Cookie

Donnerstag, 11. Juni 2026

Borschtschschweiß

Ich kam gestern von einer mehrtägigen Reise nach Dordrecht zurück. Das niederländische Wetter hat sich an diesem Tag von seiner vielfältigsten Weise gezeigt: Schon auf dem Weg zum Wasserbus (!) für die Rückreise wurden wir, die wir gerade noch in einer herrlichen Sonnenwolkenlandschaft gesessen hatten, von einer gnadenlos ungestümen Regen-Hagel-Böe überfallen und mussten klatschnass aufs Boot gehen. In Utrecht schienen dann die gesamten Bahnverbindungen durch Blitz und Donner ausgeschaltet zu sein, aber ein gut informierter Mitarbeiter verriet uns eine Geheimverbindung nach Groningen, die wirklich funktionierte.

Erschöpft zuhause angekommen, machte ich mir eine Suppe von der niederländischen “Kleinste Soepfabriek“, von der ich immer ein Dutzend im Haus habe. Diesmal wurde es die „Oekraïense Borscht“: herrlich!

Ich neige dazu, die Suppen ein wenig nachzuwürzen und kam beim zweiten Teller ins Schwitzen. Auch fiel mir beim Löffeln auf, dass im Niederländischen das Wort „Borschtsch“ ohne das zweite „sch“ auskommt. Deutsch ist ja immer etwas komplizierter! Solch eine Häufung von Konsonanten hintereinander in einem Wort (8!) ist aber schon höchst ungewöhnlich. Mehr schien es bis gestern auch nicht zu geben.

Bis mich mein Schweißausbruch auf das neue Wort brachte, das ich hiermit zum Buch der Rekorde anmelden möchte:

Borschtschschweiß

Zwölf Konsonanten hintereinander! Welche andere Sprache hat diese Möglichkeiten in Wortbildung und Rechtschreibung? 

Der ganze Vorgang half mir bei der Erholung, Sättigung und dem inneren Vergnügen für den Rest des Abends, auch wenn er offenbar ein Zeichen der Erschöpfung war.

Für heute ist noch ein Teller über.

Montag, 1. Juni 2026

Sebastian Haffners „Abschied“ als Kontrapunkt zu Vicki Baums „Menschen im Hotel“

Erst nach meiner Besprechung von Sebastian Haffners autobiographischem Roman „Abschied“ vorletzte Woche im Deutschen Lesecafé ist mir aufgefallen, dass es verblüffende Ähnlichkeiten mit Vicki Baums 1929 veröffentlichten Roman „Menschen im Hotel“ gibt. Jetzt weiß ich: Es sind nicht nur zwei ähnliche Romane, sondern Haffner hat seinen „Abschied“ als bewusstes Gegenstück zu Vicki Baums Erfolgsroman geschrieben. Wäre er 1932/33 veröffentlicht worden, hätte Berlin noch eine muntere Literaturdebatte erlebt, bevor die Verbote der Nazis die moderne Kultur erstickten.

Aus uns unbekannten Gründen hat Haffner das Manuskript aber zeitlebens in der Schublade gelassen. Die posthumeVeröffentlichung im Jahr 2025 geschieht weit jenseits des damaligen literarischen und politischen Kontextes und wird außer ein paar freundlichen Rezensionen nichts bewirken.

Nach der Lektüre von Vicki Baums Roman bin ich überzeugt, dass Haffner (ich nenne ihn im Folgenden mit seinem damaligen Namen Raimund Pretzel) seinen Roman als bewusst komponierten „Counter Point“ dazu geschrieben hat. Die Anregung hatte er von der Lektüre von Aldous Huxleys Roman „Point Counter Point“ (1928), den er gleich am Anfang von „Abschied“ eine wichtige Rolle spielen lässt.

Viele auffallende strukturelle Parallelen und Ähnlichkeiten zwischen „Abschied“ und “Menschen im Hotel“ sprechen für diese Annahme: die Grundstruktur mit einer Handvoll Hauptfiguren im Hotel, mit einer immer hektischer werdenden und von mehreren Uhren umtickten Zeit, die Einbettung in das Leben der Großstadt der zwanziger Jahre und das Bemühen mehrerer Männer um ein- und dieselbe junge Frau. Aber innerhalb dieser Grundstruktur erzählt Pretzel dann eine sehr akzentuiert andere Geschichte.

Man darf ohne weiteres davon ausgehen, dass er den Roman „Menschen im Hotel“ kannte und wahrscheinlich auch das davon abgeleitete Theaterstück, das am 30.1.1930 uraufgeführt wurde. Er nahm in seinen Zwanzigern zusammen mit seiner Geliebten Teddy intensiv am Berliner Kulturleben teil.

In welchem Maße er auch einen Widerstand und eine ästhetische Abkehr zur kolportagenhaften Anlage des Vicky-Baum-Romans entwickelt hat, können wir nicht wissen. Es gibt damals und später keine persönlichen Mitteilungen von ihm dazu. Die Existenz des Manuskripts allein ist aber ein Indiz dafür, dass es diesen Widerstand gegeben hat und dass er ihn nachhaltig zum Ausdruck bringen wollte.

Vicki Baums Roman war ja trotz des Riesenerfolgs nicht unumstritten. Er ist von Teilen der Kritik als ordinäres, überdrehtes sexuelles Karussel empfunden worden. Der junge Pretzel mit seiner Vorliebe für gehobene Literatur könnte seine Mühe damit gehabt haben, auch zumal er gerade mit seinen ersten eigenen seriösen Versuchen beschäftigt war. In Interviews aus späteren Lebensphasen machte Haffner deutlich, dass er am liebsten Schriftsteller geworden wäre, und zwar ein bedeutender. Das Konzept zu „Abschied“ gab ihm Gelegenheit, in der Auseinandersetzung mit einem Publikumsliebling eigene Wege zu gehen und zu präsentieren. Vielleicht hat nach Teddys endgültigem Weggang eine neue Liebe ihn 1933 daran gehindert, den Roman zu veröffentlichen.

Es ist geradezu verblüffend, in wie vielen Details Pretzel seine Kontrapunkte setzt. Das zu besprechen, sprengt die Grenzen eines Blogposts. Aber ein paar Beispiele werde ich demnächst noch bringen.

„Menschen im Hotel“ ist noch lieferbar: KiWi-Verlag, 18. Auflage 2007, 318 Seiten, 14 €