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Mittwoch, 16. August 2017

Hinweise zu “Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens” (2) – Christophs Helden

In “Hundertvierzehn”, dem literarischen Online-Magazin des Fischer Verlags, gibt Roman Ehrlich Auskunft über seine Erfahrungen mit dem eigenen Roman nach dessen Erscheinen. Das betrifft auch seine Vorbereitung auf die diversen Lesungen und die Fragen der Leser.

Er charakterisiert dort sein Buch mit den folgenden Worten:

“Der Roman, in dessen Zentrum die Arbeit an einem Horrorfilmprojekt steht, umkreist in verschiedenen Bewegungen das Phänomen des Untotseins und der Wiederkehr, auch am naheliegenden Beispiel des Zombies, vielmehr aber in den alltäglicheren Formen der Träume, des Glaubens, der Ideologie, der Sehnsucht, der Schuld und der Verletzung. […]

Im Roman erklärt der Regisseur Christoph Raub, dass das Aufspüren und öffentliche Erzählen der eigenen Ängste der schnellste Weg sei, an den Ort der wahrhaftigen Kreativität zu kommen. Die individuelle Angst tritt hier ebenfalls als das Verdrängte, als untoter Wunsch oder unerfüllte Sehnsucht auf, und dem Erzählen kommt eine Art Transferfunktion zu, im Wissen, dass die Koordinaten der Wirklichkeit verschoben werden müssen, um den verdrängten Inhalten des Bewusstseins Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.”

Roman Ehrlich spricht auch von den “Fäden und Fährten”, die er selbst ausgelegt habe. Dafür nennt er allerdings keine Beispiele. Das wäre auch zu blöde, denn diesen Spuren muss jeder Leser auf seine Weise nachgehen.

Für mich sind “Christophs Helden” eine starke Spur. Der Regisseur des Horrorfilmprojekts nennt Dutzende von Vorbildern für seine Arbeit und die Ich-Figur Moritz schreibt sie alle brav mit:

Raúl Ernesto Ruiz Pino, Daniel Myrick und Eduardo Sánchez, Fred Kelemen, Ayten Mutlu Saray, Frank Oz, Milos Forman, Alejandro Jodorowssky und Alejandro Amenábar, Onno Nijmegen, Konrad Wolf, Kelly Reichardt, Christoph Schlingensief, Percy Adlon, Tsipi Reibenbach, Irene Lilienheim Angelico, Jesús Franco, Edgar Reitz, Bobo Speck, Alain Robbe-Grillet, Hito Steyerl, Harry Kümel, Margarethe von Trotta, H.-G. Clouzot, Robert Wiene, Natascha Toll, Maurice Tourneur, Roland Klick, Ariel Tuba, Claire Denis, Georges Franju, Warren Kiefer und Herbert Wise, Robert Hampton, Mimi Leder, Mario Bava, Rainer Werner Fassbinder, Anthony Daisies, Dario Argento und Asia Argento, Lucio Fulci, Ruggero Deodato, Narciso Ibáñes Serrador, Enrique L. Eguiluz, Amando De Ossorio, Choe-Gang Ai, Jorge Grau, und Martin Herbert [47 Namen, S. 63f.]

Dies ist ein wildes Gemisch aus Namen von Regisseuren und Künstlern. Wer von ihnen mag zu Roman Ehrlichs eigenen Helden gehören? Viele, aber bei weitem nicht alle, haben mit der Geschichte des Horrorfilms zu tun. Auch eine Reihe wichtiger deutscher Nachkriegsregisseure werden genannt: Konrad Wolf, Percy Adlon, Edgar Reitz, Margarete von Trotta, Roland Klick, Rainer Werner Fassbinder, alles beileibe keine Horrorfilmmacher.
Christoph Schlingensief Foto: APA (Roland Schlager)
Einige Namen fallen aus der reinen Filmwelt heraus: Christoph Schlingensief, Hito Steyerl und Martin Herbert. Die Arbeit von Schlingensief kommt Roman Ehrlichs Romanprojekt am nächsten. Wahrscheinlich kein Zufall, dass sein Regisseur Christoph heißt, Christoph Raub (!). Hito Steyerl ist auch als Theoretikerin interessant. Und im Falle von Martin Herbert bleibt es ungewiss, ob Ehrlich den Filmregisseur Alberto de Martino meint, der auch unter dem Namen Martin Herbert aufgetreten ist, oder den Kunsttheoretiker Martin Herbert, der einen Essayband zur Unschärferelation in der Kunst ("The Uncertainty Principle") veröffentlicht hat.Wir werden sehen...

Fünf Namen sind (meines Erachtens) fiktiv: Onno Nijmegen, Bobo Speck, Natascha Toll, Ariel Tuba, Choe-Gang Ai. Wer einen von ihnen in der realen Welt kennt, möge sich melden. Das Phänomen fiktiver Beispiele findet sich auch bei den im Roman besprochenen Filmen und Büchern. Ehrlich akzentuiert damit den Kunstcharakter seiner Romanwelt.


Soviel für heute.

