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Samstag, 1. November 2014

Versuch über vier Fotos von August Sander



Roland Barthes' Gedanken über die Fotografie in „Die helle Kammer“ (1979) sind weder als Methodologie zur Analyse noch als Anleitung zur Verfertigung exzellenter Fotos gemeint. Ein wesentliches Element in ihnen ist die subjektive Bedeutung, die ein Bild für den Betrachter haben kann und die Feststellung, dass ein Foto letztendlich immer „platt“ ist, pure Oberfläche, die nicht über sich hinaus weist.


Die fünf Sätze  aus „Die helle Kammer“, die ich in meinem letzten Beitrag zitiert habe, sind nicht auf jedes Foto, auch nicht auf jedes „meisterhafte“ Foto anwendbar. Sie formulieren aber wesentliche Teile des Prozesses, der beim intensiven Betrachten eines Fotos im Betrachter in Gang kommt.


Das punctum, das Bestechende an einem Foto, für das Barthes einige Beispiele gibt, kann etwas so Auffälliges sein, dass es auf jeden Betrachter wirkt. Es kann aber auch ein zufälliges, „bescheidenes“ Element sein, das nur von Wenigen bemerkt wird oder völlig subjektiv ist. Und es kann in einem außerbildlichen Faktum oder in einem persönlichen Kontext liegen, den der individuelle Betrachter mit einem bestimmten Bild verbindet.


Bei den hunderten Fotos von August Sanders Projekt „Menschen des 20. Jahrhunderts“ (1925-1954) stellt der Betrachter sehr schnell fest, dass sie weitgehend einem stereotypen Schema folgen: Sander stellt Menschen, meist einzeln oder zu zweit, vor seine Kamera, sorgfältig ihrer Lebenswelt entsprechend gekleidet und in einem Interieur, das dazu passt, oft aber auch vor einem Hintergrund, der neutral ist und wenig oder keine ablenkende Elemente enthält. Die ganze Intensität geht von den fotografierten Personen aus, ihren Gesichtern, ihrer Körperhaltung, ihrer Kleidung. Es sind keine spontanen Fotos, Sander gab seinen Modellen Gelegenheit, sich in einer ihnen genehmen Pose zu präsentieren, auch wenn er natürlich nachgeholfen haben wird. Keines seiner Bilder ist verletzend oder erniedrigend für den Menschen. Er setzt die Menschen in ihr Recht, an ihren Ort, in ihre Zeit.
 
August Sander, Bürgerkind

Zum Weiterlesen bitte hier klicken:
Ein für Sander eher ungewöhnliches Beispiel für ein auffälliges punctum in dem Foto „Bürgerkind“ (1927) ist die neben dem Holzpferd aufgestellte, auf den ersten Blick beinahe lebensechte Puppe, die wie das Pferd in einer voranschreitenden Bewegung zu sein scheint. Puppe und Pferd stehen in einer verhältnismäßigen Größe zueinander. Das uns etwas maulig und uninteressiert anschauende Bürgerkind, das auf dem Holzpferd reitet, erscheint im Vergleich übergroß. Diese Übergröße ist das Geheimnis der Intensität dieses Fotos.
 
August Sander, Corpsstudent

Im Foto „Corpsstudent“ (1925) liegt das punctum, an dem das Auge des Betrachters schnell hängen bleibt, nicht in einem beigefügten Gegenstand, sondern in den frischen „Schmissen“ im Gesicht des noch sehr jungenhaften und dementsprechend auch „verletzt“ wirkenden Burschenschaftlers, der, wie damals noch üblich, einer ohne Gesichtsschutz „schlagenden Verbindung“ angehörte.  Die Verwundungen stehen im Kontrast zu seiner makellosen Prunkuniform. Mag sein, dass die quer übers Gesicht verlaufenden Säbelhiebe den heutigen Betrachter mehr entsetzen oder fassungslos machen als deutsche Menschen der zwanziger Jahre, aber die von ihnen ausgehende Intensität muss auch für die Zeitgenossen ganz offensichtlich gewesen sein.
 
August Sander, Bildhauerin

Auf dem Foto der „Bildhauerin“ (1929) ist auf den ersten Blick kein besonderes materielles Merkmal zu bemerken. Der Stuhl, auf dem sie sitzt, ist kaum zu sehen. Der Hintergrund ist eine unscharfe helle Wand, der rechte Bildrand besteht aus einem dunklen Streifen, eventuell ein Vorhang. All dies dient der lichtvollen Klarheit, mit der der Körpers der Künstlerin in den Vordergrund tritt. Für mich waren insbesondere die Hände das punctum. Sie liegen nicht im Schoß, sondern sind über die Knie vorgestreckt, parallel, leicht zum Betrachter hin geöffnet. Sie sind dem Betrachter am nächsten, wirken deshalb auch größer als sie wirklich sind. Sie sind das Wesentliche: die Bildhauerhände, Hände, die Bilder formen können.

