Cookie

Samstag, 7. September 2013

Sei mir gegrüßt, mein Sauerkraut!


Emigrierte Deutsche, die gelegentlich in ihr Heimatland zurückkehren, verhalten sich oft dem Klischee entsprechend, das man sich von ihnen im Ausland macht. Hier ein Beispiel, die Essgewohnheiten betreffend:



Der Tisch war gedeckt. Hier fand ich ganz

Die altgermanische Küche.

Sei mir gegrüßt, mein Sauerkraut,

Holdselig sind deine Gerüche!
Gestovte Kastanien im grünen Kohl!

So aß ich sie einst bei der Mutter!

Ihr heimischen Stockfische, seid mir gegrüßt!

Wie schwimmt ihr klug in der Butter!
Jedwedem fühlenden Herzen bleibt

Das Vaterland ewig teuer –

Ich liebe auch recht braun geschmort

Die Bücklinge und Eier.
Wie jauchzten die Würste im spritzelnden Fett!

Die Krammetsvögel, die frommen

Gebratenen Englein mit Apfelmus,

Sie zwitscherten mir: »Willkommen!«
»Willkommen, Landsmann« – zwitscherten sie –,

»Bist lange ausgeblieben,

Hast dich mit fremdem Gevögel so lang

In der Fremde herumgetrieben!«
Es stand auf dem Tische eine Gans,

Ein stilles, gemütliches Wesen.

Sie hat vielleicht mich einst geliebt,

Als wir beide noch jung gewesen.
Sie blickte mich an so bedeutungsvoll,

So innig, so treu, so wehe!

Besaß eine schöne Seele gewiß,

Doch war das Fleisch sehr zähe.
Auch einen Schweinskopf trug man auf

In einer zinnernen Schüssel;

Noch immer schmückt man den Schweinen bei uns

Mit Lorbeerblättern den Rüssel.

Heinrich Heine, Deutschland, ein Wintermärchen, 9. Kapitel

Freitag, 6. September 2013

Bedürfnisanstalt


Beim Googeln für meinen letzten Beitrag bin ich auf ein Wort gestoßen, das meiner Meinung nach vom Aussterben bedroht ist: „Bedürfnisanstalt“. (Auf Niederländisch heißt das einfach „openbaar toilet“.) 



Für moderne Ohren hat es einen merkwürdigen Klang. Der Begriff dürfte aus dem 19. Jahrhundert stammen, in dem allerlei öffentliche Orte für ganz verschiedene menschliche Handlungen und Bedürfnisse als „Anstalt“ bezeichnet wurden. Es handelt sich um einen juristischen Begriff, der die „Zusammenfassung personeller und sachlicher Mittel“ ausdrückt.

Auf flickr habe ich dann diese wunderbare Fotosammlung Berliner Bedürfnisanstalten gefunden.

Das Klo als Kunstort - die Hundertwassertoilette

In Kawakawa in Neuseeland gibt es eine öffentliche Toilette, die von dem österreichischen Künstler Friedensreich Hundertwasser (1928-2000) gestaltet wurde. Hundertwasser lebte von 1973-2000 in Kawakawa. Die Toilette wurde 1999 eröffnet.


Dienstag, 3. September 2013

Der sympathischste Roman der Saison - Monika Zeiner, “Die Ordnung der Sterne über Como”

Den Anfang der Zugfahrt von Groningen nach Berlin, die öde Strecke bis Leer mit den unablässigen zweisprachigen Ortsansagen der Arriva-Bahn, noch nie habe ich ihn so angenehm, so unberührt von der Außenwelt erlebt wie während des Lesens der ersten hundert Seiten von Monika Zeiners Debütroman “Die Ordnung der Sterne über Como”.

Und es ging weiter so im Zug nach Bremen und Berlin, die zweiten und dritten hundert Seiten. In Hamburg hätte ich beinahe verpasst, dass der ICE auf ein anderes Gleis verlegt worden war. Ein Hochgeschwindigkeitsroman, der die Zeit stillstehen lässt. “Es ist, als ob du einen ICE nimmst und für einen Moment neben die Gleise stellst” (108): Was der Protagonist mit diesem seltsamen, aber ulkigerweise zu meiner Lesesituation passenden Vergleich über die Musik sagt, gilt auch für den Roman selber, er realisiert sich wie eine musikalische Komposition entlang eines Zeitpfeils und ist doch als statisch zeitloses Ganzes vorstellbar. In Berlin taumelte ich seelig in die S-Bahn.
Welch ein schöner Roman! Zwei Freunde, drei Frauen. Freundschaft, Liebe, Tod und Musik, immer wieder Musik. Meisterhaft erzählte Musik, Neue Musik, Barjazz und italienische Schnulzen, Dalidas “I found my love in Portocino”; Berlin Prenzlauer Berg mit Abstechern ins Dahlemer Villenmilieu und, vor allem, Italien: Genua, Neapel! Ein deutscher Italien-Roman, einer mehr, und er bedient treffsicher die alte deutsche Sehnsucht.

