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Dienstag, 10. Juli 2018

Erregtes Sauerkraut

Sauerkraut im Normalzustand
Endlich kann ich wieder frei lesen. Da habe ich mir John Updikes Roman The Witches of Eastwick gegriffen – aus Bequemlichkeit in der deutschen Ausgabe -, den ich (wegen des Titels?) immer im Regal habe verstauben lassen. Und wieder bin ich, nach all den deutschen Gegenwartsromanen, fasziniert von Updikes Schreibkunst. Hier eine Stelle, wo er die gängigen Stereotypen über die Deutschen persifliert:

Alexandra, Jane und Sukie, die drei sexuell überaus aktiven „Hexen“ aus dem Roman (ganz normale Frauen) sinnieren über das Verhältnis eines Gemeindemitglieds mit seiner deutschstämmigen Frau Greta:

„Ob die noch miteinander vögeln?“ fragte Alexandra versonnen; sie fühlte sich entspannt mit ihren Freundinnen und ließ ihre Gedanken schweifen und Bilder aus der Natur einsammeln. „Wie steht er das nur durch. Es muss wie erregtes Sauerkraut sein.“
„Nein“, sagte Jane bestimmt. „Es ist wie – wie heißt dies hässliche Zeug noch, das die so lieben – wie Sauerbraten.“
„Sie marinieren ihn“, sagte Alexandra. „In Essig, mit Knoblauch, Zwiebeln und Lorbeerblättern. Und Pfefferkörnern, glaube ich.“
„Spricht er mit dir darüber?“ fragte Sukie anzüglich zu Jane gewandt.
„Wir sprechen nie darüber, auch in den intimsten Augenblicken nicht.“, sagte Jane pikiert. „Alles, was er mir zu diesem Thema jemals anvertraut hat, ist, dass sie es einmal in der Woche braucht, sonst wirft sie mit Gegenständen um sich.“

John Updike, Die Hexen von Eastwick, Hamburg 1985, S. 39

Freitag, 4. Mai 2018

Zum 4. Mai: Audrey Hepburn: eine Niederländerin unter deutscher Besatzung

Ein Beitrag, den ich vor fünf Jahren gepostet habe:
Die Filme mit Audrey Hepburn habe ich immer gerne gesehen. „Roman Holiday“ ist mein Lieblingsfilm, sentimental wie ich bin, vom Anfang bis zum Ende. Vor einigen Jahren stieß ich in einem Buchprospekt darauf, dass der Sohn von Audrey seine Erinnerungen an seine Mutter veröffentlicht hat. Die deutsche Ausgabe ist 2007 im Leipziger Henschel-Verlag erschienen: Sean Hepburn Ferrer, Audrey Hepburn. Melancholie und Grazie.

Aber wie groß war meine Überraschung, als im begleitenden Text die Rede davon war, dass Audrey ihre Kindheit in den Niederlanden verlebt hat. Davon hatte ich keine Ahnung. Und mehr noch: sie war Niederländerin, Tochter der Baronin Ella van Heemstra und eines englischen Bankiers. Während der deutschen Besatzungszeit nahm sie den Namen Edda van Heemstra an. Da ihre Mutter einen „Bürgerlichen“ geheiratet hatte, gehörte Audrey jedoch nicht zum niederländischen Adel.
Im Audrey-Hepburn-Artikel der niederländischen Wikipedia wird ausführlich die Zeit der deutschen Besatzung zwischen 1940 und 1945 behandelt; im deutschen Artikel ist das erst seit kurzer Zeit der Fall. Audrey wohnte ausgerechnet im stark umkämpften Arnhem und wurde auch in ihrer direkten familiären Umgebung mit den Brutalitäten der deutschen Herrschaft konfrontiert. Mit 15-16 Jahren, um 1944, tanzte sie als ausgebildete Balletttänzerin vor Publikum, um die Eintrittsgelder der niederländischen Widerstandsbewegung zu spenden.

Ich habe Audrey immer ahistorisch rezipiert, als sentimental-ästhetisches Phänomen aus Hollywood. So habe ich es als überaus verblüffend erfahren, dass sie auf einmal in eine Realität hineinfiel, die direkt mit dem Kernthema meiner Berufstätigkeit zu tun hat.

Mittwoch, 25. April 2018

Zum Welt-Pinguin-Tag

Vor drei Jahren habe ich diesen Beitrag zum Weltpinguintag gepostet. Ich finde ihn immer noch aktuell:

Dieses Gedicht von Erik van Os in der grafischen Gestaltung von Hans Waanders hängt seit Jahrzehnten als Plakat in meinem Haus.  Es ist in allerlei Formaten und Ausführungen erhältlich, unter anderem als Poesiepostkarte bei PlintIch habe mir erlaubt, eine deutsche Übersetzung anzufertigen.