Andere würden wahrscheinlich das Gesicht nennen, das, anders als bei den meisten Fotografien von Sander, den Betrachter nicht anschaut, sondern rechts oben an ihm vorbeiguckt, mit einem klaren und doch visionären Blick. Beide Elemente, Gesicht und Hände, haben die stärkste Ausstrahlung. Sie sind verbunden in dem, was ein Bildhauer tut: schauen und formen. Und der Fotograf Sander schaut und formt hier eine künstlerische Kollegin mit seinen Mitteln, dem Licht und der Perspektive.
 
August Sander, Soldat

Das für heutige Augen verstörendste Foto „Junger Soldat“ (1945) zeigt einen deutschen Wehrmachtssoldaten. Es wurde im Westerwald aufgenommen, wahrscheinlich in Kuchhausen, dem Wohnort Sanders ab 1944. Dem Betrachter in die Augen blickt ein gut aussehender, wohlgenährter, vollentspannter Soldat in Heeresuniform, den runden Wehrmachtshelm auf dem Kopf. Nichts in seinem Gesicht und an seiner Haltung weist auf den totalen Zusammenbruch Deutschlands und seiner Armeen im Frühjahr 1945, nichts auf die Situation im Westerwald mit den vorrückenden Amerikanern, nichts auf die von ihm und seinen Kameraden ausgehende Gewalt, auf die hunderte von V2-Raketen, die aus dem Westerwald in den Westen abgeschossen wurden, auf die Zerstörung und Zerstückelung von Körpern, auch in nächster Nähe dieses Soldaten. Er strahlt tiefsten, gewalttätigen, verständnislosen Frieden aus. Sein Körper ist bis zum breiten Uniformgürtel zu sehen. Das „Gott mit uns“ auf dem Koppelschloss ist deutlich lesbar. Der Hintergrund, ein unzerstörtes dörfliches Fachwerkhaus, verstärkt den Gesamteindruck.


Und doch: „In der Photographie lässt sich nicht leugnen, dass die Sache dagewesen ist. Hier gibt es eine Verbindung von zweierlei: aus Realität und Vergangenheit“ (Roland Barthes). Dieser Soldat ist so dagewesen, und dennoch zeigt das Bild eine Lüge. Auch die Lüge ist dagewesen. Möglich, dass Sander genau das gemeint hat.


Diese Betrachtungen zum Foto „Junger Soldat“ habe ich gestern geschrieben. Die Datierung auf 1945 hatte ich der Website des Metropolitan Museum of Art entnommen. Das Bild steht dort mit dem Text „Junger Soldat, Westerwald, ca. 1945“ in  „The Collection Online“. Viele Besucher des Museums und der Website werden ähnlich fassungslos vor diesem Foto mit seinem Entstehungsjahr gestanden haben wie ich. Manche Blogs berichten davon.


Heute fiel mir auf, dass die weitaus häufigere Datierung des Bildes im Internet das Jahr 1940 ist. Auch in der bisher umfangreichsten und sorgfältigsten Edition des Projekts „Menschen im 20. Jahrhundert“ in sieben Bänden (München/Paris/London 2002) wird der Soldat auf ca.1940 datiert. Eine Problematisierung dieser unterschiedlichen Datierungen habe ich bisher nicht gefunden.


Die meisten Abbildungen Sanders von Soldaten des Zweiten Weltkriegs sollen in seinem Kölner Atelier entstanden sein. Ab ca. 1942 begann er sein Archiv in das kleine Dorf Kuchenheim im Westerwald zu verlagern. 1944 ging der große Rest bei den Luftangriffen auf Köln verloren und Sander zog ganz nach Kuchenheim.


Das Foto des Soldaten ist eindeutig im Westerwald aufgenommen, eventuell sogar vor seinem dortigen Wohnhaus. Ich nehme an, dass diese Elemente des Fotos zur Datierung des Metropolitan auf 1945 geführt haben. Da Sander jedoch nicht erst ab Ende 1944, sondern schon vorher bei verschiedenen Gelegenheiten im Westerwald war, ist sie nicht schlüssig zu nennen.


Was bedeutet das nun für meine Betrachtungen von gestern, die in der "Lüge!" gipfelten? Sind sie damit hinfällig geworden?

Nein, was mich betrifft, nicht. Mein punctum bleibt.

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