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Donnerstag, 17. Dezember 2015

Flüchtlinge, Geflüchtete, Zufluchtsuchende



Das Wort „Lehrling“ ist in Westdeutschland ja schon seit 1971 durch „Auszubildender“ bzw. „Auszubildende“ ersetzt worden, weil –„ling“ auf ein männliches Wesen verweist und mit dem neuen Wort ein geschlechtsneutraler Plural möglich ist. In der DDR, in der weibliche Gleichberechtigung im Berufsleben viel selbstverständlicher war, ist man/frau gar nicht darauf gekommen, solch ein Unwort zu erfinden.

Erstaunlich, dass es bei dem Wort „Flüchtling“ in der aktuellen Situation eine ganze Weile gedauert hat, bis die deutsche Neusprechbewegung darauf gekommen ist, dass es ja auch weibliche Flüchtlinge gibt und man besser von „Geflüchteten“ sprechen sollte.

Indes: „Die Deutschen sind ein ernsthaftes Volk“ (Cees Nooteboom). Sie denken und denken und denken immerfort. Und so ist jemand auf noch ein neues Wort gekommen, das die Situation der Fliehenden genau in dem Moment trifft, wenn sie bei uns ankommen und es darauf ankommt, wie sie empfangen werden: Es handelt sich dann nämlich um „Zufluchtsuchende“.

Und nicht um Wegzuschickende.

Auf der Website sprachlog.de gibt es einen reichhaltigen Artikel zu diesem Thema.

Dienstag, 15. September 2015

Clemens Setz, Die Stunde zwischen Frau und Gitarre. Ein Lesetagebuch (7) – „You are the wind beneath my wings“

Mein Lesetagebuch hat große Konkurrenz bekommen: Der Suhrkamp Verlag hat unter der Leitung des Literaturwissenschaftlers Guido Graf vierzig Autoren angeworben, die seit gestern hundert Tage lang ihre Eindrücke von der Lektüre des riesigen Romans von Clemens Setz vermelden werden.

Das Blog ist unter der Adresse www.frau-und-gitarre.de erreichbar. Es steht – nach Anmeldung und Kontrolle des Beitrags – auch allen anderen Lesern des Buches für Kommentare zur Verfügung. Doch damit nicht genug: Bei www.sobooks.de gibt es die digitale Fassung des Romans, in der sich Wörter suchen, Zitate markieren und kommentieren lassen.

Ich werde natürlich mit meinem eigenen Leseblog fortfahren. Als sehr nützlich empfinde ich aber die Suchfunktion bei Sobooks, die mir viel Arbeit erspart.

Ein Beispiel: Im Roman spielen viele Formen von Stalking, von Verfolgen und Verfolgt Werden eine Rolle. So wird Natalie von einem Ohrwurm geplagt, den sie über achthundert Seiten hinweg nicht mehr los wird. Es ist eine bestimmte Zeile aus einem Lied von Bette Midler. Dabei fällt ihr ein Wort nicht ein: “You are the irgendwas beneath my wings” (und sie ersetzt dieses Wort immer wieder durch irgendein anderes).

“Merkwürdig und gespenstisch klang diese unfreiwillige Stimme, die sich meldete und plötzlich, während man den Salat durchmischte, zu singen begann: You are the irgendwas beneath my wings. Fremdgesteuert durch Musik wie durch einen dieser Super-Parasiten, der in den Kopf einer Ameise eindringt und sie aushöhlt, bis er in ihr herumfährt wie in einem  gepanzerten Tankfahrzeug” (S. 214f.).

Zweiundzwanzigmal taucht dieser Ohrwurm im Roman auf; erst die letzten drei Male in den Neunhunderter-Seiten in der korrekten Fassung: “You are the wind beneath my wings“.

Das konnte ich mit der Suchzeile bei Sobooks jetzt ganz einfach für das ganze Buch auflisten lassen. Leider ist die Seitenzählung in der digitalen Fassung eine andere als in der Druckversion. Aber trotzdem: Thank you so, Sobooks. You are the wind beneath my wings!


Was es mit dem Wind unter Natalies Flügeln auf sich hat, kann ich leider noch nicht sagen. Ich muss ja noch vierhundert Seiten lesen.

