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Sonntag, 19. Oktober 2014

Warum ziehen der Mond und der Mann – Kleine Überraschung in Lutz Seilers „Kruso“



Der Roman „Kruso“ von Lutz Seiler erreicht seinen ersten Höhepunkt in einem der Kapitel, in denen der Restaurantbetrieb „Zum Klausner“ auf der Insel Hiddensee (DDR, im Sommer 1989) beschrieben wird. Der Leser erfährt dies aus der Perspektive der Küche, des Abwaschbeckens, des Tresens und der vollbesetzten Terrasse, wo die Köche, Kellner und Geschirrspüler in der feuchten Hitze dem Andrang kaum standhalten können.

Seiler beschreibt in wachsender Intensität die Steigerung des Betriebs zwischen 12 und 14 Uhr. Im Trubel der absoluten Stoßzeit beginnt die noch sehr geheimnisvolle Figur Kruso ein Gedicht zu rezitieren. Ed, der neue Geschirrspüler und Erzähler, versteht zunächst „nur einzelne Worte, die sich wiederholen, es waren die Worte ´Mann´ und ´Meer´.“

Kruso fährt fort: „Am Hochried vorbei, am Niedermoor vorbei, zieht das Boot nach dem Meer.“ In der Küche wird es still, dann fallen die beiden (übrigens in Literatur und Soziologie promovierten) Kellner ein: „Am Hochried vorbei, am Niedermoor vorbei, zieht das Boot nach dem Meer. Zieht mit dem ziehenden Mond das Boot nach dem Meer…“, und die Frau hinter der Theke „mit ihrer dunklen, wunderbar singenden Stimme: ´So sind sie Gefährten zum Meer, das Boot, der Mond und der Mann…“. Der Koch und sein Gehilfe schließen den Reigen: „Warum ziehen der Mond und der Mann zu zweit so bereit nach dem Meer, so bereit nach dem Meer!“

Chris, der dritte Kellner, „brüllte ´So bereit nach dem Meer!´ und umarmte Kruso, der dabei nahezu unbewegt blieb, was nicht eigentlich abweisend oder unnatürlich wirkte. Es entsprach nur der Würde des Gedichts, das sie gemeinsam vorgetragen, offensichtlich eine Art Hymne des Klausners, ´unser Heiliges´, wie Kruso später noch öfter erklärte“ (S. 96f.).

Diese surreal wirkende Szene lässt im Kontext des aus merkwürdigen festlandfernen Figuren zusammengesetzten Personals, das sich als Mannschaft eines Schiffes versteht, das am Rande der DDR und am Rande der Zeit (1989!) ankert, durchaus ihren Sinn erahnen. Aber so weit bin ich noch nicht in dem Buch.

Paul van Ostaijen
Vorläufig bleibt die Überraschung der Kapitelüberschrift auf Seite 91: „Warum ziehen der Mond und der Mann“ – was soll das hier, dachte ich – und die Freude, dass die deutsche Übersetzung von Paul van Ostaijens „Melopee“ nun bei hunderttausend deutschen Lesern (das ist das Minimum beim Buchpreis!) bekannt wird.

Nachbemerkung: Der Rezensent des ORF findet, dass die Szene etwas Musicalhaftes hat. Vielleicht hat er wie ich an den magischen Song „Everything is Food“ aus Robert Altmans Film „Popeye“ (1980) gedacht, den ich aus diesem Anlass hier endlich einmal zeigen kann:


Kommentare:

  1. Das ist ja ein wunderbares Gedicht! Ist es in (vollständiger) deutscher Übersetzung in irgendeiner Sammlung erhältlich?

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  2. Ja, in Paul van Ostaijen, Poesie, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1966.
    Im übrigen siehe den Beitrag zum deutschen Text , den ich heute in mein Blog gesetzt habe.

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  3. da kommt richtig Freude auf, wenn man beim lesen die Frage zu beantworten versucht, was das denn für ein Gedicht ist. Es kam mir irgendwo schon bekannt vor. Zu danken habe ich auf jedenfall für den link zum Popeye. So eine Bereicherung. Vielen Dank!

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