Der Pinguin und der Papagei
Hallo Papagei, sagte der Pinguin.
Hallo Papagei, sagte der Papagei.
Nein, sagte der Pinguin, du musst Hallo Pinguin sagen.
Nein, sagte der Papagei, du musst Hallo Pinguin sagen.
Nein, sagte der Pinguin, ich bin ein Pinguin.
Nein, sagte der Papagei, ich bin ein Pinguin.
Du bist ein Papagei, sagte der Pinguin.
Du bist ein Papagei, sagte der Papagei.
Dummer Papagei, sagte der Pinguin.
Dummer Pinguin, sagte der Papagei.

Samstag, 3. März 2018

Science fiction als Gegenwartsbewältigung – Deutsche Romane des 21. Jahrhunderts (2)

"Nur Utopien sind noch realistisch" - Kölner Theaterpreis 2017

Vor fünf Jahren habe ich in diesem Blog auf einen Trend in der deutschen Gegenwartsliteratur hingewiesen. Dieser Trend hat sich inzwischen zu einer regelrechten Welle von dystopischen Romanen entwickelt.

Da mir - immer noch - die Zeit für ausführlichere Besprechungen und Einschätzungen fehlt, zeige ich hier nur meine Titelsammlung, aus der der enorme Zuwachs pro Jahr deutlich wird. Sie bietet viel Stoff für interessante Masterarbeiten:

Frank Schätzung, Der Schwarm (2005)
Thomas Lehr, 42 (2005)

Thomas Glavinic, Die Arbeit der Nacht (2006)

Dietmar Dath, Die Abschaffung der Arten (2008)
Christian Kracht, Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten (2008)

Juli Zeh, Corpus delicti. Ein Prozess (2009)
Günter Hack, ZRH (2009)

Thor Kunkel, Schaumschwester (2010)
Dorothee Elminger, Einladung an die Waghalsigen (2010)

Jochen Schimmang, Neue Mitte (2011)
Simon Urban, Plan D (2011)

Dietmar Dath, Pulsarnacht (2012)

Reinhard Jirgl, Nichts von euch auf Erden (2013)
Georg Klein, Die Zukunft des Mars (2013)
Clemens J. Setz, Indigo (2013)
Hannes Stein, Der Komet (2013)
Ernst-Wilhelm Händler, Der Überlebende (2013)

Dietmar Dath, Feldeváye - Roman der letzten Künste (2014)
Jürgen Neffe, Mehr als wir sind (2014)

Roman Ehrlich, Das kalte Jahr (2014)
Matthias Nawrat, Unternehmer (2014)
Alfred Stabel, Der Goldene Apfel der Deutschen. Die Türken erobern Wien (2014)
Tom Hillenbrand, Drohnenland (2014)

Leif Randt, Planet Magnon (2015)
Dietmar Dath, Venus siegt (2015)
Hans-Jörg Schertenleib, Jawaka (2015)
Martin Burckhardt, SCORE. Wir schaffen das Paradies auf Erden (2015)
Heinz Helle, Eigentlich müssten wir tanzen (2015)
Valerie Fritsch, Winters Garten (2015)
Jochen Beyse, Lawrence und wir (2015)
Juan S. Guse, Lärm und Wälder (2015)

Reinhard Jirgl, Oben das Feuer, unten der Berg (2016)
Karen Duve, Macht (2016)
Thomas von Steinaecker, Die Verteidigung des Paradieses (2016)
Thea Dorn, Die Unglückseligen (2016)
Emma Braslavsky, Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen (2016)
Eugen Ruge, Follower. Vierzehn Sätze über einen fiktiven Enkel (2016)
Arne Ahlert, Moonatics (2016)

Stephan R. Meier, NOW. Du bestimmst, wer überlebt (2017)
Kat Kaufmann, Die Nacht ist laut, der Tag ist finster (2017)
Jochen Beyse, Fremd wie das Licht in den Träumen der Menschen (2017)
Matthias Oden, Junktown (2017)
Franz Friedrich, 25052015. Der letzte Montag im Mai. Ein Zeitreiseführer (App für ios und android, 2017)
Dietmar Dath, Der Schnitt durch die Sonne (2017)
Doron Rabinivici, Die Außerirdischen (2017)
Hannes Stein, Nach uns die Pinguine. Ein Weltuntergangskrimi (2017)
Dirk van Versendaal, Nyx (2017)
Marc-Uwe Kling, Qualityland (2017)
Martina Clavadetscher, Knochenlieder (2017)
Theresa Hannig, Die Optimierer (2017)