Dazu muss man wissen, dass Monika Zeiner bisher nicht Schriftstellerin war, sondern als Sängerin der Band “marinafon” in Berlin italienische Feel-Good-Musik gemacht hat. Ein großes Publikum hat sie damit nicht gefunden, obwohl die Musik sehr schön ist. Ihre Lesungen – sie hat es immerhin auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis geschafft – werden jetzt immer mit Gesangseinlagen garniert. Und so halten wir es bei dieser Präsentation in Café Deutschland auch.

Da setzt sich also eine vierzigjährige Frau hin, die außer ihrer Dissertation über Melancholie im sizilianischen Mittelalter noch kein Buch veröffentlicht hat, und schreibt wie eine junge Göttin.
Sie hat eine Vorliebe für kecke Vergleiche, ähnlich wie bei Juli Zeh. Manche machen den Leser etwas fassungslos, aber doch: sie dienen dem Text:

“Sie saßen um diesen runden Tisch wie die Abdrücke dreier Amphibien in einem Stein.”(71)

“Lutz Wegener blickte ihn interessiert an, wie man in ein Terrarium im zoologischen Garten hineinschaut, wo sich bei den Spinnen, Fröschen und Salamandern eigenartige Dinge ereignen.” (72)

 “Es tue ihr leid, flüsterte sie, dann lächelte sie, ihre Mundwinkel hüpften, wie das Zucken von Insektenbeinen.” (125)

“Tom .. sah auf den Asphalt hinab, auf dem der frische Schnee lag wie ein durchsichtiger Damenstrumpf.” (167)
Leider, leider, leider hielten die zweiten dreihundert Seiten nicht, was die ersten in meinen Sentimentalitätsabgründen so alles losgemacht hatten. Jedenfalls wollten sich die Gefühlsseligkeiten der Hinfahrt auf der Rückfahrt nach Groningen nicht wieder einstellen. Ernüchtert musste ich konstatieren, dass der Roman schlichtweg mindestens 200 Seiten zu dick ist und seine Perlen schon am Anfang zu freigiebig verstreut hat. Am Ende der Fahrt litt ich qualvoll unter den Arriva-Ansagen: “Als u met een ov-chipkaart reist, vergeet dan niet om uit te checken!” Dus heb ik maar uitgecheckt.

Bitte schön: Monika Zeiner!

Montag, 2. September 2013

The very short list zum Deutschen Buchpreis 2013

Während die deutschen Rezensenten sich noch an der Longlist mit den zwanzig Titeln abarbeiten und wir auf die Shortlist mit sechs Titeln warten, die am 11. September veröffentlicht wird, bietet Café Deutschland bereits eine very short list mit nur vier Titeln an.

Aus diesen vier Titeln wird garantiert der Preisträger für den Deutschen Buchpreis 2013 hervorgehen:

-          Ralph Dutli, Soutines letzte Fahrt

-          Daniel Kehlmann, F

-          Clemens Meyer, Im Stein

-          Reinhard Jirgl, Nichts von euch auf Erden

Mein Geheimtipp
Meine Kriterien dafür brauche ich nicht weiter zu umschreiben. Sie liegen auf der Hand. Die anderen sechzehn Romane haben einfach nicht das Format und Gewicht dieser vier.

Mein Geheimtipp für den Sieger ist der Debütroman des Schweizer Autors Ralph Dutli, “Soutines letzte Fahrt”.
 
Dass Reinhard Jirgls “Nichts von euch auf Erden” mein persönlicher Favorit ist, habe ich schon in verschiedenen Beiträgen erwähnt. Außerdem möchte ich noch auf den für mich sympathischsten Roman der Saison hinweisen: Das ist Monika Zeiners “Die Ordnung der Sterne über Como”. Dazu folgt ein eigener Beitrag.