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Sonntag, 7. April 2024

Abschied abgelehnt - Jochen Schimmangs neues Buch „Abschied von den Diskursteilnehmern“



Vor zehn Jahren hat Jochen Schimmang seine „Geländegänge“ zu einem regelrechten Genre entwickelt: kurze literarische Reflexionen und Erinnerungen aus der deutschen Peripherie („Grenzen Ränder Niemandsländer. 51 Geländegänge“, Hamburg 2014, 156 Seiten). Jetzt sind „Neue Geländegänge“ erschienen, in denen Schimmang seinen „Abschied von den Diskursteilnehmern“ ankündigt (Hamburg 2024, 116 Seiten, 20 €).

Wie vor zehn Jahren setzt er uns mit einem Motto von Roland Barthes auf seine Spur, die einen Diskurs verfolgt, der „weder politisch, noch religiös, noch wissenschaftlich ist; der gewissermaßen das Übrigbleibende und der Zusatz aller dieser Aussagen wäre“.

Es handelt sich diesmal um nichts weniger als um eine Rückschau auf sein reichhaltiges literarisches Leben seit dem über die Jahrzehnte hin erfolgreichen Debütroman „Der schöne Vogel Phönix“ von 1979, eingebettet in allerlei vergnügliche Reflexionen, Antipathien und Idiosynkrasien. Deutlich erkennbar ist dabei ein gewisser Wille zum Abschied, da „die Welt von gestern schneller zu verschwinden scheint, als er selbst“ (48):

Bitte schön! …, sage ich da als Rezensent:

Jochen Schimmang, nach eigener Aussage, „ein Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts“, nimmt Abschied!!

Na dann Adieu, all ihr Kameraden im Diskurs!!! …

Wie um das zu unterstützen hat die Edition Nautilus dem kleinen Bändchen einen besonders schönen Einband gegeben (Maja Bechert), an dessen Rändern der Name des Autors und der Buchtitel in Meeresstrudeln zu versinken drohen. Ich meinte schon, Jochen Schimmang salutierend mit seinem letzten Buch untergehen zu sehen…

Aber Halt! Was lese ich da auf Seite 51? …

Er „kann sehr wohl neben dem neuen Jahrhundert daherleben, dessen Zeuge er ist. Ein Zustand entspannter Unaufmerksamkeit, der ab und zu Kleinode zu Tage fördert“ (51f.). 

Und das neue Buch funkelt geradezu vor diesen Kleinodien.

Zum Beispiel Schimmangs Reflexion zur „Zeitenwende“, die der deutsche Bundeskanzler in seiner Rede vom 27. Februar 2022 ausgerufen hat: „Im deutschen Rahmen zeugt der Begriff von geradezu grotesker Provinzialität.“ (…) Ein Freund „verwandelte den Begriff ironisch in die ‚Seitenwände‘. So passt es besser.“ (31f.).

Oder die „Unwetternovelle“: Am 29. Juni 2017 versucht der Autor nach einer Lesung im Brecht-Haus mit seiner Frau zu Freunden nach Charlottenburg zu fahren. Plötzliche unerhörte Regenfälle verhindern das, und das Paar sieht sich gezwungen, Berlin zu verlassen und unter weiteren Wasserfluten über die A 10 und A 24 an die ehemalige Grenzübergangsstelle zu Schleswig-Holstein zu gelangen, wo der Regen schlagartig aufhört (40f.). Auch ein Beinahe-Untergang!

Schön sind auch die positiven Erinnerungen und Wunschphantasien, so der „Wunsch, Franzose zu werden“, in dem Schimmang eine ironische Parallele zu KafkasText „Wunsch, Indianer zu werden“ konstruiert, um dann im zweiten Teil knallhart im 21.Jahrhundert zu landen:

„Stattdessen im eigenen Land die vielfache Teilung, die Spaltung, die Zerrissenheit, das Zerfleddern, der Flickenteppich, der Zwist, die Konfrontation, die Usurpation, die Anmaßung, der Selbsthass, der Größenwahn, das Einheitsdiktat, das fortgesetzte Misslingen seit Jahrhunderten, das ihm ebenso erhalten bleiben möge auf Lebenszeit wie der Wunsch, Franzose zu werden“ (48).

Na, bitte schön, sage ich da als Rezensent: Abschiedsgesuch abgelehnt!

Weitermachen!!!


 

 


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