Helmut Krausser, Geschehnisse während der Weltmeisterschaft (2018)
Tom Hillenbrand, Hologrammatica (2018)
Josefine Rieks, Serverland (2018)
Georg Klein, Miakro (2018)
Alexander Schimmelbusch, Hochdeutschland (2018)
Frank Schätzing, Die Tyrannei des Schmetterlings (2018)


Über die Mitteilung von Titeln, die mir entgangen sind, würde ich mich sehr freuen.

Mittwoch, 21. Februar 2018

„Hologrammatica“, der rasante Nachfolger von Tom Hillenbrands „Drohnenland“


Als Tom Hillenbrand „Drohnenland“ (2014) schrieb, übte er nur. Sein neuer Roman „Hologrammatica“ ist weitaus komplexer und reichhaltiger, aber auch philosophischer geworden als „Drohnenland“ und vielleicht noch spannender. Aber ich verrate (fast) nichts.

Worum geht’s? 

Hillenbrand hat dem Roman zwei Zitate als Motto vorangestellt:


Motto 1:

Gern träume ich
Von einer kybernetischen Lichtung
In der Säugetiere und Computer
Zusammenleben in einträchtig
Programmierter Harmonie

Richard Brautigan
„Behütet von Maschinen der liebevollen Gnade“


Motto 2:

Do you think we’re robot clean
Does this face look almost mean
Is it time to be an android, not a man?

The Misfits, „We are 138“


Der Zweck eines Mottos ist die Vorankündigung der Thematik. Die fünf Zeilen aus Richard Brautigans Gedicht „Behütet von Maschinen der liebevollen Gnade“ (der englische Originaltext des ganzen Gedichts ist hier zu lesen) sind darin deutlich: Offenbar geht es um die Utopie eines friedlichen Zusammenlebens von Mensch und Natur unter der Obhut einer wohlmeinenden Künstlichen Intelligenz.

Ein hochaktuelles Thema also, das dieser Tage vielfach diskutiert wird, zumeist allerdings unter dem Aspekt, dass eine Künstliche Intelligenz (KI) sich den Teufel um die Menschen scheren und ganz eigene Zwecke verfolgen könnte. Hochrangige Wissenschaftler warnen nachdrücklich davor! Der Zeitpunkt, für den man in unserer realen Welt eine KI erwartet, wird um 2040/2050 angesetzt. Genauso ist es in Hillenbrands Roman, der im Jahre 2088 spielt, vierzig Jahre nach der ersten verwirklichten KI. Und ja: da ist etwas schiefgegangen, so scheint es! Die KI wird jedenfalls 2048 abgeschaltet. Was war da los?

Warum benutzt Hillenbrand das Zitat des Hippie-Poeten Richard Brautigan aus dem Jahr 1967? Die technikfreundliche Haltung darin entsprach keineswegs der damaligen Hippiephilosophie, und in den meisten Utopien der letzten 50 Jahre ging es - was ja auch spannender ist - um gefährliche, durchdrehende und zerstörerische Computer und Robots („2001 - A Space Odyssey“ ist von 1968). Interpreten haben sich damit beholfen, Brautigan habe es ironisch gemeint, aber das bleibt doch zweifelhaft.

Tom Hillenbrand liefert uns jedenfalls einen sehr, sehr spannenden Roman dazu!

Das zweite Motto stammt aus dem Song „We are 138“ von den Misfits (der komplette englische Text ist hier zu lesen). Auch dazu gibt’s im Internet einen - teilweise obskuren - Interpretationsstreit, was wohl damit gemeint sein könnte. Die gängige Auffassung ist, dass „138“ dem Titel von George Lucas’ erstem Science-Fiction-Film „THX 1138“ (1971) entlehnt ist. Die dem Spielfilm vorausgehende Kurzfilmfassung stammt aus dem Hippie-Jahr 1967. Ein wichtiger SF-Film, der die damalige dystopische Stimmung über den Verlust an Freiheit in der hochtechnisierten Welt wiedergibt.

