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Donnerstag, 13. Juli 2023

Gripsholm. Een kasteelroman - Ard Posthumas neue Übersetzung des Bestsellers von Kurt Tucholsky



Kurt Tucholskys kaum hundertfünfzig Seiten dünner Roman Schloss Gripsholm. Eine Sommergeschichte (1931) ist voller Besonderheiten, die nicht zu der als federleicht gerühmten Liebesgeschichte zu passen scheinen: Beim fröhlichen Sommerurlaub des Liebespaars Peter und Lydia aus Berlin im schwedischen Schloss Gripsholm kommt es zu allerlei Komplikationen: Dem Paar fällt ein misshandeltes Kind auf. Sie entdecken, dass es von einer sadistischen deutschen Heimleiterin gequält wird. Die Begegnungen mit dieser Frau rufen bei Peter Hass- und Ekelvisionen über Grausamkeit hervor. Er sorgt schliesslich dafür, dass das Mädchen zu seiner Mutter zurückgebracht werden kann. Daneben kommt in den drei Wochen zweimal Besuch: Karlchen, der beste Freund des Ich-Erzählers Peter, und Billie, die langbeinige Freundin Lydias. Beide verändern auf ihre Weise die erotische Spannung in der Geschichte in ein vibrierendes Dreiecksverhältnis. Karlchen aber rührt Lydia letztlich nicht an: zitiert wird (als einziges intellektuelles Item) Totem und Tabu von Freud: die Frau des Freundes ist unantastbar. Zwischen dem Paar und Billie dagegen entsteht ein vorsichtig beschriebener intimer Dreier, gewagt für 1930, eine Szene, auf die Tucholsky sehr stolz war, schön auch noch ein Jahrhundert danach. Und dann ist da noch Schweden, das Schwedische und das Schloss, wo Lydia ihn in den Kerker einsperrt und Peter zum Spuk wird… Er taucht sowieso während der Geschichte unter allerlei Namen auf: Peter, Daddy, Fritzchen, Kurt, als Kind: Wer bin ich denn?

 

Der Leser wird im Wahrnehmungsmodus des Ich-Erzählers durch die Geschichte geführt und nimmt an seiner spielerisch-tänzelnden Gedanken- und Gefühlswelt und an den angedeuteten erotischen Wunschvorstellungen teil: Ein vierzigjähriger, souverän im Leben stehender freier Mann, der zu sich selbst und seiner Geilheit steht, der aber auch reflektiert, was er tut und das Wohl anderer nicht aus dem Auge verliert.

 

Lydia, seine „Prinzessin“, im Arbeitsleben Sekretärin, besitzt eine ähnliche Souveränität und Freiheit und kann ihn, wenn nötig, um den Finger wickeln. Der Urlaub bedeutet für sie auch, ganz entspannt so daherreden zu können, wie ihr der Schnabel gewachsen ist: in einer Mischung („Mischings“) aus Hochdeutsch und Niederdeutsch (sie kommt aus Rostock), angereichert um Berliner Spracheigenarten. Beide haben sowieso einen Hang zu Sprachspielereien. In dem fröhlichen Gekebbel spiegeln sich sowohl ihre persönlichen Liebesbeziehungen und Reaktionen auf alles, was ihnen während des Urlaubs zustösst, als auch die enormen Veränderungen der Frauenrollen in der Arbeitswelt und Gesellschaft der Zwanziger Jahre. Heutige Leser spüren aber auch einen Vorschein des Nationalsozialismus. Der Erfolg des Buches gründet in der für die deutsche Literatur ungewöhnlichen Leichtigkeit und der sich auf tänzelnde Weise entwickelnden Erzählung. Das Niederdeutsche wird darin explizit als die schönere Art des Deutschen gesehen. Die vielen niederdeutschen Ausdrücke und Wendungen unterstützen diesen Eindruck.

 

Ein Übersetzer, der diesen Roman ins Niederländische bringen möchte, hat es nicht leicht. Viele Sätze und Wörter entziehen sich der direkten Übersetzung. Der Sprachwitz ist nicht ohne weiteres übertragbar. Was macht man mit dem Dialekt, was mit dem Missingsch?

 

In der alten Übersetzung von Per Olafson (Kasteel Gripsholm, Amsterdam 1955) geht doch einiges vom Charme und Witz des Originals verloren. Viele Formulierungen erreichen nicht die Leichtigkeit Tucholskys.

 

Die neue Übertragung von Ard Posthuma (Gripsholm. Een kasteelroman, Van Oorschot 2023, 22,50€) zeichnet sich durch einen sprach- und stilsicheren Zugriff aus. (Das fängt schon mit dem Untertitel an, den er keck von „eine Sommergeschichte“ in „een kasteelroman“ verändert, womit der niederländische Leser schon auf Zweideutigkeiten vorbereitet wird.)


Dann das im Deutschen gebräuchliche spielerische Wort „Missingsch“, aus dem Olafson „Missings“ gemacht hat: Posthuma kommt hier mit seinem eigenen, aber für jeden Niederländer lustig-verständlichen „Labbekaks“. Und Lydias „Jüppel-Jappel“ ist mit „kletskoek“ (Olafson) zwar inhaltlich, aber nicht der spielerischen Form nach übersetzt; Posthuma wählt hier sprachsicher unser geliebtes Wort „kikkifax“. Solche Kleinigkeiten machen auf Dauer den Reiz eines Textes aus.

Hier noch ein ganzer Satz, für den Posthuma die einfachere und bessere Lösung hat: 

 

Kann mia ganich genug wunnern, dasse den Zeit nich verschlafen hass! (Original, 12)

 

Ik kan er niet uitverbaasd raken, dat je je niet verslapen hebt (Olafson, 11)

 

Wat mooi dast die tiid nich verschlafen hast! (Posthuma, 14)

 

Der Roman fand bei seinem Erscheinen 1931 sofort viele jubelnde Leser: So etwas hatten sie auf Deutsch noch nicht gesehen. Zwei Jahre später wurden Tucholskys Bücher verbrannt. Der ganz grosse Erfolg kam ab 1946, als der Rowohlt Verlag mit seinen billigen Ausgaben begann: Schloss Gripsholm war die Nr. 4 in der berühmten rororo-Taschenbuchreihe und hatte im Laufe der Jahrzehnte eine Auflage von weit über einer Million. Heute gibt es mehrere deutsche Ausgaben mit verschiedenen Illustrationen.

 

Die neue niederländische Ausgabe ist schön herausgegeben, mit einem starken Foto einer schrägen Frau auf dem Cover. Sie enthält die Illustrationen von Wilhelm M. Busch aus der Originalausgabe (nicht zu verwechseln mit dem Wilhelm Busch aus dem 19. Jahrhundert!). Nun kann Tucho noch hunderttausend niederländische Leser hinzugewinnen!


Sollen sie sich wundern über diesen Roman!