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Donnerstag, 29. November 2012

Fremdbild: The Tyranny of Greece over Germany


“The Tyranny of Greece over Germany”: Der kuriose Titel dieses 1934 in England erschienenen Buches von Eliza Butler ist in den letzten zwei Jahren wiederholt in einem uneigentlichen Zusammenhang mit der Griechenland-Krise zitiert worden, zum Beispiel von einem empörten Griechen, der keine Ahnung vom Inhalt des Buches hatte, aber den heutigen Deutschen noch einmal unter die Nase reiben will, was ihre Vorfahren seinem Land im Zweiten Weltkrieg angetan haben.

Ich hatte noch nie von diesem Buch gehört, bis ich dem Titel im letzten “Spiegel” begegnete, wiederum im Zusammenhang mit der Griechenland-Krise. Da habe ich mich auf die Suche gemacht. Erst der Untertitel zeigt, worum es geht: “A study of the influence exercised by Greek art and poetry over the great German writers of the eighteenth, nineteenth and twentieth centuries”.
Die englische Germanistin Eliza Butler (1885-1959) war ihr Leben lang von einer Hassliebe zu Deutschland und den Deutschen bestimmt. Ihr germanophiler irischer Vater hatte seine drei Töchter gegen den Willen der Mutter auf ein Internat nach Hannover geschickt. Das führte bei Eliza schon als Kind zu einer Grundhaltung von Hass und Ekel in Bezug auf ihre deutschen Mitschülerinnen. Da sie nun aber schon einmal gut Deutsch konnte, wurde sie Deutschlehrerin und Germanistin mit längeren Aufenthalten in verschiedenen deutschen Städten und schließlich Professorin in Manchester und Cambridge.

Nach der Machtergreifung Hitlers schrieb sie das oben genannte Werk, in dem sie die Theorie einer Selbstversklavung der Deutschen unter den griechischen Geist entwickelte. So hätten die Deutschen schon im 18. Jahrhundert die radikale Unterordnung unter eine Idee entwickelt, die im 20. Jahrhundert so schreckliche Folgen zeitigte. Auch bei der Autorin ist der Titel des Buches also uneigentlich gemeint. Das Buch scheint absolut nicht dumm und obskur zu sein, wenn auch methodologisch fragwürdig. Die Nazis haben 1935 verhindert, dass es auf Deutsch erscheinen konnte. Bei einem Besuch Deutschlands 1948 fand Butler in den zerstörten Städten “a kind of beauty, as if Berlin had found her soul in the surrounding chaos”(Paper Boats, 189). Butler beschreibt ihre Geschichte in ihrer Autobiographie “Paper Boats” (1959). Einen kurzen Überblick über Butlers Leben und Denken gibt Sandra Peacock in ihrem Artikel “Struggling with the daimon: Eliza M. Butler on Germany and Germans” (2005).
Erst nach dem Krieg erschien 1948 eine gekürzte deutsche Ausgabe unter dem verfälschenden Titel “Deutsche im Banne Griechenlands”, die kaum Aufmerksamkeit gefunden hat. Weitere deutsche Ausgaben und eine Rezeptionsgeschichte durch die deutsche Germanistik scheint es nicht gegeben zu haben. Das finde ich verwunderlich, da Butler sich völlig auf die großen deutschen Dichter und Denker Winckelmann, Lessing, Herder, Goethe, Schiller, Hölderlin und Heine konzentriert und ihre Botschaft über die sklavische Eigenart aller Deutschen nur indirekt vermittelt, was auch für das englische Publikum nicht so einfach herauszulesen gewesen sein mag.
In der angelsächsischen Welt dagegen hat es immer wieder Neuausgaben des Buches gegeben, zuletzt 2006 und 2012, und mit der amerikanischen Historikerin Suzanne Marchand (“Down from Olympus”, 1996) auch eine methodologische Fortentwicklung des Ansatzes von Eliza Butler. So ist das Werk eine bedeutende Quelle des angelsächsischens Denkens über Germany und Germanness geworden, die man kritisieren, aber nicht ignorieren sollte.

Das Buch wird auch in der aktuellen Situation der griechisch-europäischen Schuldenkrise in England (wieder) ernst genommen. So attestiert eine Rezension im London Review of Books zum einen den heutigen Deutschen, nichts mehr mit der alten Unterwerfung unter ein Ideal zu tun haben zu wollen und stellt zum anderen eine Verbindung zum positiven Umgang mit Griechenland und Greekness in der jetzigen Krise her.
Ich persönlich bin immer noch perplex, dass mir dieses Buch in all den Jahren meiner Beschäftigung mit Germanness in den Augen anderer noch nie begegnet ist, und eben auch nie in einem germanistischen Zusammenhang. Aber deutsche Germanisten lesen wohl auch heute noch nur deutsche Untersuchungen über deutsche Dichter und Denker.

Wir - ein deutsches und europäisches Wir - sollten aber wissen, auf welcher Grundlage englische und amerikanische Intellektuelle ihr heutiges Bild über Deutschland und die Deutschen entwickeln. Und uns dazu äußern.

1 Kommentar:

  1. Ich war '66-'68 im Rheinland-Pfalz als durchschnittlicher amerikanischer Soldat stationiert, als ich zum ersten Mal Frau Butlers Buch erwähnen hörte. Ein damaliger Kamerad hatte mir auf das Buch und dessen Gedankenfäden aufmerksam gemacht.
    Später, nachdem ich zurück zu einer ebenso durchschnittlichen amerkianischen katholischen Uni zurückkehrte und mein von den Dienstjahren unterbrochenes Studium wiederaufnahm, begegnete ich jenen Gedankenfäden zum ersten Mal formal in einer Klasse über die Deutsche Literatur der Aufklärung, wo man es als Selbstverständlichkeit annahm, daß die großen deutschen Schriftsteller, Dichter, Essayisten und dergleichen sich den griechisch Schreibenden des Altertums verpflichtet sahen.
    Man kann nicht vorankommen, ohne das Rückwärtige sehr genau unter die Lupe zu nehmen, schiene es ihnen vermutlich, oder?
    Wenn man auf immer sich damit beschäftigt, irgendeine Vergangenheit zu bewältigen, hat man keine Zeit mehr für die Zukunft. Die Zukunft darf ja auch eine Zeit sein, verglichen mit...was?
    Man erinnere sich ab und zu an einen Zitat aus dem Filme "My Big Fat Greek Wedding", der von einem älteren Amerikanern griechischen Herkunfts zu einem eben so alten Staatsbürger britischen Herkunfts gesagt wurde: "Zu jener Zeit, als Ihre Vorfahrer noch in Bäumen von deren Âsten hingen, schrieben die Meinen Philosphie." Aber jetzt? Wer sind die großen aktuellen Griechen, die gern und gut philosphieren?

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