Dienstag, 15. August 2017

Die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2017 ist da


Hier sind die zwanzig Titel der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Sechs davon sind noch nicht erschienen. Mein diesjähriger Favorit, Roman Ehrlichs „Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens“, ist nicht dabei. Das war in den letzten Jahren allerdings immer so: dass wirklich innovative und wagemutige Romane beim Buchpreis keine Chance haben:

Mirko Bonné, Lichter als der Tag

Gerhard Falkner, Romeo oder Julia (1. September)

Franzobel, Das Floß der Medusa

Monika Helfer, Schau mich an, wenn ich mit dir rede

Christoph Höhtker, Das Jahr der Frauen

Thomas Lehr, Schlafende Sonne (21. August)

Jonas Lüscher, Kraft

Robert Menasse, Die Hauptstadt

Birgit Müller-Wieland, Flugschnee

Jakob Nolte, Schreckliche Gewalten

Marion Poschmann, Die Kieferninseln (11. September)

Kerstin Preiwuß, Nach Onkalo

Sven Regener, Wiener Straße

Sasha Marianna Salzmann, Außer sich (11. September)

Ingo Schulze, Peter Holtz (7. September)

Michael Wildenhain, Das Singen der Sirenen (9. September)

Julia Wolf, Walter Nowak bleibt liegen

Christine Wunnicke, Katie

Feridun Zaimoglu, Evangelio

Gespannt bin ich auf Gerhard Falkners „Romeo oder Julia“ und auf Thomas Lehrs „Schlafende Sonne“.

Dienstag, 1. August 2017

Versuch über vier Fotos von August Sander - 1000 Klicks

Dieser Post wurde seit 2014 über tausend Mal aufgerufen. Das hat mich sehr gefreut, weil er mir irgendwie sehr am Herzen liegt:


Versuch über vier Fotos von August Sander


Roland Barthes' Gedanken über die Fotografie in „Die helle Kammer“ (1979) sind weder als Methodologie zur Analyse noch als Anleitung zur Verfertigung exzellenter Fotos gemeint. Ein wesentliches Element in ihnen ist die subjektive Bedeutung, die ein Bild für den Betrachter haben kann und die Feststellung, dass ein Foto letztendlich immer „platt“ ist, pure Oberfläche, die nicht über sich hinaus weist.

Die fünf Sätze  aus „Die helle Kammer“, die ich in meinem letzten Beitrag zitiert habe, sind nicht auf jedes Foto, auch nicht auf jedes „meisterhafte“ Foto anwendbar. Sie formulieren aber wesentliche Teile des Prozesses, der beim intensiven Betrachten eines Fotos im Betrachter in Gang kommt.

Das punctum, das Bestechende an einem Foto, für das Barthes einige Beispiele gibt, kann etwas so Auffälliges sein, dass es auf jeden Betrachter wirkt. Es kann aber auch ein zufälliges, „bescheidenes“ Element sein, das nur von Wenigen bemerkt wird oder völlig subjektiv ist. Und es kann in einem außerbildlichen Faktum oder in einem persönlichen Kontext liegen, den der individuelle Betrachter mit einem bestimmten Bild verbindet.

Bei den hunderten Fotos von August Sanders Projekt „Menschen des 20. Jahrhunderts“ (1925-1954) stellt der Betrachter sehr schnell fest, dass sie weitgehend einem stereotypen Schema folgen: Sander stellt Menschen, meist einzeln oder zu zweit, vor seine Kamera, sorgfältig ihrer Lebenswelt entsprechend gekleidet und in einem Interieur, das dazu passt, oft aber auch vor einem Hintergrund, der neutral ist und wenig oder keine ablenkende Elemente enthält. Die ganze Intensität geht von den fotografierten Personen aus, ihren Gesichtern, ihrer Körperhaltung, ihrer Kleidung. Es sind keine spontanen Fotos, Sander gab seinen Modellen Gelegenheit, sich in einer ihnen genehmen Pose zu präsentieren, auch wenn er natürlich nachgeholfen haben wird. Keines seiner Bilder ist verletzend oder erniedrigend für den Menschen. Er setzt die Menschen in ihr Recht, an ihren Ort, in ihre Zeit.
 
August Sander, Bürgerkind
Ein für Sander eher ungewöhnliches Beispiel für ein auffälliges punctum in dem Foto „Bürgerkind“ (1927) ist die neben dem Holzpferd aufgestellte, auf den ersten Blick beinahe lebensechte Puppe, die wie das Pferd in einer voranschreitenden Bewegung zu sein scheint. Puppe und Pferd stehen in einer verhältnismäßigen Größe zueinander. Das uns etwas maulig und uninteressiert anschauende Bürgerkind, das auf dem Holzpferd reitet, erscheint im Vergleich übergroß. Diese Übergröße ist das Geheimnis der Intensität dieses Fotos.

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Café Deutschland: die fünf meist besuchten Posts

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Vor allem freue ich mich, dass mein landeskundliches Konzept für den Fremdsprachenunterricht: "Erfinde einen Deutschen" mit über zehntausend Klicks an zweiter Stelle steht. Es wird offenbar in der Lehrerausbildung international immer noch oft benutzt.