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Mittwoch, 17. August 2022

Nietzsche (30): Ist Nietzsche nur ein schäbiger Plagiator?


Kurz vor dem Bau der Mauer tauchten 1961 zwei Italiener aus Lucca in Weimar auf und wollten im Nietzsche-Archiv arbeiten. Ziel der Aktion: eine neue Nietzsche-Gesamtausgabe einschließlich der im Nachlass verborgenen Texte. Dabei gab es das Nietzsche-Archiv sozusagen offiziell gar nicht: Nietzsche war in der DDR von Anfang bis Ende verpönt. 

 

Alles an dieser Geschichte ist unwahrscheinlich, aber sie ist in all ihrer vielgliedrigen Exotik wahr geworden: Die Gesamtausgabe von Giorgio Colli und Mazzino Montinari wurde Wirklichkeit und ist jedem Nietzsche-Interessierten seit 1980 sogar für wenig Geld in einer Taschenbuchausgabe zugänglich; Mazzino Montinari lebte zehn Jahre in Weimar, transkribierte Tag für Tag für Tag die fast unleserlichen Nietzsche-Manuskripte, wurde ein geachteter Bürger der Stadt, liebte und heiratete eine DDR-Deutsche und hatte mit ihr viele Kinder. Die Familie erhielt 1970 eine Ausreisegenehmigung und ließ sich in der Nähe von Florenz nieder.

 

         Mazzino und Sigrid Montinari mit ihren Kindern

Gut, es hat natürlich geholfen, dass er Kommunist war und den DDR-Funktionären schöne Kontakte nach Italien vermitteln konnte. Leider starb Montinari schon mit 58 an einem Herzinfarkt beim Aufräumen seiner Bibliothek. Muss man wohl nicht machen. Aber alles in allem ist dies eine unglaubliche Geschichte, die der Potsdamer Kulturwissenschaftler Philipp Felsch in einem philologisch-politischen Spannungsbogen verarbeitet und mit einem passenden Titel versehen hat: „Wie Nietzsche aus der Kälte kam“ (München 2022, 287 S., 26 €).

 

Eine Sache hat mich besonders interessiert, ja geradezu aufgeregt: Philipp Felsch nennt eines seiner Kapitel „Nietzsches schmutziges Geheimnis“ (S. 175-178). Montinari fällt im Laufe der Jahre sowohl in Nietzsches veröffentlichten als auch in den unveröffentlichten Texten eine große Zahl nicht kenntlich gemachter Zitate auf. Er berichtet darüber seinem Freund in Italien: „Nietzsches Anleihen bei Büchern, die er las, übertreffen alle Vorhersagen.“ War Nietzsche etwa ein Plagiator? Diese Feststellung wird auch von anderen Seiten unterstützt: zwei französische Philosophen wiesen 1971 nach, „dass Nietzsche seine Thesen zum figurativen Charakter der Sprache bis in die Formulierungen hinein den Werken längst vergessener zeitgenössischer Sprachwissenschaftler entlehnt hat“ (S. 185).

 

Es gibt also allen Anlass zu Bedenklichkeit, sollte man meinen. Felsch geht auf sein hartes Urteil in seiner Überschrift allerdings nicht weiter ein; er lässt es so stehen, beharrt auf dem „schmutzigen“ Geheimnis. Das ist das Einzige, was ich ihm in diesem Buch übel anrechne, denn so geht das nicht.

 

Ich habe in meinem Beitrag Nietzsche (18) vom 26. November 2020 auch festgestellt, dass Nietzsche nicht zur Kenntlichmachung von Zitaten neigt: „Er selbst sieht sich nicht in der Tradition der Romantik, sondern als originellen, schöpferischen Denker. Deshalb trifft man bei ihm auch selten die philologische Tugend, die Entwicklung seines Denkens mit Zitaten von Vorgängern zu belegen.“ Nun muss ich zugeben, dass ich erst bei Felsch vom Ausmaß dieser Anleihen erfahren habe. 


Die Franzosen der siebziger Jahre haben der Intertextualität, dem „Tod des Autors“ und der „Geburt des Lesers“ (Roland Barthes) gehuldigt. Sie standen hierin auf ihre Weise Nietzsche sehr nahe, der die romantische Universalpoesie auf eine neue Ebene bringen wollte. Niemand hat ein Recht, Nietzsche jetzt als Plagiator mit einem schmutzigen Geheimnis zu verunglimpfen. "Lernt mich gut lesen", hat Nietzsche geschrieben. Felsch hat es offenbar nicht gelernt.

 

In meinem Beitrag (20) „Textperspektiven bei Nietzsche – ein kleines Experiment“ vom 1. Juni 2021 habe ich versucht zu erklären, worum es hierbei geht: Es ist Nietzsches Methode des Perspektivismus, und das ist beileibe kein Betrug, sondern eine grundsätzlich neue Art zu schreiben.

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