Mittwoch, 13. Mai 2015

Nico Rost, Brief aus Holland


Irgendwo habe ich gelesen, dass der niederländische Autor und Journalist Nico Rost in den zwanziger Jahren eine Reihe von Artikeln in der deutschen Zeitschrift „Der Querschnitt“ veröffentlicht hat. Dabei stieß ich darauf, dass diese Zeitschrift komplett digitalisiert im Netz steht. Und dort habe ich einen wunderschönen, fein ironischen Brief von Nico Rost gefunden, von dem ich unten ein paar Auszüge wiedergebe.

Wer ihn ganz lesen will, kann ihn auf dieser Website finden, die außerdem noch eine ganze Reihe damaliger illustrierter Zeitschriften anbietet: magazine.illustrierte-presse.de.


Nico Rost
Der „Brief aus Holland“ (1926) war Nico Rosts erster Beitrag im „Querschnitt“. Zur Ironie dieses Briefes gehört auch, dass er an den neuen Herausgeber der Zeitschrift gerichtet ist, Hermann von Wedderkop:



Brief aus Holland. Von Nico Rost

Lieber Herr v. Wedderkop! Sie haben im Juni 1921 im „Neuen Merkur“ einen Aufsatz über Holland geschrieben und werden sich wundern, darüber nach fünf Jahren einen Brief zu bekommen. Ihr Erstaunen dürfte um so berechtigter sein, als man bei uns eigentlich nie liest, was Deutsche über uns schreiben. Aber das können Sie natürlich nicht wissen – so gut kennen Sie Holland nicht. (…)
Sie haben bemerkt, daß wir vor allem Realisten sind, auch daß dieser Realismus einen sehr besonderen Charakter zeigt. Die holländische Literatur, die Sie wohl kaum kennen, gibt Ihnen hier recht. Wir sind auch da Realisten, „visionäre Realisten“ möchte ich beinahe sagen. (…)
Wir fassen immer sofort das Endziel ins Auge und wollen unbedingt erreichen, was wir vorhaben. Deswegen darf man uns aber noch nicht einfach nüchtern nennen. Wir sind keine Amerikaner. Wir arbeiten schweigender, innerlicher. Wir kennen den Willen als einen Traum der Seele. Wir erleben unsere Realität im Traum.
Die holländische Nation ist eine durchaus theologische. Sie ist es immer gewesen und wird es immer bleiben. (…)
Ein dogmatischer Calvinismus hat bei uns schon seit Jahrhunderten einen immensen Schaden angerichtet. Denn wer Holland liebt, muß es gleicherzeit unendlich hassen. (…)
Ein Satz hat mich in Ihrem Aufsatz besonders frappiert. „Der Holländer sieht nicht über Dinge hinweg, die da sind, und bemerkt nicht solche, die nicht da sind.“ Ich glaube, man kann unser Volk nicht besser charakterisieren. Wir sind kritisch und werden uns nie für etwas begeistern oder uns einer geistigen Bewegung im Ausland anschließen. Eine Revolution ist in einem solchen Lande einfach unmöglich, so wie jede Massenbewegung unmöglich ist. (…)
Was uns fehlt, ist besonders Kollektivgefühl. Wir formen kein einheitliches Ganzes: wir sind zu sehr eine Versammlung von Wohnzimmern. (…)
Es gibt in Holland eine große Intelligenz – verhältnismäßig viel größer als bei Ihnen – eine Intelligenz, die sicher zu den gebildetsten in Europa gehört. (…) Besäße Ihr Land solche Intelligenz, es würde anders dastehen als jetzt. Ich teile Ihnen dies alles nur mit, in der Hoffnung, Ihr altes Interesse dadurch wieder aufzufrischen.
Ich hoffe also, eine Antwort von Ihnen zu erhalten, und werde mich freuen zu hören, Ihr Interesse für das Land, in dem die Leute, wie Sie schreiben, soviel essen und so fest schlafen, von neuem geweckt zu haben. 

Bis dahin mit herzlichen Grüßen
Ihr
Nico Rost
Aus: Der Querschnitt, VI. Jahrgang, Heft 8, August 1926, S. 583-586
Ob Hermann von Wedderkop geantwortet hat, weiß ich nicht. Muss ich noch suchen.