Dieser Thematik des Menschen, der zum Androiden wird und seine Freiheit verliert, müssten wir im Roman dann auch begegnen. Und ja: Hillenbrand konfrontiert uns mit den in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts wachsenden Möglichkeiten der Klontechnologie, das menschliche Bewusstsein in andere Körper zu übertragen, und mit den unabsehbaren Folgen davon. Er lässt seine Figuren auf hohem Niveau über das sogenannte Descartes-Rätsel nachdenken und diskutieren:

„Descartes postulierte, dass Geist und Körper voneinander getrennt sind. Er nannte sie res cogitans und res extensa, die denkende Sache und die ausgedehnte Sache. Er glaubte, beide würden über einen geheimen Ort und auf unbekannte Weise miteinander interagieren. Neuroprogrammierer suchen nach diesem Ort. Wenn sie ihn finden, wäre es eine große Sache. […] Dann könnte man ewig leben, sich alle paar Jahrzehnte in ein frisch geklontes Gefäß uploaden lassen” (Hologrammatica, 36).

Aber diese Möglichkeiten bergen neben existentiellen Risiken auch neue Freiheiten und Erkenntnismöglichkeiten für die “denkende Sache”, und darüber wird auf der Thriller-Ebene des Romans heftig und mit dramatischen Effekten spekuliert.

Na ja, und dann gibt es im neuen Roman technische Phänomene, die uns ähnlich schon aus “Drohnenland” bekannt sind: das weltumspannende holographische Netz zum Beispiel, das jedem Menschen die Möglichkeit gibt, sein persönliches Aussehen und seine Umgebung camouflierend aufzuputzen. Weiterhin die Klimaveränderungen, die zu globalen Wanderungsbewegungen geführt haben, die weit über das hinausgehen, was wir in “Drohnenland” erlebt haben.

Die Hauptfigur ist Galahad Singh, ein Privatdetektiv nach dem Muster der großen amerikanischen Krimis. Er trinkt zuviel, liebt Bourbon-Whisky – “Old Fashioned” ist sein Lieblingscocktail (wirklich herrlich, ich muss so etwas immer sofort probieren!), “Eagle Rare” seine Lieblingsmarke (im Moment € 42,71 bei Gall & Gall, noch nicht von mir getestet). Galahad ist schwul (mal was Neues für einen Dedektiv), auch daraus ergeben sich im Reigen der Klone ungeahnte Transgender-Möglichkeiten.

Eines Tages kommt eine Auftraggeberin mit scheinbar unbegrenzten finanziellen Mitteln in Galahads Büro: er soll eine verschwundene Softwarespezialistin aufspüren…

Jetzt geht’s los! Aber: Lest das Buch.

Und? Keine Kritik? Ja, doch so dies und das:

“Drohnenland” wurde auch gerne von Leuten gelesen, die sonst kaum Science-Fiction-Romane angerührt haben. Woran liegt das? Die beschriebene Utopie liegt näher in der Zukunft, nur eine Generation von uns entfernt. Anders als in der Presse immer behauptet wird, ist nicht Robert Menasses Roman “Die Hauptstadt” der erste EU-Roman, nein, es war Tom Hillenbrands “Drohnenland”: Hier werden die zukünftige Form und Geschichte der EU und die bald anstehenden Klimaveränderungen extrapoliert: sie sind erkennbar und ein spannender und sehr konkreter Hintergrund vor den prognostizierten technischen Zuständen.

In “Hologrammatica” befinden wir uns noch ein paar Jahrzehnte weiter in der Zukunft. Der Erzählrahmen ist globaler, abstrakter, die Regionen und zukunftshistorischen Entwicklungen weniger deutlich und erklärlich, die technologischen Dinge mit ihren ethisch-philosophischen Konnotationen komplexer und verwirrender. Das ist mehr etwas für Hard-Core-SF-Leser. Aber Tom Hillenbrand hat sich damit als deutscher Top-Autor für Science Fiction etabliert.


Damit endet meine kleine Einführung in “Hologrammatica”. Speziell hierfür habe ich mein Profilbild auf Facebook verändert. Auf dem mit FaceApp veränderten Porträt sehe ich fast so gut aus wie Tom Hillenbrand! Mein schöner Klon! Wie soll ich sonst neben Tom bestehen? Herzlichen Glückwunsch zum neuen Roman!

Tom Hillenbrand
Peter Groenewold (Holo-Klon)

Und noch eine Kleinigkeit: Galahad ist von London nach Nadschaf im Irak unterwegs: “Ich kann fühlen wie [das Flugzeug] sich nach rechts neigt, als der Pilot auf Südostkurs geht” (Hologrammatica, 185). Müsste es sich nicht nach links neigen?

Tom Hillenbrand, Hologrammatica, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018, 559 Seiten, € 12,00