Rosa war wunderbar!
In meinem Beitrag „Was soll das werden?“ vom 14. November habe ich drei unabhängig voneinander gerade erschienene Romane genannt, deren deutsche Titel eine merkwürdig übereinstimmende Form und Aussage aufweisen:
„Was vor uns liegt“
„Was wir wissen können“
„Was nicht gesagt werden kann“
Darüber habe ich mich etwas gewundert und mich gefragt, was das werden soll, so in dem Sinne, ob das etwas über das Wesen von Literatur aussagt oder ob sich die Art und Weise mit Literatur umzugehen verändert…
| Nun ist eine Literatur-Sonderausgabe der ZEIT erschienen, aufwändig gemacht und in vier Teile unterteilt, die auf ganz ähnliche Weise formal und inhaltlich zusammenhängen: |
Was kann ich wissen?
Was soll ich tun?
Was darf ich hoffen?
Was ist der Mensch?
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| DIE ZEIT Nr. 51 vom 29. November |
Und wieder frage ich, ob im sich verändernden deutschen Feuilleton sich gerade auch ganz grundsätzlich die Erwartung an und der Umgang mit Literatur verändert. Und was ich davon halte?
Wir leben in unsicheren Zeiten, in denen es keine Gewissheiten mehr gibt, und da soll offenbar die Literatur uns helfen, aus der Misere zu kommen. „Sorg dich nicht - lies!“ fordert uns Dorothee Elmiger beinahe lebensgroß auf der Titelseite auf. Gerade sie, die mit ihrem finsteren und für viele unzugänglichen Roman den Deutschen Buchpreis 2025 gewonnen hat.
Offenbar versucht die gesamte Branche, die doch zunehmend in einer großen Seifenblase verschwindet, sich in einer beschwörenden Selbsthypnose zum Verklärer des lesenden Individuums zu machen, das zuhause auf dem Sofa sitzend die Welt erkennen und retten kann.
Das kann es nicht! Und das muss es auch nicht!
Literatur und Weltrettung sind nämlich zwei paar Stiefel. Und unter Literatur habe ich mir immer einen autonomen ästhetischen Bereich vorgestellt, in dem eigene Welten geschaffen werden können. Von großer Schönheit und/oder erwählter Hässlichkeit. Aus eigenem Recht und nach eigenen Regeln.
„Was nicht gesagt werden kann“, ist der deutsche Titel des Romans „Flesh“ von David Szalay. Er hat den Booker-Preis 2025 gewonnen.
„Wie findest du den Roman?“, fragte mich ein Freund.
„Ganz gut.“
„Wie, ganz gut! Was soll das heißen?“
„Weiß nicht.“
Aber so richtig begeistert bist du nicht.“
„Nee.“
Wer den Roman gelesen hat, weiß, was ich mit meiner Kurzrezension meine.
Gestern gab es in der Stadsschouwburg in Groningen die „Dreigroschenoper“ (1928) von Bertolt Brecht und Kurt Weill. Präsentiert von der verdienstvollen niederländischen Opera Zuid in Zusammenarbeit mit weiteren Bühnen. Ich dachte, da muss ich doch wohl hin.
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| Die Dreigroschenoper, Opera Zuid |
Am Tag vorher habe ich mir die CD mit der Aufnahme von 1958 (mit Lotte Lenya, die schon bei Premiere die Jenny gesungen hatte) zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder angehört und war ganz perplex von der Frische und Gegenwärtigkeit dieser Musik. Außerdem konnte ich alle Texte mitsingen und tat das auch. Das ging gar nicht anders!
Und dann kam ich in die Groninger Schauburg. Ich hatte nur noch eine Karte für den dritten Balkon bekommen. Dort saßen zu meiner Überraschung keine Studenten, sondern freundliche Groninger Bürger mittleren und fortgeschrittenen Alters. Wir schauten aus schwindelnder Höhe auf die Bühne hinab, wo sich ein doch etwas zu gemütliches Spektakel entfaltete:
Zunächst begann in der Ouvertüre der Moritatensänger auf Deutsch: „Wir werden jetzt eine Oper für Bettler spielen…“, um dann von einem Mitspieler grob unterbrochen zu werden: man habe sich entschlossen, die gesprochenen Texte auf Niederländisch zu machen. Grapje, hahaha, aber für viele im Publikum eine große Hilfe, was im weiteren Verlauf durch allerlei spontanes Gelächter deutlich wurde.
Die Verantwortlichen für diese Aufführung haben sich viele Gedanken gemacht, wie dieses Werk in dieser Zeit in diesem Land auf die Bühne gebracht werden kann. Der Erfolg, den das Stück auf der Tournee und in den Rezensionen hat, spricht für sie. Es hatte ja auch finanzielle Probleme gegeben. Und das Ehepaar Rieu hat gespendet! Geht doch!
Aber ich wäre besser nicht hingegangen.
Statt einer langen Rezension hier nur ein paar Stichworte wie ich meinen Montag mit der CD und meinen Dienstag in der Schauburg erfahren habe:
Montag CD zuhaus:
flott frisch schrill gegenwärtig frech lasziv kritisch mitsingend mitschwingend bis in den folgenden Tag
Dienstag Schauburg:
langsam schläfrig jovial vergangen amüsant liebenswert unkritisch schweigend nach Haus still ins Bett
(okay: im Opernhaus singt man nicht mit, aber man will überwältigt sein)