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Freitag, 9. Oktober 2015

Goethes Gazebo - Die Mooshütte aus den Wahlverwandtschaften


Wie der Zufall so will: Bei der nächsten Zusammenkunft des deutschen Lesecafés in der Groninger Buchhandlung Godert Walter besprechen wir Goethes "Wahlverwandtschaften" (16. November, 20:00 Uhr). Diesen Roman haben wir nicht etwa dem niederländischen Publikum oktroyiert, sondern er ist als Favorit aus einer Abstimmung hervorgegangen: Kultur pur, hier im Norden.
 
Und dort, bei Goethe, spielt gleich zu Anfang ein Gartenhäuschen eine Rolle, kein angloamerikanisches Gazebo natürlich, mit dem ich mich gestern beschäftigt habe, sondern eine romantisch-deutsche „Mooshütte“. Als ich den Roman gestern zur Vorbereitung aufschlug, dachte ich: Das kann kein Zufall sein. Goethe will mir über zweihundert Jahre hinweg ein Zeichen geben, wie ich mit meinen aktuellen Gartengestaltungsproblemen umgehen sollte:


Eduard – so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter – Eduard hatte in seiner Baumschule die schönste Stunde eines Aprilnachmittags zugebracht, um frisch erhaltene Pfropfreiser auf junge Stämme zu bringen.

Sein Geschäft war eben vollendet; er legte die Gerätschaften in das Futteral zusammen und betrachtete seine Arbeit mit Vergnügen, als der Gärtner hinzutrat und sich an dem teilnehmenden Fleiße des Herrn ergetzte.

»Hast du meine Frau nicht gesehen?« fragte Eduard, indem er sich weiterzugehen anschickte.

»Drüben in den neuen Anlagen«, versetzte der Gärtner.

»Die Mooshütte wird heute fertig, die sie an der Felswand, dem Schlosse gegenüber, gebaut hat.

Alles ist recht schön geworden und muss Euer Gnaden gefallen.

Man hat einen vortrefflichen Anblick: unten das Dorf, ein wenig rechter Hand die Kirche, über deren Turmspitze man fast hinwegsieht, gegenüber das Schloss und die Gärten«.

»Ganz recht«, versetzte Eduard; »einige Schritte von hier konnte ich die Leute arbeiten sehen«.

»Dann«, fuhr der Gärtner fort, »öffnet sich rechts das Tal, und man sieht über die reichen Baumwiesen in eine heitere Ferne.

Der Stieg die Felsen hinauf ist gar hübsch angelegt.

Die gnädige Frau versteht es; man arbeitet unter ihr mit Vergnügen«.

»Geh zu ihr«, sagte Eduard, »und ersuche sie, auf mich zu warten.

Sage ihr, ich wünsche die neue Schöpfung zu sehen und mich daran zu erfreuen«.

Der Gärtner entfernte sich eilig, und Eduard folgte bald.

Dieser stieg nun die Terrassen hinunter, musterte im Vorbeigehen Gewächshäuser und Treibebeete, bis er ans Wasser, dann über einen Steg an den Ort kam, wo sich der Pfad nach den neuen Anlagen in zwei Arme teilte.

Den einen, der über den Kirchhof ziemlich gerade nach der Felswand hinging, ließ er liegen, um den andern einzuschlagen, der sich links etwas weiter durch anmutiges Gebüsch sachte hinaufwand; da, wo beide zusammentrafen, setzte er sich für einen Augenblick auf einer wohlangebrachten Bank nieder, betrat sodann den eigentlichen Stieg und sah sich durch allerlei Treppen und Absätze auf dem schmalen, bald mehr bald weniger steilen Wege endlich zur Mooshütte geleitet.

An der Türe empfing Charlotte ihren Gemahl und ließ ihn dergestalt niedersitzen, dass er durch Tür und Fenster die verschiedenen Bilder, welche die Landschaft gleichsam im Rahmen zeigten, auf einen Blick übersehen konnte.

Er freute sich daran in Hoffnung, dass der Frühling bald alles noch reichlicher beleben würde.

»Nur eines habe ich zu erinnern«, setzte er hinzu, »die Hütte scheint mir etwas zu eng«.

»Für uns beide doch geräumig genug«, versetzte Charlotte.

»Nun freilich«, sagte Eduard, »für einen Dritten ist auch wohl noch Platz«.

»Warum nicht?« versetzte Charlotte, »und auch für ein Viertes.

Für größere Gesellschaft wollen wir schon andere Stellen bereiten«.

»Da wir denn ungestört hier allein sind«, sagte Eduard, »und ganz ruhigen, heiteren Sinnes, so muss ich dir gestehen, dass ich schon einige Zeit etwas auf dem Herzen habe, was ich dir vertrauen muss und möchte, und nicht dazu kommen kann«.


Johann Wolfgang von Goethe, Die Wahlverwandtschaften (1809), Anfang des ersten Kapitels
 
Die Mooshütte im Belvedere-Park in Weimar
Nun ähnelt meine Gartenlandschaft weder in ihrer Ausdehnung noch im Profil der des reichen Barons Eduard, aber die Situierung der Mooshütte „an der Felswand, dem Schlosse gegenüber“, entspricht doch ganz genau auch meinen Vorstellungen von meinem Gartenhäuschen an der Betonwand, dem Hause gegenüber.

Ich lese weiter und lasse mich anregen.

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