Erst nach meiner Besprechung von Sebastian Haffners autobiographischem Roman „Abschied“ vorletzte Woche im Deutschen Lesecafé ist mir aufgefallen, dass es verblüffende Ähnlichkeiten mit Vicki Baums 1929 veröffentlichten Roman „Menschen im Hotel“ gibt. Jetzt weiß ich: Es sind nicht nur zwei ähnliche Romane, sondern Haffner hat seinen „Abschied“ als bewusstes Gegenstück zu Vicki Baums Erfolgsroman geschrieben. Wäre er 1932/33 veröffentlicht worden, hätte Berlin noch eine muntere Literaturdebatte erlebt, bevor die Verbote der Nazis die moderne Kultur erstickten.
Aus uns unbekannten Gründen hat Haffner das Manuskript aber zeitlebens in der Schublade gelassen. Die posthumeVeröffentlichung im Jahr 2025 geschieht weit jenseits des damaligen literarischen und politischen Kontextes und wird außer ein paar freundlichen Rezensionen nichts bewirken.Nach der Lektüre von Vicki Baums Roman bin ich überzeugt, dass Haffner (ich nenne ihn im Folgenden mit seinem damaligen Namen Raimund Pretzel) seinen Roman als bewusst komponierten „Counter Point“ dazu geschrieben hat. Die Anregung hatte er von der Lektüre von Aldous Huxleys Roman „Point Counter Point“ (1928), den er gleich am Anfang von „Abschied“ eine wichtige Rolle spielen lässt.
Viele auffallende strukturelle Parallelen und Ähnlichkeiten zwischen „Abschied“ und “Menschen im Hotel“ sprechen für diese Annahme: die Grundstruktur mit einer Handvoll Hauptfiguren im Hotel, mit einer immer hektischer werdenden und von mehreren Uhren umtickten Zeit, die Einbettung in das Leben der Großstadt der zwanziger Jahre und das Bemühen mehrerer Männer um ein- und dieselbe junge Frau. Aber innerhalb dieser Grundstruktur erzählt Pretzel dann eine sehr akzentuiert andere Geschichte.
Man darf ohne weiteres davon ausgehen, dass er den Roman „Menschen im Hotel“ kannte und wahrscheinlich auch das davon abgeleitete Theaterstück, das am 30.1.1930 uraufgeführt wurde. Er nahm in seinen Zwanzigern zusammen mit seiner Geliebten Teddy intensiv am Berliner Kulturleben teil.
In welchem Maße er auch einen Widerstand und eine ästhetische Abkehr zur kolportagenhaften Anlage des Vicky-Baum-Romans entwickelt hat, können wir nicht wissen. Es gibt damals und später keine persönlichen Mitteilungen von ihm dazu. Die Existenz des Manuskripts allein ist aber ein Indiz dafür, dass es diesen Widerstand gegeben hat und dass er ihn nachhaltig zum Ausdruck bringen wollte.
Vicki Baums Roman war ja trotz des Riesenerfolgs nicht unumstritten. Er ist von Teilen der Kritik als ordinäres, überdrehtes sexuelles Karussel empfunden worden. Der junge Pretzel mit seiner Vorliebe für gehobene Literatur könnte seine Mühe damit gehabt haben, auch zumal er gerade mit seinen ersten eigenen seriösen Versuchen beschäftigt war. In Interviews aus späteren Lebensphasen machte Haffner deutlich, dass er am liebsten Schriftsteller geworden wäre, und zwar ein bedeutender. Das Konzept zu „Abschied“ gab ihm Gelegenheit, in der Auseinandersetzung mit einem Publikumsliebling eigene Wege zu gehen und zu präsentieren. Vielleicht hat nach Teddys endgültigem Weggang eine neue Liebe ihn 1933 daran gehindert, den Roman zu veröffentlichen.
Es ist geradezu verblüffend, in wie vielen Details Pretzel seine Kontrapunkte setzt. Das zu besprechen, sprengt die Grenzen eines Blogposts. Aber ein paar Beispiele werde ich demnächst noch bringen.
