Der Flaneur nach Auschwitz
Cees Nooteboom und Armando in Berlin
Peter Groenewold, Rijksuniversiteit Groningen
Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen, und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradies her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.[1]
Walter Benjamin, Geschichtsphilosophische Thesen (1940)
1. Nooteboom läuft
Auf der allerletzten Seite von Cees Nootebooms Roman Allerzielen (1998), die mancher Leser vielleicht gar nicht entdeckt, da er mit einer gewissen Berechtigung der Meinung ist, der Roman sei bereits zuende - findet sich ein Zitat des italienischen Autors Roberto Calasso aus dessen literarisch-geschichtsphilosophischer Reflektion der Moderne De ondergang van Kasj. Das Zitat enthält eine Kritik an der modernen Geschichtswissenschaft. Es lautet: “Met haar honger naar de meest irrelevante details, haar vermogen hele planken documenten te verslinden die op het punt stonden tot stof te vergaan, kruisverhoren die misschien nooit door iemand waren gelezen, niets eens door de griffier die ze eigenhandig had geschreven, is de geschiedschrijving de laatste decennia voortgegaan, al spiegelde ze zichzelf wat haar motieven betreft maar wat voor: hele horden onderzoekers meenden de waarheid dichter te benaderen door stapels papier door te werken – of meenden zelfs wetenschappelijk bezig te zijn door cijfers en tabellen te verklaren. Hoe verwoeder ze de nuchtere gegevens echter omcirkelden, hoe duidelijker die het ondoorgrondelijk mysterie van ieder historisch spoor blootlegden. Achter die namen, notariële akten en juridische dossiers gaapte te onmetelijke afasie van het leven dat zich in zichzelf opsluit.”[2]
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