oskar Kokoschkas Porträt von Konrad Adenauer. Vielleicht sollte man sich mal nachts ins Kanzleramt schleichen und es andersherum aufhängen. Als ich das neulich probiert habe, saß die arbeitswütige Angela noch am Schreibtisch und da habe ich kurzerhand beide umgedreht. Es schien ihr zu gefallen:




Samstag, 21. April 2012

Christa Wolf 1968

Deutsche Amerikaromane (2): Christa Wolf, Stadt der Engel

Ich habe daraufhin das Buch gelesen. In einer anderen Kritik war mir irgendwo das Wort „ungenießbar“ aufgefallen. Meine eigenen Eindrücke waren anders. Ich bin von der Sprache, der Kraft und der Vielseitigkeit dieses Buches beeindruckt. Es ist sowohl ein Amerikaroman als auch ein Roman des deutschen Nazi-Exils als auch ein DDR-Roman als auch ein Roman der deutschen Vergangenheitsbewältigung. Und natürlich ein autobiographischer Christa-Wolf-Roman. Sie war kurz nach der Wende zu einem Aufenthalt in Los Angeles eingeladen worden. Währenddessen stellte sich heraus, dass in Berlin auch über sie eine IM-Akte vorlag. Der Medien-Hype hierüber brachte sie an den Rand des Selbstmords. Erst zwanzig Jahre später, 2010  – als Achtzigjährige - kann sie diese Dinge aufschreiben. Die Verflechtung der verschiedenen Ebenen gelingt ihr hervorragend: aus der Vielseitigkeit wird eine Einheit. Nix ungenießbar! Allerdings ein Intellektuellenroman für Leute mit Interesse an deutscher Literatur, Exilgeschichte, DDR und „Vergangenheitsbewältigung“.

Natürlich lebte Christa Wolf in jenen Monaten in der gehobenen Atmosphäre eines Zentrums für Wissenschafts- und Kulturstipendiaten im schöneren Teil der Stadt und bekam relativ wenig vom hässlichen und langweiligen Amerika zu sehen. Sie erlebte die kalifornische Natur und Kultur dort, wo sie am schönsten und interessantesten ist. Die Sonnenuntergänge zum Beispiel. Am Ende fuhr sie immerhin noch ins Navajo-Reservat und schaute sich in Los Alamos das neue Museum für die erste Atombombe an, fassungslos über die heroisch-kritiklose Grundhaltung dieser Ausstellung.
Und Walter Benjamins Engel der Geschichte muss in einem Roman mit dem Titel Stadt der Engel natürlich auch eine Rolle spielen. Das schöne alte Gebäude, in dem sie während ihres Aufenthalts wohnte, ist übrigens inzwischen einem Erdbeben zum Opfer gefallen.

Wiedervereinigung: Christa Wolf und Star Trek

In einer Rezension von Richard Kämmerlings im faz.net habe ich Dinge über den Roman Stadt der Engel (2010) der kürzlich gestorbenen Christa Wolf gelesen, die mir persönlich sehr gefallen, zum Beispiel, dass die Grand Dame der DDR-Literatur 1992 in ihrem Halbexil in Los Angeles gerne Star Trek geguckt und darin die glücklichere Utopie der Wiedervereinigung gefunden hat:

„In der Anfang der neunziger Jahre in Amerika ausgestrahlten Star-Trek-Serie „The Next Generation“ gibt es eine Doppelfolge mit dem Titel „Wiedervereinigung“. Darin geht es um komplizierte diplomatische Verhandlungen zwischen den Vulkaniern (Mister Spock!) und den verfeindeten Romulanern über die friedliche Vereinigung der beiden Planeten – offenbar sind die kulturellen Bande zwischen den Völkern stärker als vermutet. Captain Picard, der Kommandant der „Enterprise“, entdeckt aber, dass es sich bei der ganzen Sache nur ein Ablenkungsmanöver der Romulaner handelt, die eine Invasion planen und den Planeten unterwerfen wollen. Was als Wiedervereinigung daherkommt, soll in Wahrheit eine Eroberung sein.“
„Abend für Abend“, so erinnert sich Christa Wolf an ihren Aufenthalt in Los Angeles in den Jahren 1992 und 1993, „saß ich vor dem Fernseher, wenn die Star-Trek-Serie lief, und erlaubte mir die Ausrede, ich müsse mein Englisch vervollkommnen, wusste aber insgeheim, es war mein Bedürfnis nach Märchen, nach glücklichen Ausgängen, das mich festhielt, denn ich konnte sicher sein, dass die Star-Trek-Besatzung die edlen Werte der Erdenbewohner in die fernsten Galaxien tragen, sie gegen jeden noch so infamen Feind durchsetzen und dabei selbst nicht zu Schaden kommen würde.“ Die sogenannte „Wiedervereinigung“ zwischen Vulkan und Romulus fällt aus. Es geht glücklich aus, Vulkan wird nicht erobert.“

Da sieht man mal wieder, wie nah und wie fern zugleich meine Lieblings-Science-Fiction-Serie der Wirklichkeit ist! Die arme Christa Wolf!